Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./20. Dezember 1947 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

19.12.47.
Meine einzige Freundin!
Nachdem ich eben an den Kollegen Kurt Schneider in Heidelberg geschrieben habe, will ich mit dem Weihnachtsgruß an Dich auch schon immer anfangen. Denn Eure Post kenne ich ja in ihren Festtagsleistungen. Es ist ohnehin leider das Einzige womit ich mich bei Dir zu Weihnachten bemerklich machen kann, während ein von Dir gesandtes liebes Paket heute schon abgeholt worden ist. Aber in diesem freundlichen Nest gibt es nicht einmal ein Buch, das einen Sinn hätte, und viel Kraft ist nach diesem anspruchsvollen Semester auch nicht mehr übrig.
Ich verstehe es sehr, daß Du bei Deinen wissenschaftlichen Zeichnungen höchste Qualitätsleistungen erreichen willst. Auch ich nehme alles, auch das Klein
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|ste, so ernst. Jedoch kann ich mir vorstellen, wie sehr diese Arbeit die Augen und damit auch die Kopfnerven angreift. Deshalb wäre es mir lieb, wenn Du mindest[] ens einmal einen anderen Auftraggeber hättest als die Augenklinik. Auch wünschte ich, daß Du in der vorweihnachtlichen Zeit nicht den Kampf um die Elektrische zu führen brauchtest. Aber man wünscht, und die Verhältnisse behalten doch die Macht.
Der Seminarkaffee hat in guter Stimmung stattgefunden, und dank meinem Harem hat alles funktioniert. Am Tage vorher habe ich in der Diesvorlesung den Gipfel erklommen mit einer komprimierten Darstellung von Goethes Menschenbild, die mir vielleicht keiner nachmacht. Und gestern hat das Unternehmen geschlossen, immer noch mit wohl 650 Hörern. Nun liegen 350 tote Zettel von den 12 Vollstunden da, das Zeichen einer wirklich ungeheuren Arbeit. Die Leute hier, besonders die Studenten, scheinen es als selbstverständlich anzusehen, daß ihnen so etwas geboten
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| wird. Wie viele Jahrzehnte der Kleinarbeit dahinter liegen, ahnen sie nicht, und darin liegt das Bedenkliche dieses "Feezes" (fêtes.) Auch die anderen Veranstaltungen haben normal geschlossen; es sind nur noch 2 Sitzungen zu absolvieren.

20.XII.47.
Da kam ein Vertreter des "westlichen Reclam" wegen eines Geleitwortes zu dem Bodmanbuch. Die beiden Sitzungen sind auch vorüber; in der einen habe ich einen tüchtigen jüngeren Mann für Philosophie (der Mathematik etc.) habilitieren können.
Ich weiß nicht ob ich Dir schon geschrieben haben, daß ich einen Ruf nach Tucumán als Extraordinarius hatte, wie schon vorher eine Einladung zu Gastvorlesungen nach Quito (4000 m hoch.) Soeben kam eine Zuschrift aus Habana. Der Ortsname ist [über der Zeile] klingt ganz gut, ist aber "nicht so viel wert", wegen des strikten Einfuhrverbotes. Meine Schriften scheinen jenen Ländern spanisch vorzukommen.
Ich habe ausgerechnet, daß ich in den Ferien 11 Zusagen für literarische Lieferungen zu erfüllen habe, z. T. kleines Zeug, aber doch reiner Zeit- und Lebensverderb. Außerdem habe ich
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| in Stuttgart 3 Vorträge zu halten, der mittlere ist für die Technische Hochschule gratis, am 23.II.48. Ich habe aber gebeten, daß man mir für den 24.II. eine Zulassungskarte zum Dzug nach Heidelberg besorgt. Nur zu einer kleinen Spritztour. Paß, Kälte, Gesundheit sind dabei noch unbestimmte Faktoren. Aber wir wollen wieder einmal planen.
Eine sehr angenehme Unterredung hatte ich mit einem Benediktinerpater aus Beuron; höchste, edelste Kulturtradition. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich eine Einladung vom Erzabt. Ob es im Sommer einmal glücken wird?
Für mehr als diese inhaltsarmen Zeilen ist vor dem Fest leider keine Zeit mehr. Wirst Du am Heiligen Abend allein zu Hause sein? Dann sorge dafür – ohne Geiz – daß Dein Zimmer einmal ordentlich warm wird. Am 25.XII. erscheint in dem Weltblatt "Der Württemberger" ein Artikel von mir, den Du zu Silvester lesen und auf den 24.XII. zurückbeziehen sollst. Wenn Du Hermann schreibst, grüße ihn bitte herzlich. Um den nahen Osten ist man in neuer Sorge, mindestens gibt das einen langen Schwebezustand. Wir trauern auf den Trümmern von Karthago, Weihnachten ist immer "trotzdem". Laß es auch in Deinem Herzen leuchten Kraft der Liebe, die uns auf Zeit und Ewigkeit vereint. Ich bin mit <li. Rand> ganzer Seele bei Dir. Susanne und Ida grüßen herzlichst. Dein stets dankbarer Eduard.
[li. Rand S. 2] "Kohlentragen"! – kann das nicht ein hilfreicher Nachbar gegen eine Zigarre abnehmen??