Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14. April 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. April 1947.
Mein liebes Herz,
dies ist der dritte Brief in solch unschönem Format, aber das Papier schreibt sich gut, und das ist angenehm. Leider ist es schon etwas spät am Tage, ehe ich zum Stillsitzen komme, besonders noch deshalb, weil mein heimtückisches Schlüsselbund sich hinter die große Truhe zurückgezogen hatte und ich sehr lange vergeblich danach suchte. Das kommt von der Taschenlosigkeit der Frauenkleider!
Überhaupt hätte dieser bezaubernde Frühlingstag verdient, anders ausgefüllt zu werden, als ich es tat. Aber ich benutze so gern die Sonntage für allerlei Arbeit, um endlich nach und nach in einen behaglichen und geordneten Dauerzustand mit meinem Zimmer zu kommen. Die Bücher sind leidlich untergebracht, aber sonst muß noch Manches anders eingerichtet werden, um praktisch zu sein und Raum zu gewinnen. – Gestern aber war mein eigentlicher Sonntag, da kam die wunderschöne Drucksache! Immer waren mir Deine Schriften eine Erbauung, und doch werden sie ständig noch mehr zum Andachtsbuch. Wie viele der Gedanken berühren so ganz unmittelbar mein Inneres. Gerade in diesen Tagen hatte ich mal wieder recht wohltuend empfunden, daß ich auf Menschen wirke und von ihnen geschätzt werde. Das gibt dann ein tröstliches Gefühl, nicht umsonst gelebt zu haben! Für Dich, mein Einziger, bin ich von der ewigen Liebe zu hilfreicher Weggenossenschaft bestimmt gewesen, und Du in Deiner Treue lebst noch in diesem Bewußtsein. Aber mir wollte es in diesen letzten Monaten so scheinen, als wäre ich ganz um meine Freiheit gekommen und gebannt, im engen Kreise mich um mich selbst zu drehen. Da ist es wie eine Erlösung, wenn man spürt, daß man auch für andere noch da ist. Denn das Leben mit Menschen in fördernder Berührung ist mir doch das Wichtigste. So war es gerade jetzt mal wieder fühlbar, mit Hanna Hecht und mit Frau Buttmi und Gundel. –  – Eine sehr überra[über der Zeile] schende Begegnung war nun die mit Frl. Krogner! Am Mittwoch abend stand sie plötzlich mit Koffer an meiner Tür. Nächtigen konnte ich sie aber nicht,
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| auch mit einem Abendbrot sah es mager aus, so unerwartet. Ein Einzelmensch hat heute nicht so viel gekocht und auch das Brot ist augenblicklich knapp. So beschloß sie, für die Nacht auf die Bahnhofsmission zu gehen, und kündigte mir nach dem knappen Essen, das ich ihr geben konnte, an, am nächsten Morgen um 8 Uhr! wiederzukommen. Ich hatte den Tag mit Hanna Hecht Bücher geordnet und wollte gern ausschlafen, nun mußte ich also früh heraus, damit das Zimmer rechtzeitig besuchsfähig und der Kaffee auf dem Tisch wäre. Gegen ½9 war ich fertig, gegen 9 Uhr kam sie, denn sie hatte in der Bergheimer Str. ein Doppelzimmer mit einer Frau inne gehabt, für die sie am Morgen schleunigst einen Arzt zu beschaffen suchte, da sie offenbar an einer Lungenentzündung erkrankt war. Die wurde auch wirklich in eine Klinik gebracht. – Für uns sollte nach dem Kaffee der Gang durch Heidelberg angetreten werden. Ich hatte den Plan: zuerst den Blick von der neuen (Holz-)Brücke ins Tal und über die Stadt, dann aufs Schloß. Damit wars aber nichts, erst sollte ich ihr zu einer Fußbehandlung verhelfen. Dort blieb sie [über der Zeile] im Wartezimmer, bis ich allerlei Besorgungen gemacht hatte, und wartete weiter, während ich Elsbeth Gunzert besuchte, und endlich um 12 Uhr konnten wir – wieder nach Rohrbach fahren, um ganz gut im Bergfrieden, den Du kennst, zu essen. Ich war todmüde und mußte schlafen, sie ging an den Abhang des Berges und hat dort in der Sonne auf einer Bank auch geschlafen; bis sie mich abholte und wir nach einer Tasse Kaffee nun wieder mit der abscheulichen Elektrischen aufbrachen, um für eine weitere Nacht ein anderes Zimmer zu beschaffen. Das war natürlich umsonst, und so ging es in die Bergheimer Str., um das frühere wieder zu sichern. Endlich war dann Zeit für Heidelberg als solches! Du wirst Dir denken, wie angreifend solch Hin und Her ist. Auch auf dem Schloß hatte sie immer Vorschläge, wie man es anders machen solle, und der Rückweg mußte zu Fuß durch die Hauptstraße sein!! Endlich landeten wir wieder im Bergfrieden. – Trotz allem war [über der Zeile] es doch eine Freude, mit ihr zusammen zu sein und von ihrem Leben erzählt zu hören. Sie ist ganz naiv in ihren Ansprüchen, aber auch sehr splendid in dem, was sie beisteuert. Ich war wenig in der Lage,
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| sie gastlich aufzunehmen, und sie war immerfort darauf aus, wie die Leute vom Lande sind, alles Mögliche zu kaufen, was in den Läden ausgestellt war. Schließlich kamen wir aber noch ganz nett ins Gespräch und ich merkte, daß sie eine kluge und tüchtige, gute Person ist. Nur das beständig Sprunghafte ihres Wesens regt einen auf. Zum Schluß ließ sie das bestellte Zimmer im Stich und fuhr um 11 Uhr abends ab, was sie anfangs für unmöglich erklärte. Begleiten konnte ich sie nicht, da die Elektrische schon um 10 Uhr aufhört.
Das ist nun ein komischer, langer Bericht; aber es war ein so ungewohnter Einbruch in meine Stille, daß ich ihn Dir doch mal schildern wollte. – Eine neue Bekanntschaft anderer Art ist die mit Frl. Gaedeke, einer Lehrerin, deren Eltern (Landrats), aus ihrem Haus vertrieben, wie ich, bei Schoepffers unterkamen. Sie ist ein Vierteljahr in dem Erziehungsheim bei Häblers gewesen, und ist sehr befriedigt von den Eindrücken dieser Anstalt, die den schwer erziehbaren etwa 60 Kindern wirklich ein Heim bietet. Besonders er, der Hausvater, erregt in hohem Maße ihre Bewunderung. Sie war dort aushilfsweise eingetreten, weil sie eine andere Stellung, die sie übernehmen wollte, erst jetzt beginnt. Sie geht in eine Erziehungsanstalt (früher Lietz) in Gaienhofen. (Wird Dir nicht auch ganz sehnsüchtig zumute, wenn Du das hörst?) Diese Anstalt beginnt unter großen Schwierigkeiten, weil das Freiburger Ministerium ihr nicht wohlwill. Es geht die Gründung von evangelischer Organisation (ich weiß nicht genau, wie sie heißt) aus, und der Erzbischof in Fr. soll gesagt haben: er fasse es als eine Provokation auf. Sie bekommen durchaus nicht die notwendige Zahl der Lehrkräfte zugebilligt.
Da habe ich denn die ganze Zeit nur geschwatzt, und jetzt muß ich für heut aufhören, um ins Bett zu gehen, denn es wird mir zu kühl zum Stillsitzen. Jetzt werde ich dann wieder zu dem lieben Büchlein von der Lebenserfahrung zurückkehren und dabei auch der vielen persönlichen Erlebnisse gedenken, die meine "Erfahrung" bildeten. Oft mußte ich diesen Tagen denken: "Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dingen zum Besten dienen."
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| Immer mehr wendet sich alles zum Religiösen. Ich habe, zum ersten Mal seit meiner Confirmation, die Aufzeichnungen wieder gelesen aus dem Unterricht von Scholz. Wie einfach, wie undogmatisch ist das Alles, und doch hat es genauso dauernd auf mich weitergewirkt und ist mir gegenwärtig geblieben. Denn es lehrte: "Die Liebe ist die größeste unter ihnen".

14. April. Heute ging ich morgens ins Dorf, um Milch zu holen, denn die versäume ich nie! Dann fuhr ich zur Stadt, um 8 Besorgungen zu machen, von denen nur 3 gelangen, und weiter nach Ziegelhausen, um die Wäsche zu holen. Wie schön war wieder das Tal in strahlender Sonne und zartem Frühlingsduft! Die Blüte ist im ersten Beginn, die Zwetschen fangen den Reigen an, und die Amseln singen. Zum eingehenden, d. h. zum spazierenden Genuß reicht leider die Zeit nicht; und vermutlich auch nicht die Kräfte. Denn ich bin jetzt wirklich alt, und tue mir auch etwas darauf zu gute; ich kokettiere förmlich damit, um auch die Rücksicht dafür zu genießen. Im Grunde genommen bin ich es zufrieden, so wie es ist, ohne ernste Beschwerden und noch leidlich bei Verstand. Es freut mich immer, wenn man erstaunt ist über die hohe Zahl meiner Jahre. So unterschreibe ich also ganz unbedingt Deine lieben Widmungsworte, denke dabei der weißen Blüten auf der Reichenau und der heiteren Gelassenheit, die aus diesem gedankenreichen Aufsatz spricht. Wie mich die sichere Überlegenheit freut, von der diese ganze besinnliche Arbeit erfüllt ist! "Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah" – und dafür danke ich dem Himmel mit Dir! – Deine kleine Schrift erfüllt mich nun wieder ganz und alles andere bleibt liegen. Da ist immer noch das große Buch von Marianne Weber, in das ich gerade anfing mich einzulesen. Da ist ein hübscher Aufsatz von Richard Benz: Beethovens Geitige Weltbotschaft. Da liegen nun auch endlich die Bekenntnisse des heiligen Augustinusx [li. Rand] x Kannst Du mir nochmal sagen, was ich da speziell lesen sollte?; und weniger anziehend: die "Geheimnisse der Sprache von Ernst Jünger. – Das Meiste wendet sich jetzt zum Religiösen, und die alten Bibelworte gewinnen neuen Sinn. In wie seltsamer und unerwarteter Art erfüllt sich mir durch Dich und mit Dir, was gerade in der Zeit, ehe wir uns fanden, mein Wunsch war: Jetzt müsse Jemand kommen, der Wissen und Glauben – (ich sagte damals Religion) wieder vereint.
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Im Hause findet sich immer wieder Verlorengeglaubtes an. So zu meiner Freude, auch der alte Schmuck des Weihnachtsbaumes. Es ist eben in der fremden Umgebung vieles nur so untergesteckt, zum Teil zwischen andrer Leute Sachen und ich habe mich lange gescheut, Unnötiges auszupacken, aus Angst vor noch größerem Chaos. Jetzt aber bekommt die Sache Grund und Halt, und ich habe bessere Übersicht. Auch die Hälfte Deiner Briefe ist jetzt aus Dielbach zurück und steht wohlverpackt unter dem Schlafsopha. Die andere Hälfte ist noch auf der Bank. Ob ich sie dort lassen soll? Wie froh bin ich, daß ich sie s. Z. nicht auf der Bibliothek aufbewahren ließ!
Heute hatte ich ein erfreuliches Posterlebnis. Anfangs des Jahres bekam ich einen Gruß mit Maschinenschrift auf Postkarte ohne Namensunterschrift, aber mit Adresse: Bln. Neue Kantstr. 7. Ich besann mich lange vergeblich, dann riet ich auf Annemarie Böttcher, die ich durch Hermann kennen lernte und hier oft und gern sah. Ich schrieb also, da sie erwähnte, geheiratet zu haben: A.-M. geb. B. und bekomme jetzt Antwort von – Lieselotte Welskopf-Henrich, dem Doktorinchen! Das ist doch nett! und fabelhaft findig von der Post. – Von Matusseks habe ich länger nichts gesehen. Der Dr. war einmal hier, während ich mit der Krogner beim Abendbrot im Bergfrieden war. Diese Abendstunde mit ihr war übrigens recht gemütlich. –
Damit auch Betrübendes nicht fehlt, muß ich noch mitteilen, daß das Töchterchen von Häblers, Rosmarie, Knochentuberkulose am Bein hat. Sie ist aber operiert und man hofft, es zu heilen.
Hier im Haus ist es durchschnittlich etwas behaglicher. Das junge Mädchen ist offenbar verliebt, hat täglich mit einem Klassenkameraden stundenlang gearbeitet und ist dann meist sehr vergnügt. Zwischendurch kann sie sehr launenhaft und ungezogen sein, was ich durch Schweigen übergehe. Denn vor Streit fürchte ich mich, und sie verträgt nicht die geringste Andeutung eines möglichen Tadels. Der Bruder war 10 Tage verreist, und ist gleichmäßig freundlich, aber oft sehr schweigsam.
Nun ist doch zu spät geworden, um diese Epistel noch zur Post zu bringen, und morgen geht sie dann erst nachmittags ab!
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Zum Essen erwarte ich Frau Dr. Frobenius, die mich immerfort einladet, wenn ich auch nicht so oft darauf eingehe. Ihr Mann war Jurist, wie ich höre. Ich werde vielleicht morgen mal mehr ergründen. Das Menü ist gegeben durch Zufall, denn ich entdeckte noch eine Büchse Fischkonserve im Keller, [über der Zeile] dazu Makkaroni und ich habe selbst sehr schöne Tomaten sterilisiert, davor eine Suppe, dahinter ein kleiner Flammeri – später eine Tasse Kaffee, echt U.S.A. aus Tübingen – ist das nicht fein? – –
Doch nun gute Nacht, mein einziger Freund, schlafe Dir neue Kräfte und "große Gedanken" für Dein tägliches Wirken; aber schone Dich auch etwas mehr. Sei innig gegrüßt, und bestelle auch Grüße an Susanne und Ida. Wie steht es mit dem Kommen ihrer Verwandten? Und wann beginnt bei Euch das neue Semester?
In Gedanken stets bei Dir
Deine Käthe.