Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. März 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21.III.1947
Mein lieber, einziger Freund!
Dieses Monstrum von einem sogenannten Briefbogen ist nicht schön, aber an Umfang meiner Schreibelust angemessen. Es ist so viel an stillen Gedanken inzwischen ohne Mitteilung geblieben, weil das eifrige Zeichnen in der Klinik alle überschüssige Kraft verbrauchte. Aber es ist gut geraten und das macht mir Freude. – Daß auch sehr Schmerzliches in diese Tage fiel, erfuhrst Du durch den meinen Brief an Susannne. Die verehrte feinfühlige Frau v. Schoepffer wird mir sehr fehlen. Es bleibt mir nun als Dankbarkeit für viel wohltuende Stunden, mich etwas der sehr verwaisten Schwester anzunehmen. – Daß auch Ihr wieder gerade ein ähnliches Erlebnis hattet, ist seltsam. Mehr als die eigne Bereitschaft auf das Ende empfinde ich bei diesem plötzlichen Abreißen gewohnter Beziehungen das Unerreichbare dessen, was wir "Jenseits" nennen. – War Eure Sprachlehrerin eine ältere Dame, daß sie im Straßenverkehr verunglückte? Der ist freilich auch hier ungeheuer lebhaft und erfordert alle Aufmerksamkeit und Vorsicht.
Dein lieber Brief vom 12. März sagte mir vom 100. Geburtstag Deiner lieben Mutter. Der Tag als solcher war mir ja bewußt, aber nicht der wievielte! Ich habe nur in der Stille den Vergleich mit damals gezogen, wo ich schon ein Sträußchen Anemonen und Veilchen für sie suchen konnte, und jetzt fangen hier erst die Schneeglöckechen schüchtern an. Es ist überhaupt fast unmöglich Blumen zu bekommen und ich habe das Opfer gebracht, die wenigen Blüten meines durch 2½ Jahre gezogenes Alpenveilchen der lieben Frau v. Sch. mit in den Sarg zu geben. Es ist freilich ein Liebesbeweis, den sie nicht mehr empfand!
Heute ist es in meinem Zimmer auch ohne Heizung ganz behaglich. Gestern abend waren die Brüder Matussek da, nach dem Abendbrot zu einer (d. h. zwei) Tasse[] n Schokolade. Montag früh wird der jüngere kommen, um mir bei dem Ordnen der Bücher zu helfen. Das kann und muß nun endlich geschehen, sonst kommt es nie dazu, und ich werde nie seßhaft in diesem Raum. Übrigens die Sonne streift meine Fenster auch im höchsten Sommer nie, es liegt absolut nach Norden, nur das Mauerwerk seitlich wurde im August beleuchtet.
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| Braune Grüße hat mir der Neckar von Eurer Ammer gebracht. Aber so schöne Ausflüge wie Ihr nach Reutlingen machen wir hier nicht. Ich spekuliere etwas auf Dielbach, wenn es erst wirklich warm ist. Eingeladen bin ich schon lange! Noch immer ist keine bestimmte Aussicht auf Otto's Rückkehr. – Auch von Hermann ist länger keine Nachricht, aber da bin ich selber schuld. Du merkst ja, wie es mit meinem Schreiben steht. Die Töchter meldeten, daß es der Mutter nicht gut gegangen sei.
Das Schorndorf von Dr. Fink liegt ganz nahe bei Stuttgart. Ich habe die nette kleine Frau jetzt länger nicht gesehen. Auch die Lesetage mit Frau Buttmi sind eingeschlafen, denn die Volksschule ist wieder eröffnet und da hat sie keine Zeit. Überall sind übrigens die Ferien zu andern Zeiten. Hier hat jetzt die Uni frei. Das war für die Temperatur der Hörsäle bei Euch günstiger eingerichtet, aber ich kann mir denken, daß die Unterbrechung des Semesters recht unbequem war. Wie gut nur, daß Du das Oberseminar durchführen konntest. Waren sie alle beisammen geblieben? Wie fein das sie Deine Treue so mit Erfolg lohnten!
Sehr erfreut bin ich auch, daß Wenke wieder einen Lehrstuhl hat. Aber wie ist das mit Litt? Der ist doch nun der "erforderliche" offne Kämpfer gegen das verflossene System, wo bleibt die Anerkennung dafür? Ich fürchte, er war zu lange aus dem Zusammenhang. – Da freut es mich doppelt, wie sie in B. Dein Andenken festhalten. M. erzählte mir gestern, daß im Tagesspiegel ein kritischer Aufsatz Deine richtige Voraussicht gelobt habe. – Wann wird denn einmal das ewige Prozessieren und vor allem das Denunzieren aufhören? Es ist furchtbar diese Zeit der Niedrigkeiten! –  – Wenn doch nun endlich Dein Buch erscheinen [über der Zeile] wollte! Ich habe ja nicht gezweifelt, mein liebes Herz, daß Du es mir schenken wirst. Aber ich wollte es selbst verschenken können und deshalb suchte ich es durch den Buchhändler zu erlangen! Das geht aber nicht wegend er Zonengrenze. Hoffentlich hat das für Dich nicht auch Gültigkeit! – Der Vortrag von Hartlaub hätte mich interessiert. Ich gehe aber garnicht aus wegen der großen Müdigkeit! Ein kleines Buch von E. Jünger gab mir Hedwig Mathy,: "Geheimnisse der Sprache", über allerlei Eigenschaften derBuchstaben, vor allem der vokale. Es kommt mir aber bei vielen treffenden Bemerkungen doch recht erzwungen vor. – Doch nun zwingt mich der große Bogen ein Ende zu machen. Darum gute Nacht. Sei innig gegrüßt <2–3 Wörter abgeschnitten> <li. Rand> auch Susanne und Ida meine besten Grüße. Und wenn Du Cilly siehst auch ihr. – in treuem Gedenken
Deine Käthe.