Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Mai 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11.V.1947.
Mein liebes Herz, es ist ein Sonntag, den ich mir wie immer [über der Zeile] sonst zum Feiertag mache, indem ich an Dich schreibe. Es ist schon wie im Sommer, und ich sitze allein auf dem Balkon, Geschwister N. sind anderweitig beschäftigt. Ob wohl jetzt auch bei Euch dauernd mildere Temperatur ist, daß Du den Bronchialkatarrh loswirst? Da wäre vielleicht doch das Heidelberger Klima vorzuziehen gewesen. Aber es gab ja keine Wahl, und hier boten sich so viele Vorzüge, daß ich immer nur mit Dankbarkeit an die Wendung Deines Schicksals denken kann. Die Nachteile wird man erst so nach und nach gewahr. Soweit sie für mich in Betracht kommen, habe ich sie allerdings von allem Anfang an voll eingeschätzt. Ich muß mir an dauernden Vertröstungen genügen lassen und die wunderbare Überraschung am 13. Juli damals war eine Ausnahme. – Habe ich Dir übrigens schon geschrieben, daß ich hier im Hause ein absolut gesichertes Nachtquartier für beliebige Zeit haben würde? Es ist der Raum, in dem auch Dr. Drechsler immer schläft. Er war soeben wieder mal hier auf der Durchreise und ist jetzt von der Spruchkammer frei. Aber bei der Berufsanstellung haben sich neue Schwierigkeiten ergeben. Es ist für einen Familienvater eine harte Geduldsprobe. Die Fakultät hatte schon mit Sicherheit auf sein Kommen gerechnet. – Von den Verhältnissen hier höre ich nichts, außer etwa aus der Perspektive Matussek. Vielleicht erfährst Du eher etwas; ob durch Hellpach? Was will er denn von Dir?
Du fragst, ob ich Gesellschaft habe zum Spazierengehen. Die wäre schon eher da, aber es fehlt an Zeit und an Elan, besonders jetzt bei der Wärme. Mit Matusseks ist es geplant, weil ich sie etwas in Botanik unterrichten soll; diese Berliner kennen ja kaum ein paar Gartenpflanzen, und die hauptsächlich, die man essen kann. Übrigens: essen! Es scheint so, als käme jetzt die Periode des Hungerns, die andererwärts schon lange besteht, auch. Ich habe bei äußerster Sparsamkeit, aber ausreichend versorgt, mit den 2 Ctr. Kartoffeln bis heute ausgereicht. Seit der letzten Lebensmittelkarte sind uns nun laufend 6 <altes Pfundzeichen> für die Woche versprochen, aber an eine Lieferung denkt niemand. Es ist gut, daß ich hilfreiche Freunde habe, die reichlicher versorgt sind. All unsere Rationen sind herabgesetzt!
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Aber meine gute Bauersfrau in Kirchheim gibt mir auch an Gemüse etc. was sie gerade hat. Aber ich gehe nicht zu oft hin, das ist besser. Gestern sagte sie mir, sie dächte öfters an mich, wenn ich länger nicht da war, ob ich noch lebe?! Da habe ich ihr versichert, daß es soweit noch nicht wäre. Ich bekam sehr schönen Spinat, Radieschen und einen ½ l Milch, also geht es mir üppig.
Eben schlägt es 9 Uhr, also ist es eigentlich erst 7, denn sie haben uns wieder um 1 Lebensstunde betrogen, d. h. man hängt sie eben einfach noch an den Tageslauf an. Oder geht Ihr bei hellichtem Tag schlafen? – Schreibe mir doch, bitte, einmal, wie Deine Woche eingeteilt ist. So kann ich mir dann doch wenigstens den äußeren Verlauf vorstellen. Über das Äußere und den Erfolg hältst Du mich ja überhaupt getreu im Bilde. Ich wäre nur manchmal sehr froh, wenn ich auch inhaltlich durch einige Stichworte orientiert würde. So z. B. über den großen Vortrag in der Aula. In welchem Sinne hast Du eine Pathologie erörtert? Ist sie unter Umständen Alterserscheinung, ist sie vorübergehendes Absinken, ist sie Fehlentwicklung oder auch Übersteigerung?
Auf Veranlassung von Rudolf Nitsche las ich kürzlich von Heinrich Mann: Der Untertan. Da muß ich sagen, sowohl die Art der Darstellung als auch das geschilderte Objekt hat mich höchst unsympathisch und verstimmend berührt. Die Jugend von heute nimmt solche Schilderung nun unbesehen als getreues Abbild der Kaiserzeit. Ich möchte das aber keinesfalls als den normalen Durchschnittsdeutschen von damals gelten lassen. Es ist eine Geißelung der Auswüchse. – Aber auch, abgesehen von diesem Buch, das ja schon älter ist, kann ich mich häufig mit dem Geist der Gegenwart nicht befreunden. Dieses zusammenhanglose "Allesändernwollen", dieses Aburteilen der geformten Vergangenheit ist mir sehr zuwider. Ich bin zu sehr eingestellt auf den Wert organischen Wachstums und glaube nicht an ein absolut neues Anfangen. Nur in der Besinnung auf die unvergänglichen Werte können wir gesunden.
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| Stattdessen melden sich überall die Heilreformer. So auch im hiesigen Kirchenblättchen! Ein Georg Müller behauptet, Goethe habe den "sittlich fördernden Vatergott" durch die "mütterlich empfindende Gottnatur" ersetzt, und sei der Wegbereiter Nietzsches. – Und Oskar Hammelsbeck fordert Verantwortung der Kirche für die Erziehung der Lehrer in christlichen Lehrergemeinschaften. Meldet sich da nicht gleich wieder Gesinnungsmache? – Freudiges Bekenntnis zur Christlichkeit kenne ich an Gisela Hadlich aus Stolp und durch Häblers. Aber es soll nicht gleich wieder in dogmatische Enge ausarten. Oder ist nach den erlebten 12 Jahren 3. Reich ein Rückschlag nur natürlich, ganz besonders unter dem Druck der heutigen Not? – In manchen Dingen sind wir auch heute noch an die jüngste Vergangenheit erinnert. So wird bei uns jetzt Frontstehen, vor dem Sternenbanner öffentlich gefordert. Das war unter dem verpönten Kaisertum m. W. nicht üblich, nur vor den regierenden Herrschern persönlich.
Schrieb ich Dir von dem, in München erschienen Heft 4 der Europäischen Dokumente? Darin gefällt mir besonders Lersch, der 2x Litt erwähnt. Ein Peter Scherer ist sehr erfüllt von einem Essay des Amerikaners MacLeish über Humanismus. Ich bin nur immer erstaunt, daß alle der Meinung sind, als erfänden sie ihn als [über der Zeile] ganz neu. – Der Dritte im Bunde, d. h. in dem Heft, ist ein Bernhard Sengfelder, der mich in seiner Tonart an das Großsprecherische der gegenwärtigen Kritik am meisten erinnert. Kennst Du die drei Mitarbeiter?
Was mag der Bekannte aus Japan noch von dort erzählt haben? War er nicht dort zur Zeit der Atombombe? Und wie wird er sich in Deutschland wieder zurechtfinden? –  –
Das Du jetzt schon wieder an eine Ferienzeit nach Semesterschluß mit Zweifel denkst, ist mir sehr entgegen. Du erkennst doch selbst an, daß Dir eine Erholung nötig wäre. Denn
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| in der Arbeitszeit gibt es doch bei Dir keine Einschränkung des Tempos. Und daß der Hörsaal diesmal nicht so voll ist, wie bisher, macht ja für die Arbeit keinen Unterschied. Hast Du festgestellt, wodurch der verminderte Besuch veranlaßt ist? Vielleicht ist's das Thema – vielleicht waren bisher viel [über der zeile] von anderen Fakultäten unter den Hörern, die Dich kennen lernen wollten? –  –
Du merkst an meiner Lektüre, daß ich eigentlich kaum zum Lesen komme. Ich bin abends immer schon zu müde. Ich habe auch bisweilen irgend ein altes Buch ergriffen, und mich damit in Schlaf gelesen. Es dauert dann nicht lange, bis es mir aus der Hand kippt und ich es rasch auf den Tisch lege, um den "fruchtbaren Augenblick" (des Einschlafens nämlich) nicht zu verpassen. – – Aber es liegen auch immer Deine lieben Briefe dabei bereit und ich habe die Tübinger Zeit nach und nach im Zusammenhang wieder gelesen. Es schließt sich da doch das Ganze mehr zum einheitlichen Bild. Auch die Berichte der Besucher haben manches – aber nicht viel – ergänzt. – Übrigens, Dein Regenschirm steht schon lange in meinem Schrank und ich habe ihn sogar ein paarmal benutzt. Wenn jemand hinfährt, will ich ihn mitschicken. Aber per Post käme er sicher zerbrochen an. Weißt Du eine Gelegenheit?
Nun ist es inzwischen doch dunkel geworden und man kann gutwillig schlafen gehen. Bist Du morgens immer ausgeruht? Ich spüre ordentlich, wie der Schlaf auch das sooft immer erwünschte Essen ersetzt. Also: schlafe recht wohl! Ich träume oft von Dir; manchmal wache ich dann mit Herzklopfen auf und bin dann enttäuscht. Aber auch wachend denke ich an Dich – stündlich! Sei innig gegrüßt, und grüße auch Susanne und Ida.
Deine Käthe.

[Kopf] Dein letzter Brief vom 30.IV. kam erst am 6.5. durch amerik. Controlle verspätet. <li. Rand> Sein Inhalt hat jedenfalls garnicht interessiert und gezeigt, daß wir nicht politisieren. –