Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. April 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. April 1947
Mein liebster Freund!
Die großen Briefbögen sind zuende, da will ich mit möglichst kleiner Schrift die anderen ausnützen. Ich hätte es längst schon versucht, denn meine Gedanken waren lebhaft bei Dir, aber Hand und Augen waren mit Zeichnen in Anspruch genommen und sehr müde. Nun ist mal wieder eine Pause und ich genieße die Freiheit, tun zu können, was ich möchte.
Zunächst will ich Euch beiden danken für die lieben Briefe, und dabei noch bemerken, daß mein letztes Schreiben an Dich doch eigentlich durch den Inhalt gezeigt haben mußte, daß Dein Freudenstädter Brief ankam, auch ohne ausdrückliche Erwähnung, denn ich lese doch stets noch zur Beantwortung das letzte Schreiben wieder. – Inzwischen hat nun bei Euch die Eröffnung des Semesters stattgefunden und ich bin sehr begierig, davon zu hören. Hoffentlich hast Du nun für die nächste Zeit nichts mehr neben dem regulären Betrieb übernommen.
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| Es hat mich immer beunruhigt, daß Du in dem Glück der neuen Wirksamkeit Deine Kräfte überspanntest. Aber jetzt wird die warme Frühlingssonne wohl den Husten vertreiben und damit das ganze Befinden heben. Der Winter hat eben garzulange gedauert, da konnte der Katarrh nicht überwunden werden. Merkwürdigerweise habe ich, trotz des vielen Frierens nie den geringsten Schnupfen bekommen, nur eine ewig laufende Nase!! Das ist nicht lustig.
Daß bei Euch die Apfelblüte überwiegend ist, finde ich schön. Da ist Schönheit und Nutzen, beides, am bedeutendsten. Ich hätte sie hier in Ziegelhausen gern bewundert, und hatte einen Spaziergang mit Frau Frobenius verabredet; weil ich aber ganz plötzlich eine Entzündung im linken Fußgelenk bekam, mußte ich absagen. Mit Heilerdeumschlägen, Wickeln und viel Liegen ging es aber rasch vorbei. Es war wohl nur verknaxt. – Sonst geht es mir recht gut und ich habe entschieden zugenommen, nur bin ich entsetzlich langsam und vergeßlich, immer müde – direkt faul. – Mit ganz besonderem Interesse lese ich jetzt im 10. Buch der Confessionen Augustins spannende Entwicklung
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| der Wunder des Gedächtnisses bereits zum zweitenmal. Und ich wollte nur, ich wäre auch so unumschränkt Herr darüber wie er es schildert. Aber es versagt schmälig. Mit Augustin geht es mir sonderbar. Eigentlich ist er mir unsympathisch, und doch fesselt er mich, und ich bewundere die Feinheit seiner seelischen Beobachtung. Vielleicht werde ich mich mit der Zeit doch noch zu ihm bekehren, denn die Freiheit seines Geistes und die Stärke und Echtheit seines Gefühls sind bestrickend. Aber mit seiner völligen Entwertung alles Irdischen-Sündhaften kann ich mich nicht befreunden. Ich sehe auch Gott in seiner Schöpfung, – ich gehe den Weg zu ihm mit Dir und Goethe. –
Könnte ich doch einmal wieder einen Heidelberger Weg mit Dir gehen. Ich fürchte immer bei dieser politischen Atmosphäre, daß überhaupt nichts mehr daraus wird, wenn Du nicht etwas "Dampf" dahinter machst. Eines schönen Tages sind wir vielleicht in feindlichen Heerlagern. – Bei einigermaßen beruhigtem Horizont wäre es auch denkbar daß ich mal in Tübingen einen Zwischenauftrag bekäme, am liebsten am Mikroskop. Du könntest
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| vielleicht mal Bekanntschaft mit einem wissenschaftlich arbeitenden Mediziner suchen!! (– Übrigens: wie kam Dr. Fink eigentlich dazu sich über Pestalozzi zu äußern und wo?) Augenblicklich habe ich eine Schädelbasis mit den ersten Halswirbeln für den Sohn von Prof. Siebeck gezeichnet und man war im pathologischen Institut sehr befriedigt davon. Es war mir eigen, einmal wieder in dem Raum zu sein, wo ich s. Z. für Ernst Schwalbe gearbeitet habe. In solchen Momenten fühle ich mich eigentlich wie ein Anderer, so unbeteiligt wie in großem Abstand vom gesamten Leben. "Es war einmal" –
– Von und über Hermann hörte ich recht lange nichts. Ob endlich die Flüchtlinge zurückkehren dürfen? Und wohin? – Von Otto Kohler ist Nachricht da, daß er hofft, bis Pfingsten daheim zu sein. Er ist seit Kriegsbeginn von den Seinen getrennt. –
Von Frl. Krogner kam eine Karte, daß sie dann doch nicht mehr abends abreiste, sondern erst am nächsten Vormittag. Aber sie war schließlich nach Hause gekommen! –
Für heute nimm vorlieb, – doch nein, noch muß ich von Matussek berichten. Er ist offenbar in wenig guter Verfassung. Die Arbeit in einer
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| Psychiatrischen Klinik ist jedenfalls recht deprimierend. Und er hat noch die Abspannung in sich von dem Abschluß seiner Arbeit. Gestern kamen die Brüder mal wieder zu mir und wir lasen zusammen Dein Büchlein, die "Lebenserfahrung". Eigentlich hatte ich sie erst heute erwartet, und so war nicht einmal der übliche Pudding von Haferflocken bereit. Stattdessen brachte der Dr. mir eine Scheibe wundervollen Schinken, überhaupt will er mir immer etwas antun, bald sind es Reisemarken, bald etwas anderes. Er beruft sich dann immer auf Dich, und ich kann es mir nicht vorstellen, daß er damit im Recht ist. Seine Fürsorge ist mir zu gewalttätig. So wollte er mich durchaus zwingen, mich bei Ihnen in der Klinik untersuchen zu lassen, um wieder einen Nahrungszusatz verschreiben zu lassen. Ich habe schließlich recht ausgiebig erklärt, daß ich bei Frl. Dr. Clauß Patientin sei, und daß sie mirs verschreiben würde, wenn es nötig wäre. Es wäre unfair, zu anderen Ärzten zu laufen. – Ich erkenne seine gute Absicht voll an, aber ich kann mich nicht entmündigen lassen, und er zwingt mir mehr auf, als mir recht ist. Jetzt ist er ja selbst in der
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| Klinik ausreichend versorgt, und hie und da scheint er auch von Patienten etwas zu bekommen, wie jetzt den Schinken, aber ich will nicht, daß ich [über der Zeile] ihm durch mich etwas entgeht. Und der Bruder "als möblierter Herr" und Student hat es entschieden nötiger.
Doch nun will ich Abendbrot kochen, zur Abwechslung – sagen wir: Kartoffeln. Habt Ihr die jetzt ausreichend? Bei mir ist auf dem Boden der Kiste etwa ¼ noch leicht bedeckt. Aber wir bekommen, von dieser Periode ab jede Woche 6 <altes Pfundzeichen>. Viele Leute hatten schon länger keine mehr und gingen hamstern.
Ein kleiner Strauß Maiglöckchen durchduftet das ganze Zimmer, und vorhin bekam ich von Frau Frobenius eine Einladung auf ihre schöne Terrasse mit dem Blick in die Blüten. Also morgen werde ich hingehen. So genießt man den Frühling als wunderbares Geschenk und vergißt – oder verwindet den stillen Schmerz.
Ich lasse Susanne und Ida herzlich grüßen, und grüße Dich in immer gleicher Innigkeit.
Deine
Käthe.

[li. Rand] In zwei Buchläden habe ich die L.E. bestellt. Wollen sehen, ob sie über die Grenze kommt.