Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./10. Februar 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9.II.1947.
Mein lieber, einziger Freund,
Du solltest eigentlich diesen Brief heute schon haben, aber es war mal wieder mit dem Heizen zu schwierig. Und durch den Zettel an Susanne war wenigstens Nachricht von mir bei Euch. Es will und will nicht mit der Kälte aufhören, und ich meine immer, ich hätte mich noch nie so auf den Frühling gefreut, denn ich habe wirklich schmerzhaft unter der Kälte gelitten. In der vorletzten Woche bin ich viel bei allen "beheizten" Freunden gewesen, hier in Rohrbach und in Neuenheim. Auch heute ist es bei mir nach der Heizung von 10 Uhr an jetzt (nach einem guten café)! nur 8°R. (d. h. Réaumur, wie ich immer schrieb.) – Aber ich will Dich, mein liebes Herz, nicht mit solchen Dingen langweilen, sondern mit Dir in Gedanken in Deinem warmen Zimmer sitzen und mich für Dich daran freuen.
Frau v. Schoepffer ist im St. Vincentius-Haus, um eine Star-Operation gemacht zu bekommen. Ich habe sie in der Vorbereitungszeit zweimal besucht. Frau Buttmi ist intensiv beteiligt, sich bei ihrer hausfräulichen Näherei von mir Deine Goethe-Auf
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|sätze vorlesen zu lassen. Da[über der Zeile] zu gibt es auch immer Kaffee und Wärme von außen! Von Rösel Hecht kommt man nie fort, ohne irgendwie gefüttert zu werden; kurz, ich nähre mich von der Güte meiner Freunde!!, obgleich [über der Zeile] ich auch zuhaus nicht Mangel leide. Ich werde geradezu von den Leuten beredet, wie wohl ich aussehe. – Ich empfinde es auch, daß es wieder aufwärts mit dem Befinden geht, und zwar, weil ich auf Dein Zureden hin alles nur Mögliche dafür tue. Vorigen Sonntag blieb ich ja sogar fast ganz, und meistens schlafend, im Bett. Aber es ist in mir immer ein Stachel des Gewissens wegen all der eigentlich notwendigen Tätigkeit, die ich einfach liegen lasse. Dabei unterstützen mich auch hier die Bekannten mit ihrer Meinung, daß Du ganz recht habest, sodaß ich nur zu gern nachgebe. Ganz tatkräftig in dieser Richtung ist Rösel. Sie hat mit energischem Überreden erreicht, daß ich diesmal meinen Geburtstag von ihr "feiern" lasse. Ist es nicht rührend gut von ihr? Sie will mir die Freude des "Beisammenseins mit lieben Menschen machen",
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| ohne die für meine augenblickliche Lage fast unmögliche Mühe. Es wird ein ausschließlich weiblicher Kreis sein von etwa 10 Personen!
Vorgestern haben Dr. Fink und Frau: Buttmis und mich zum Tee und kleinem Gebäck nach dem Abendbrot bei sich gehabt. Das war ein Nachbarliches Zusammensein an der Markscheide. Ich benutzte die Gelegenheit, den Dr. med. zu fragen, wie er Pathologie definieren würde, und er bezeichnete es als "die Lehre vom Krankhaften". Ich fragte weiter, ob es sich um krankhafte Anlage oder um Verbildung durch äußere Einflüsse handle, da meinte er: beides. Weiter kamen wir nicht damit. – Und Matusseks habe ich alle beide lange nicht gesehen.
In der armseligen hiesigen Zeitung, die der Dir bekannte Heuß und Dr. Agricola herausgibt, sind fortgesetzt streitbare Artikel, jetzt gegen Gertrud Bäumer, nebst deren Erwiderung, vordem gegen Alfred Weber. Diese bewährten Kämpfer von der alten Garde haben es schwer. Denn die neue Demokratie, vertreten durch den Kommunisten A. ist der Meinung,
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| daß demokratisch nur heißt, K.P.D. sein. – Hast Du eigentlich je was gehört von L. Lampert? Heut ist beifolgender Artikel über Dessoir gekommen. Wer ist denn Herbert Günther? Vielleicht ist er hier. Ich will mal nachforschen. – Dr. Fink ist sehr froh, eine Anstellung am Krankenhaus in Schorndorf, nahe Stuttgart, bekommen zu haben, wohin er am 1.III. geht, und hofft, im Laufe des Sommers für die Familie eine Wohnung zu finden. Er ist seit Jahren von den Seinen getrennt und man merkt es den Buben an! An dem Krankenhaus wird ein junger Mann Volontärarzt sein, der bei Hermann in Stolp als Schüler war. Wie eng ist Deutschland zusammengerückt! –
Auch in Bezug auf gegenseitige Hilfe. Wie freut es mich, daß Ihr Packete bekommt und daß auch von hier Gemüse zugebilligt wird. Daß ich mit dem Nichtschicken so folgsam war, beruht aber weder auf Knappheit hier, noch auf meinem Gehorsam, sondern lediglich auf der Energielosigkeit, die die Kälte bei mir erzeugte. Ich habe eine förmliche Furcht vor einer Tätigkeit, die Aufenthalt im Kalten erfordern könnte. – Aber daß ich vom Alleinsein trübsinnig würde, brauchst Du nicht zu fürchten. Höchstens drückt das unerquickliche und launenhafte Zusammensein hier im Hause manchmal auf mich. Das ganze Elend der Zeit freilich, das liegt immer im
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| Hintergrund. Das vergißt man aber auch in Gesellschaft Anderer nicht; ja, man trifft selten jemand, ohne von irgend welchem Unglück zu hören. Da ist eine Nachricht, wie bei Finks eine frohe Ausnahme.
Mit Freude nehme ich auch Anteil an all Deinen Arbeitsunternehmen. Deine Bemerkung, daß man von "Kulturpathologie" nicht reden dürfe, ist mir so ohne Zusammenhang nicht ganz verständlich, denn eine Entartung ist doch dann Pathologie. – "Mißbildungen" hieß es bei Ernst Schwalbe. Wenn ich das Exemplar finde, worin [über der Zeile] ich auch durch Zeichnungen vertreten bin, finde, will ich mal sehen, ob Ernst den Begriff irgendwie klärt. Dort waren es fehlerhafte Formbildungen durch Verschmelzen zweier Keimzellen. Auch dies nach festen Gesetzen. – –– Was Du in dem Tagesspiegel über das Hereinbrechen der Katastrophe, und vorher über die Vorzeichen derselben in der Kunst sagst, hat meine Gedanken viel beschäftigt. Kann man da überhaupt von einem Versäumnis oder einem Vorwurf reden? Ist es nicht vielmehr eine Naturentwicklung, wie ein Erschöpfungszustand nach einem Höhepunkt? Es wurde Herbst, und nach einer Zeit der Ruhe wird aus neuer Besinnung auf echte Werte auch eine Neugestaltung, keine Wiederholung des Früheren kommen. Wir werden aber viel zu tun haben, im Kampf mit
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| dem Amerikanertum und den nüchternen Erfordernissen der nackten Existenz das eigentliche "Leben" zu fördern. Davon haben, glaube ich, die Russen doch von Hause aus mehr latente Kräfte.

10.II. Ich hatte noch manches schreiben wollen, aber heute brennt kein Feuer im Ofen und da sind die Hände zu steif. So nimm vorlieb, mein einziger Freund! Laßt es Euch so gut wie irgend möglich gehen. Das ist meine beste Wärmequelle! Ich grüße das Kleeblatt in der Rümelinstraße, ganz besonders aber Dich!
Deine
Käthe.