Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. März/3. April 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.III.1947.
Mein geliebter Freund!
Nun will ich wenigstens heute noch anfangen, auf diesem Riesenbogen, wie voriges Mal, wenn ich auch wenig zu melden habe. Oder ist es nur so Unwichtiges? Was mich am meisten beschäftigte, war die Sorge um die jüngere Frau Buttmi, die eine starke, bedrohliche Eiterung am Mittelfinger der rechten Hand hatte. Über eine Woche zog sich die Sache hin, ohne daß selbst der Arzt klug daraus wurde. Da wurde es derart, daß er die Patientin zum Chirurgen schickte, der sofort unter Narkose operierte. Nun geht es endlich besser. Das ist nun auch solch eine Zeiterscheinung, man hört Derartiges, auch von Furunkeln, viel. – Wohltuend war vorgestern der erste deutliche, durchweg warme Frühlingstag – natürlich Föhn. Und da gab es denn gestern gleich wieder Regen und Kühle. Aber er muß doch nun endlich kommen! Die Bäume haben so schwellende Knospen, und die Vögel singen unermüdlich. Hoffen wir auf Ostern!
Gestern war ich wieder wegen der Wäsche in Ziegelhausen. Das ist die einzige Art, wie ich "spazieren" gehe. Aber das ist dann jedesmal ein Genuß. Aber sonst ist es ziemlich öde, auch mit mir. Ich bin von einer geradezu erschreckenden Vergeßlichkeit, und infolge dessen beständig auf der Suche nach irgend etwas, Schlüssel, Brille, Brief – oder gar Wichtigeres. Wenn ich eben einen Gegenstand mit Sorgfalt und Überlegung fortlege, so weiß ich nach einer Stunde nicht mehr, wo er ist. So ging es mir gestern wieder mal mit dem Sparkassenbuch, das ich vormittags von der gewohnten Stelle fortnahm, um Geld abzuheben, dann aber wieder fortlegte, weil es zu spät dafür geworden war. Am Abend fand ich es dann nicht wieder, weil ich es "noch sicherer" verborgen hatte. Aber auch sonst vermisse ich häufig etwas, was garnicht verloren ist, aber ich finde es gerade nicht gleich. Dann faßt mich ein jäher Schreck, den ich im ganzen Körper spüre, noch lange. Ich nehme das meist nicht sehr tragisch und bin rasch gefaßt, aber ich leide unter der Unzuverlässigkeit meines Handelns und traue mir immer gleich irgend einen Irrtum oder eine Flüchtigkeit zu, was aber meist garnicht zutrifft. Es ist nur das Nachlassen der Erinnerung, die seit
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| der Verbannung aus der gewohnten Umgebung so um sich gegriffen hat. Aber in anderem Sinn ist die Erinnerung um so lebhafter, und die Vergangenheit spielt eine große Rolle. Bei mir ist es weniger so, daß ich sie in Farben sehe, sondern es sind Situationen, die oft ohne jeden direkten Zusammenhang auftauchen. Es sind garnicht immer wichtige Momente, aber sie wecken dann die ganze dazu gehörige Zeit. Ich sehe mehr Bilder als Stimmungen. –
Am 2. oder 3. wird nun wohl das Semester schließen. Du kannst gewiß befriedigt darauf zurückblicken. Möge nun auch der Druck des neuen Buches nun endlich vollendet sein und Du es in Händen haben. Das ist doch solch eine quälende Lage, die mit unserer Zeit zusammenhängt, daß man den selbstverständlichen Dingen plötzlich machtlos gegenüber steht. Und so geht es uns ununterbrochen. Bei mir kommen dann noch die eignen Versager dazu und die ärgern am meisten. In keiner Richtung reichen meine Fähigkeiten aus und es bleibt immer mehr liegen, was eigentlich dringend getan werden sollte. Dabei nimmt man kaum etwas in die Hand, was nicht reparaturbedürftig wäre! – Zu Unternehmungen ästhetischer Art komme ich schon garnicht, nur eine bildet da einen Lichtpunkt: eine flotte Aufführung des Tartuffe, zu der mich Frau Buttmi aufforderte. Das war wirklich sehr hübsch. – Dann habe ich noch vor, am Karfreitag in Leimen Hanne Hecht in der Kirche singen zu hören. Sie hat eine sehr schöne Stimme, aber fast zu mächtig fürs Zimmer. – Meine Bücher sind jetzt einigermaßen in Ordnung. Aber es ist doch auch sonst noch allerlei zu ordnen und aus dem Zimmer zu verbannen, um es für den Gebrauch bequemer zu machen. Bisher ist es damit noch immer wie beim Geduldspiel, man muß 3 Sachen fortschieben, um an die vierte zu kommen. Aber man weiß da oft nicht, wo anfangen, um das zu ändern.

3.IV. Nun muß ich doch diesen kümmerlichen Anfang fortschicken, wenn er als Ostergruß bei Euch sein soll. Ihr aber seit wieder pünktlich mit dem Festgruß, und ich kann nur beschämt danken. Aber Deine liebe Karte, sowie Drucksache und Päckchen sind doch sehr willkommen, meine Absicht zu Ähnlichem wird noch zur Tat werden. Bis dahin aber laßt Euch recht gute ausruhende Feiertage wünschen und vielmals grüßen, auch Ida, die sehr froh sein wird, durch die endliche Erfüllung ihres Wunsches.
In treuem Gedenken wie immer
Deine Käthe.