Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Januar 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Jan. 1947
Mein geliebter Freund,
es hat diesmal wieder etwas länger gedauert, bis ich mich zum Schreiben aufraffe, aber da war natürlich die neue Kältewelle schuld, die mich lähmte. Du weißt ja, ich Murmeltier brauche eigentlich einen Winterschlaf. – Daß er nicht zur Ausführung kommt, daran ist der begehrliche Magen die Veranlassung, und geistig hast Du durch so viele liebe Zusendungen dafür gesorgt. Alle, angefangen bei Deinem lieben Brief vom 11.I., haben mein Gemüt in lebhafter Bewegung gehalten. – Welche Freude war mir der Brief von Paesler, der ein so unvermutetes Echo auf den Aufsatz über die Berliner Entwicklung gab. Da sieht man recht anschaulich, wie lebensvoll Du immer die Zustände siehst und wie in jeder Lebenslage Menschen von Deinen Worten berührt werden. Also seine schöne Jugendzeit wurde dem Mann lebendig, und der militärische Dienst, der jetztso mißachtet wird! Ich muß an den Flochberg denken, wo der Waldarbeiter sagte: wir wollen wieder einen Kaiser und ein Heer – etc. – Ja, es war einmal! Das gehört jetzt der Geschichte
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| an. Und wir erfahren es so besonders deutlich, wie anders sie in den heutigen Menschen aussieht, in den Leitenden und den Leidenden. Ich studiere eifrig an dem Artikel aus der Universitas, der mich in seiner gewohnten Klarheit fesselt und anregt, und in seiner ungewohnten würdigen Ausstattung anmutet "wie in alter Zeit". Ich lese vor allem daraus, daß das gesamte Denken der Zeit überall nach einer Totalität des Lebens strebte und noch strebt. Sehr lehrreich war mir auch diese knappe Formulierung von Hegels "spekulativem Mythos". Ich war immer nicht sicher, ob der objektive Geist wirklich mit dem Wort des Begriffes identisch sei. Wie recht hast Du, wenn Du darin Verwandschaft mit der Anthroposophie siehst; und als wildgewachsenes Unkraut auch mein eignes Denken. Denn mir hat ja die Natur auch immer eine eigne Seele gehabt.
Auch der Artikel, der die Wirkung zwischen Universität und Zeitung beleuchtet, hat mir neue Zusammenhänge gezeigt. Nicht alle sind so offensichtlich wie der Verfall der Moral durch Krieg und "Führung". Die Selbstverständlichkeit des Stehlens ist noch begreiflich, aber der Verlust jedes feineren Rechtsgefühls hat uns
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| ja so lange beunruhigt und im Gesamtsinn des Volkes gequält. Ach, mögest Du da zu einer segensreichen Wirkung kommen können! Es atmet mir aus all Deinen jetzigen Schriften so wohltuend ein ungehemmtes Ausströmen werterfüllter Überzeugung. Wie lange war das doch ganz unmöglich gewesen. – – Noch im Jahr 32 lag es so ganz anders. Der Goethe-Aufsatz, d. h. die Rede vom 26. Juni, ist mit allen Nebenumständen noch so gegenwärtig in mir. Das waren noch Tage äußerer Blüte. Wie stolz warst Du, ein bedeutendes Mitglied dieser hochstehenden Universität zu sein! Und dann kam die rapide Zerstörung, auch von innen, von gesinnungsloser Kollegenschaft. Und jetzt bist Du sehr zur rechten Zeit fortgegangen, und hast ein hohes Ansehen zurückgelassen. Wie bedauernd waren all die Nachrufe, und wie bissig wird der Nachfolger von der Kritik behandelt! Das ist ja ein ganz bösartiges Bild, das mir da ins Haus kam, und wie treffend. –
Von den hiesigen Zuständen erfahre ich wenig, seit Matussek durch seine Arbeit sehr in Anspruch genommen ist. Am 15. Februar muß er sie bei Springer abliefern. Es geht ihm mit dem Befinden wechselnd, und es wird gut sein, wenn dieser aufregende Druck vorbei ist.
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Wo ist aber jetzt nicht in Deutschland fieberhafte Tätigkeit? Ich sorge mich recht um Mädi. Sie hat das ganz kleine Kind, und die beiden älteren haben Keuchhusten. Sie ist ohne Hilfe im Hause und ist selbst krank, aber natürlich ohne Schonung. Es ist ein Elend. Auch an die Lili in Rügen mit den 4 Kindern und der großen Arbeitslast darf man gar nicht denken. Sie muß jetzt im eignen Grundstück Bäume fällen, um genügend heizen zu können. Und wie wenig solch nasses Holz wärmt, wissen wir ja. Heut ist bei mir ausnahmsweise kein Feuer gewesen, weil ich den ganzen Tag auswärts war. Aber sonst ist es jetzt verträglich mit der Temperatur, weil die Wände nun angewärmt sind. Augenblicklich sitze ich allein in der warmen Küche zum Schreiben. – Ich war vor Tisch bei Frl. Schupp, die ich in einem freundlichem Zimmer, umgeben von all ihren alten Sachen antraf. Sie sah aber recht verfallen aus, und ein großer Überstand ist, daß Küche und Mädchenzimmer im anderen Stockwerk sind. Mein herrlich aufgeblühtes Alpenveilchen hat ihr aber sichtlich Freude bereitet. (Auch mein Rolladen ist wieder gemacht, der Handwerker kam am gleichen Tage und konnte es rasch reparieren). – Die Kältewelle scheint, wenigstens bei uns, nicht so schlimm zu werden.
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Dennoch war es mir sehr erfreulich, mal in einem Zimmer zu sein, wo mit Kohlen geheizt war. Ich war nämlich zu Tisch bei Hedwig Mathy, die vor acht Tagen bei mir zum Essen war. So abwechselnd ist das ja nett. Da hat jeder mal nicht zu kochen und kann sich wohl sein lassen. – Du fragst nach Frau Frobenius. Sie heißt Margarete und rühmt sich italienischer Ahnen, Näheres über den Beruf des Mannes weiß ich noch nicht. Sie ist mir durch Familie Drechsler bekannt geworden, mit denen sie befreundet war, was sie etwas auf mich überträgt. – Und am nächsten Montag soll ich bei der anderen Mathy-Schwester, der Frau GeheRat Geh. Regierungsrat Franz sein; das ist also auch ein Ferientag für mich.
Wie sind nun Deine Ferientage verlaufen? Hast Du gut Zeit gefunden für die Vorbereitung vom Sommerkolleg? Hast Du den gewünschten Paß bekommen? Ist die Glätte der Straßen nicht mehr so arg? Hier wird viel Sand und Asche gestreut, zum Ärger der Kinder, aber zum Wohl der Erwachsenen. Wird trotz der erneuten Kälte das Kolleg am 03. beginnen?
Sehr froh bin ich, daß das amerik. Packet endlich ankam. Und wenn ich auch mal irgend was, wovon ich reichlich habe, schicke, dann bitte ich,
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| nicht gleich so meckern, denn ich habe es hier zehnmal so gut wie Ihr. Die Butter, von der Du immer wieder sprichst, war zur Hälfte von Matussek, der jetzt in Klinikverpflegung ist. Und sonst haben wir augenblicklich derart viele Sonderzuteilungen, daß wir ganz erstaunt sind: Brot, Nährmittel, Fisch, etc. Aber Fett soll auch bei uns jetzt weniger werden. Eine Dose Malzextrakt habe ich auch seit heute wieder, Das gibt es nur auf Rezept, kurz ich bin sehr reichlich versorgt und entnehme mit Kummer, wie knapp es bei euch zuging aus Deinen nachträglichen Bemerkungen. Also, ich esse, so viel ich irgend kann und schlafe gut, auch oft nach Tisch länger, als ich will, kurz ich habe eine wahre Sinecure. Wenn ich trotzdem nicht dick werde, so ist es nicht meine Schuld!
Sehr gern wüßte ich, ob ich auch den Grund für ein zartes rosa Wölkchen richtig deute? Sehr viel Vertrauen habe ich vorläufig nicht dazu.
Jetzt heißt es aber Schluß, denn es ist recht spät geworden. Ich denke Deiner "ohn' Unterlaß" und meine treuen, sorgenden Wünsche sind immer um Dich. Mögen sie magische Kräfte haben! Grüße Susanne herzlichst und auch Ida. Sei selbst in inniger Liebe gegrüßt von
Deiner
Käthe.

[li. Rand S. 5] Die Anzeige von Hannelore hast Du nicht geschickt, nur mitgeteilt.