Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Januar 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Januar 1947.
Mein geliebter Freund,
Du kannst Dir gar keine Vorstellung davon machen, wie befreiend es auf mich wirkt, daß ich seit zwei Tagen nicht mehr so entsetzlich frieren muß. Sobald draußen die Temperatur über 0° ist, läßt sich im Zimmer eine ausgezeichnete Wärme erzielen. Denn ich spare wirklich nicht mit der Heizung, wenn ich auch nicht weiß, wie das Material ausreichen soll. Dein liebes, tröstliches Anerbieten von Hülfe ist freilich "nicht so viel wert", denn man kann ja kein Holz kaufen, und das amtlich aufgerufene ist so naß, daß noch im Keller die Eiskristalle darauf glitzerten. Ein Glück nur, daß ich noch einen beträchtlichen Rest vom vorigen Jahr hatte. – Genug, ich sitze, allerdings warm eingepackt, aber behaglich, mit knackendem Holz im Ofen und möchte den Sonntag abend nutzen, um endlich einmal wieder einen "Brief" zu schreiben, der das Porto wert ist. Vorhin habe ich ganz rasch an Rudolf Nitsche mehrere Partien Schach verloren. Wir hausen nämlich seit dem 3. Feiertag ohne die Schwester, die aber dieser Tage von der Reise zu nahrhaften Verwandten auf dem Lande bei Gießen zurück kommt. Es war ganz nett mit ihm allein, und so hoffe ich, soll sich ein etwas menschlicherer Verkehr anbahnen. –
Von Matusseks habe ich leider länger nichts gesehen. Ich müßte wohl den " kleinen Bruder" mal aufsuchen,
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| vor allem um mich nach dem größeren zu erkundigen, dem es mal wieder nicht gut ging. Um ihn muß man sich wirklich Sorge machen.
Wie hast denn Du diese grausame Kälte überstanden in dem großen Zimmer mit den vielen Fenstern? Konntest Du es vermeiden, bei dem Glatteis auszugehen? Hier war es damit nicht arg, überhaupt habe ich ja einen ziemlich sicheren Gang und im Fall ich falle, falle ich immer sehr geschickt!! Schlimmer war es, daß ich so böse Froststellen an den Füßen hatte, daß ich vor Schmerzen fast nicht gehen konnte, und an den Händen sind es die Nagelwurzeln, die rot und geschwollen, die Finger sehr ungeschickt machen. Wie sagt doch der Pfälzer? "Man wird alt und merkts net, und wiescht, und glaabt's net" – wie kann er sich nur so irren, man merkt es gründlich! Sehr heiße Bäder und nachts eine Wärmflasche (früher mein Abscheu) haben mir ziemlich davon geholfen. – Das sind so die kleinen Miseren, an denen es nie fehlt. So ist z. B. heute der Gurt in einem der Rolladen gerissen. Wird das zu reparieren sein?! Und das ist ausgerechnet das Fenster, an dem meine selbstgezogenen Alpenveilchen stehen, die eben aufblühen wollten.
Aber an den inneren Menschen reicht das ja alles nicht heran. Da fehlt es nur leider meist vor lauter täglichen Obliegenheiten an der ersehnten Besinnlichkeit. Und doch ist abends die Müdigkeit so groß, als hätte man eine wirkliche Arbeit geleistet. Immer als Glücksgefühl
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| gegenwärtig ist mir der Gedanke an Dich. Denn ich bilde mir ein, es gehe Dir in Deiner Arbeitsfülle doch gut. Ist die Arbeitsgemeinschaft dieser Ferien lohnend gewesen? War dabei vielleicht ein Student, der eigentlich katholischer Geistlicher werden wollte? Es ist ein Bekannter (ich glaube nur schriftlicher –) von Ursel Kohler, der ihr sehr begeistert von Tübingen schrieb, Jurist? ist, und allgemeine Bildung sucht, auch "bei dem berühmten Prof. Spranger" hört. Wie hübsch war das auf diesem Umweg zu erfahren! – Wenn ich doch nur auch einmal wieder daran teilhaben könnte! Ganz leise hatte ich wirklich zu Weihnachten auf die "Magie der Seele" gehofft. Daß Du auch eine [über der Zeile] mögliche Fortsetzung der persönlichen Aufzeichnungen erwähnst, hatte für mich nicht im Bereich der Erwartungen gelegen, denn es ist ja überhaupt mehr meine Natur, überrascht zu werden. Das war mir so oft verletzend am Vorstand, daß sie an allem, was etwa sein könnte, herumredete. –  –
Mit Frau Buttmi ist ein wirklich freundschaftliches Verhältnis entstanden. Wir lasen vor einigen Tagen zusammen "die sittliche Astrologie der Makarie", und es knüpfte sich allerlei Persönliches daran. Morgen abend (leider nach dem Nachtessen) kommt sie mit Gundel zu mir. Wie hübsch, daß Du Dir das nun auch wirklich vorstellen kannst. – Je weniger ich im Hause hier Entgegenkommen finde, desto mehr empfinde ich die Freundschaft, die mir sonst erwiesen
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| wird. Es ist nur so schwierig, diesen Verkehr zu pflegen, weil jeder so vollauf zu tun hat, und der Tag durch die Sperrstunden von Gas und Strom, und durch [über der Zeile] die diversen Zeiten des Einkaufens so zwangsläufig eingeteilt ist. Ich bin manchen Geschäften und Handwerkern in der Stadt immer noch treu, aber ich vermeide ein zu häufiges Fahren dorthin, weil es eine Tortur ist. So fehlt es auch fast immer am Entschluß, die Gelegenheit zu interessanten Vorträgen zu benutzen, so gern ich möchte. – Bei Rösel las ich zu Silvester eine kleine Broschüre von Prof. Buchwald, Schillers Wirkung auf seine und auf unsere Zeit, in der mir allerlei gute Gedanken begegneten. "Gute" Gedanken sind eben doch meist die, die einem einleuchten! Aber haben wir ein Recht, uns als Volk noch auf die Würde jener Generation zu berufen, ja – "Generation"; Anna Weise schickte mir wieder den kleinen Aufsatz, der im Tagesspiegel abgedruckt ist. Welche erschütternde Tragik ist in diesem Bild der Epoche [über der Zeile] zum Ausdruck gekommen, deren Erbschaft heute bewältigt werden soll. Können wir dies Schicksal "verstehen"? Wir müssen es leben; möchten wir Zeit haben, von innen heraus das Maß zu finden zwischen diesem Strom überindividueller vernichtender Mächte und [über der Zeile] dem widerstrebenden Ich. Einfach zurückkehren zu der Weisheit der Schiller-Zeit
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| können wir nicht. Es liegt zuviel dazwischen an Hast und Zersplitterung [über der Zeile] und Zersetzung. Aber wir können Kraft gewinnen an dem Vorbild jener Menschen. "Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt" – und das ist es, was Du gerade in diesem Goethe-Büchlein so eindringlich vermittelst. – Wie mahnt mich doch dieser Aufsatz so besonders an jenen bedeutungsvollen Traum, der mir um die Zeit Deiner Geburt prophetisch von zukünftigen Geschehen redete. Ich wollte doch, wir könnten uns endlich einmal wieder sprechen. Es wäre so viel zu sagen, und das Schreiben ist mir so ungewohnt geworden. Denn das alles hängt doch auch mit der Magie der Seele zusammen, mit diesen geheimen Kräften des Lebens, die uns nicht untergehen lassen.
Du schreibst von Nachsicht, die ich mit Deinem lieben letzten Brief haben soll. Wie viel mehr muß ich um Nachsicht bitten! Wie unbeholfen ist alles zum Ausdruck gekommen, was so lebendig in mir ist. Ich empfinde immer neben der Zersplitterung des täglichen Geschehens so deutlich die ganze Einheitlichkeit meines Daseins, im Guten und im Bösen, im begnadeten und im eigenen Unvermögen, im Geborgensein und in dieser zerstörten Welt! Nur die Wärme menschlicher Güte gibt dieser Trümmerwüste ein tröstliches Licht. Könnte ich doch all die Liebe auch wirklich zum
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| tätigen Ausdruck bringen, die mich erfüllt. Aber nach allen Seiten bin ich nur empfangend. Es war seit dem 13. Juli eine Art Lähmung über mich gekommen, die ich nur ganz allmälig zu überwinden hoffen kann.
Für heute muß ich endlich aufhören. Ich werde vielleicht mal wieder im Traum mit Dir zusammensein, wie es in letzter Zeit sehr häufig der Fall war. Das ist dann ein wenn auch "kein vollwertiger Ersatz", wie so vieles jetzt! – Das Buch der Marianne Weber ist noch nicht in Angriff genommen. An meinem Bett liegt augenblicklich, außer Deinem Goethe-Buch, das Neue Testament. Es merkwürdig, wie anders ich das jetzt lese.
Danken wollte ich Dir noch für die vielerlei hübschen Briefmarken, die Du in Lili Scheibes Interesse verwendest. Und fragen, wer ist das: Nebenmann? – Das Bildchen am Kalender ist von unserem letzten Aufenthalt auf der Insel zu dreien, Du warst schon in den Mohren zurückgegangen und ich machte die Aufnahme vom Landeplatz der Dampfer gegen Horn – auch bei Sonnenuntergang, wie es zeitgemäß war. Jetzt aber denke ich, wie mein Weg ging vom Gesetz zur Gewißheit und durch Dich zum Sinn. Und das Jenseits ist von je her für mich nicht jenseits. – Und für alles habe Dank und innige Grüße. –
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße auch Susanne sehr herzlich, und Ida ebenfalls.