Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./2. /3. März 1947 (Heidelberg


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Heidelberg. 1./2. März 1947.
Mein liebster Freund,
wie sehr hast Du mich mit Deinem lieben Brief zum 25.II. erfreut! Ich habe ihn erst zum Tage selbst aufgemacht, allerdings als Allererstes und Liebstes, wenige Minuten nach 12 Uhr, da ich noch nicht eingeschlafen war! Und dann am Morgen wieder als Erstes nach dem Erwachen. Denn Du hast recht, an solchen Tagen möchte man doch eigentlich beisammen sein. Aber "in der Tiefe des Gemütes" waren wir es, und das war mir den ganzen Tag in der Stille bewußt, trotz der mancherlei Ablenkung. Du hast so ganz die rechten Worte gefunden für das, was eigentlich unaussprechbar in uns und zwischen uns lebt und webt. Du hast mein Sein und Streben so überreich bestätigt, daß ich nur andächtig und dankbar fühlen kann: so war mein Wille von Anbeginn! Wie schön, wenn etwas davon für Dich Wirklichkeit werden dürfte! Gerade in letzter Zeit hatte ich oft das Gefühl, zu ver
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|sagen und im Kleinkram des Alltags zu versinken. Das soll aber ganz gewiß von nun an wieder besser werden. Es geht mir schon gesundheitlich so wesentlich besser, daß es gewiß auch dort vorwärts gehen wird.
Wie glücklich bin ich nun auch über das Paßbild! Das ist ein ganz anderer Mensch als auf dem letzten Berliner Bild. Das entspricht ganz dem, was ich von der Wirkung Tübingens auf Dich verhoffte und glaubte. – Und die Erinnerungsbilder?! Davon lebe ich. Sie sind so reich, daß ich mir schon seit langem sage: ich habe garkein Recht, noch irgend etwas von der Zukunft zu erwarten. Was auch komme, es ist schon aufgewogen von der glücklichen Vergangenheit. –
Sehr aus der dunklen Gegenwart herausgehoben war mein Geburtstag. Eine Menge lieber, treuer Grüße und lauter üppige Geschenke verschönten ihn über alles Erwarten, und die kleine Feier bei Rösel ließ an Kuchen und echtem Kaffee nichts aus der Friedenszeit vermissen. – Eine ganz besondere Freude war mir
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| auch Susanne's lieber Brief. Sie ist bevorzugt, daß sie so völlig nur für Dich sorgen darf. Aber es ist in mir nur ein frohes Gefühl, daß sie es so ganz für Dein Glück tun kann, und daß in mir auch nicht ein Schatten von Neid oder Mißgunst ist. Du weißt ja, ich habe keine Anlage zur Eifersucht. Dazu ist meine Liebe zu groß!
Meine hiesigen Freunde haben mich ganz ungehörig reich beschenkt. Ich weiß gar nicht, wie ich das erwidern soll. Elsbeth Gunzert-Wille kam tags zuvor schon [über der Zeile] mit einem Ei, mit 5 Briketts und einer Flasche Wein!! Deren 5 warten nun schon auf Dich im Keller. Und sonst gab es noch von allen Seiten Mitteilungen aus Carepaketen, Kaffee, Kakao, Tee – und gar Schokolade und Fleischdöschen von Susanne. Aber das kann ich doch nur mit stillem Kummer annehmen, weil es Euch viel nötiger ist als mir. Wir haben es wirklich hier durchaus reichlich [über der zeile] aus Dielbach z. B. bekam ich 4 Eier!. – Hedwig Mathy schenkte mir ein Heft: "Europäische Dokumente. (No 4.) – Ich habe dabei den Verdacht, daß dies der Verlag
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| mit dem mißgünstigen prominenten Mitarbeiter sei und habe ein Mißtrauen dagegen. Hoffentlich irre ich mich! –  – Es war sehr hübsch und gemütlich in dem ausgewählten Freundeskreis und alle schienen das zu finden. Ich blieb dann über Nacht dort, um nicht bei dem glatten Boden im Dunkeln auszugehen. Wenn wir solch nasses Frostwetter haben, denke ich immer mit Sorge an Dich, hoffentlich kannst Du auf bestreuten Wegen gehen. Hier ist der Fahrdamm mit dem scharfen Schotterkies am besten.

3.III. Abends habe ich mich schon mehrmals mit dem hübschen Berliner Büchlein beschäftigt. Das war mir eine große Freude in seiner Vielseitigkeit und seinen Heimatklängen. Starken Eindruck hat mir der Gang zur "musica sacra" gemacht. Warm berührt der "echte Berliner" wie er ist. Vielleicht sollte man seine Gutmütigkeit trotz aller faulen Witze noch mehr betonen! auch seine Tier- und Naturliebe. Interessiert hat mich, was er [über der Zeile] man über Kunst sagt.

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<versetzt aus 1946; gehört nach Inhalt und optischem Erscheinungsbild wohl zu diesem Brief, wenn auch kein direkter Anschluss>
Ich kann Dir den Autor nicht nennen, da ich im Laboratorium der Augenklinik (nachmittags ganz allein) weiter schreibe. Zu Hause ist nicht geheizt, denn zum Arbeiten würde das doch nicht ausreichen, obgleich ja heute ein erster schüchterner Vorfrühlungstag draußen ist. – Den Sonntag habe ich töricht verbracht. Geschw. N. hatten Gesellschaft, da fürchtete ich den Lärm und flüchtete zu Herancourts. Ich kam aber vom Regen in die Traufe, denn statt im Nebenzimmer mußte ich aus nächster Nähe Radio anhören, ein ganz albernes Hörspiel! Es sind ja liebe, sehr vorzügliche Menschen, aber in geistigen Bedürfnissen gehen wir sehr auseinander. Da ist Frau Buttmi anders! – Hübsch war es, daß ich Dr. Fink und seine reizende Frau am 26. abends bei mir hatte, bei Kuchen und echtem Tee, den Errungenschaften des Geburtstages. Schade, daß sie bald ganz fortgehen. Er bekommt in Schorndorf einen Assistenten, der irgendwie Beziehung zu Dir hat, und einen Volontär, der
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| Hermanns Schüler war. Es ist doch oft so, daß man eine nahe Möglichkeit erst dann gewahr wird, wenn sie fast zu Ende ist. –
Wie wirst Du eigentlich zu Deinem neuen Buch, der Magie der Seele kommen? Wird das nach Fr. geliefert? Ich war hier für Meinecke's "D. K." vorgemerkt seit September. Jetzt erfahre ich, daß die zweite Auflage bereits an andere verkauft ist. Da habe ich mich beschwert und wollte nun wenigstens mit Deiner Schrift sicher beliefert werden. Da sagt der Buchhändler, aus Rußland bekämen sie nichts zugeschickt! Und der Verlag ist Gotha. –  – Gotha! auch ein Erinnerungsbild!
Doch nun kommen bald die Herren Ärzte und ich will dies in den Postkasten bringen. Meine Zeichnung ist fertig, dies "Gewäsch" noch nicht! Aber Du wirst nachsichtig sein und zwischen den Zeilen lesen. Sage Susanne viele Grüße und vorläufigen Dank. In Dankbarkeit und treuer Liebe grüßt Dich innig
Deine Käthe.

[li. Rand] Oft denke ich mit Teilnahme an Wenke. Was wird er beginnen?
[li. Rand S. 3] Sind die 4 Päckchen von hier angekommen?