Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Dezember 1947 (Tübingen)


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Tübingen, den 31.XII.47.
21 Uhr.
Meine einzige Freundin!
Am Silvesterabend möchte ich mich noch ein wenig mit Dir unterhalten; zugleich 2 liebe Briefe vom 19. und 24.XII beantworten. Deine Weihnachtstage scheinen etwas prosaisch gewesen zu sein, und so war es auch hier. Sehr betrübt hat mich die Nachricht über die schmerzenden Füße. Es ist zu fürchten, daß das bei Schneefall wiederkehrt, und damit werden wir nun wohl zu rechnen haben, da doch der Winter endlich anfangen muß. Wenn Du nur bei starkem Heizen auf 12° kommst und dann im Januar mit dem Vorrat zu Ende bist, dann scheint mir die Frage unabweisbar, ob man Heizmaterial auf schwarzem Wege haben kann. Laß das doch durch die Brüder Mat. einmal feststellen. Wenn die Preise in vorstellbaren Grenzen bleiben (wie hier), dann beschaffe was und sende mir die Rechnung sofort.
Ich bedanke mich im Namen des ganzen Hauses für das Weihnachtspaket mit Hefe, Quitten, Hagebutten, Schnupfenmittel, Zür. Stumpen u.s.f. Wir hoffen, daß Du unser
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| am 5.XII. abgesandtes Lebensmittelpaket (Choc, Fett, Fleisch) zu Weihnachten erhalten hast, und schon vorher meine Drucksache "Credo".
Weihnachtsnachmittag mit Ida und ihren beiden Verwandten. 2. Feiertag v. Harnack u. Frau [über der Zeile] bei uns. 3. Feiertag ging der durch doppelte Erkundigung festgestellte Zug eben doch nicht und wir müßten 1½ Stunden gegen den Wind mit schneeigem Regen nach Bühl auf der Landstraße marschieren; bei Herres gab es Gans. Auf diesen Höhepunkt folgten 3 Tage Regenwetter und Hochwasser, das ihr noch mehr bemerkt haben werdet als wir. Ich habe in den Feiertagen 2 weitere Mss. fertiggestellt (für Amerika und für einen Universitätsalmanach.) Dann mußte ich abbrechen und habe 3 Tage lang nur Briefe geschrieben. Heute auch an Hermann. Ich habe ihm gesagt, daß alles auf eine sehr schnelle Entnazif. ankommt und daß er es dann bei Landerziehungsheimen versuchen soll. Der Staat Bayern stellt ihn nie an. Und Dieter habe ich den Rat gegeben, sich an geeigneten Stellen persönlich zu melden. Schreiben hilft nichts. Radbruch kann nichts dafür tun. Kurt Schneider kennt mich vielleicht besser. Ich habe eben einen langen Antwortbrief von ihm
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| bekommen.
Der Onkel Conrad, bisher Waldhilsbach, ist mit Frau jetzt in einem Heim in der Stiftmühle. Das gefällt mir nicht übel. Und wenn Du kein warmes Zimmer hast, keine vollständige Ernährung, schmerzende Füße – dann scheint mir ein Gegenargument gegen eine solche Unterbringung wesentlich dies zu sein, daß man so leicht nicht das Glück hat, sie zu finden. Der reife Mensch muß noch meditieren können. Die Plage des Alltags frißt Dich aber auf.
Heute kam auch ein Brief von Ernst Hoffmann. Er schreibt sehr zufrieden über Frl. Dr. Clauß, bei der er in Behandlung ist.
Ich bin auch in Behandlung. Auf Grund eines évènements habe ich mir vorgenommen, keinen Laut der Unzufriedenheit mit meiner Lage mehr von mir zu geben. (Unzufriedenheit mit den hilfreichen Frauen im Hause kommt ja nicht in Frage.) Seltsam: diese Methode bekommt mir sehr schlecht. Es ist mir, als ob ich nur noch halb lebe, seitdem ich nicht mehr schimpfen kann. Ein Zuviel an Moral ist – wenigstens für mich – Gift.
Da die so herzlich ersehnte, für mein Inneres absolut notwendige Albfahrt am Wetter scheiterte, waren wir am 1. Feiertag mit dem Neffen Günther, als welcher ein Bär ist, in dem Film
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| "Friedmann Bach". (alt – nicht übel.) Vorgestern war Klosteranerzusammkunft, bei der ich einen Klassenkameraden zu treffen pflege einen sehr lieben Menschen. Was ich leiste, würde der nicht mehr aufbringen Und wie lange geht es noch bei mir? Unter den zahlreichen Weihnachtsbüchern, die ich – meist von Verlegern – bekam, waren 3 sehr bewegende Sachen. U. v. Hassell, Das andere Deutschland (worin ich auch vorkomme, ich habe ihn noch am 25.VII.44 gesprochen. Du hast ihn in Mittenwald flüchtig gesehen – er ist Schwiegersohn von Tirpitz.), Bonhoeffers Gedichte aus Gefängnis Moabit, u. Haushofers daselbst verfaßte Sonette, diese von Theo. (hatte ich schon.)
Meine Schülerin Frau Morgan [über der Zeile] hat aus Neyork allerhand gesandt. Aber Ida hat das große Los gezogen: sie bekam aus Amerika einen Pelzmantel; gemeinsame Spaziergänge werden unsere Neckheit zeigen.
Eine Andeutung von Baum [über der Zeile in lat. Buchst. wiederholt] Baum, die nicht riecht, steht in m. Zimmer. Eine Schwalbe macht keinen Sommer, ein Baum macht kein Weihnachten.
Morgen bin ich mit anderen Kollegen beim Gouveneur zur Cour.
Über die Weihnachtspost ein andres Mal. Ich halte nichts von der künstlichen Zäsur am 1.I. Aber daß ich zum neuen Jahr mit allen Fasern meines Herzens bei Dir bin – das ist nichts Neues. Meine Wünsche für Dein Leben im Sinne des "Württembergers"! Wir alle danken Dir herzlich für <li. Rand> Deine Gaben und wünschten, Dir in vielem wirkliche Erleichterung verschaffen zu können.
Innigst Dein Eduard.

[li. Rand S. 1] Bitte danke Hrn. Dr. Matussek für seinen sehr lieben Brief, um diese Zeit des Jahres könnte ich leider nicht antworten
[re. Rand S. 1] An die Bevölkerung sind ein paar halbe Liter Wein verkauft worden. Wer da sagt, es sei Wasser in den Wein geschüttet, den frage ich: und wo war der Wein??