Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Mai/1./2. Juni 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. Mai 1947.
Mein lieber, einziger Freund.
Bei sommerlicher Hitze schreibe ich auf dem Küchenbalkon und bitte deshalb das wenig schöne Aussehen zu entschuldigen. Überhaupt muß ich auch wohl versuchen, Dir das ungewöhnlich lange Schweigen zu erklären. Es war mal wieder so eine Art Erschöpfung, die mich den Entschluß nicht fassen ließ, die Gedanken auch zu Papier zu bringen. Dabei hatte ich solch schönen, behaglichen Pfingsttag bei Hedwig Mathy, daß ich garkeinen Grund habe, mich zu beklagen. Aber vorher hatte ich mir wohl in der abscheulichen Elektrischen einen häßlichen Katarrh geholt; es fing in der Stirnhöhle an und zog dann immer tiefer, blieb in der Luftröhre und Bronchien sitzen, und alles "Benarien" half nicht. Da ich eine lächerliche Angst vor dem Stimmritzenkrampf hatte, ging ich zu Frl. Dr. Clauß, und sie half auch mit sehr einfachen Hausmitteln, einem Husten- und Bronchiensirup. Alles in allem hatte mich die Sache doch mehr mitgenommen als sie wert war. Da aber bei mir alles immer mit Augenschmerzen verbunden ist, so bin ich dann immer sehr faul, für alles, wozu man sie braucht. Also, – alles in allem: verzeih mir!
Es wäre wohl leichter zum Entschluß gekommen, wenn mich Dein lieber letzter Brief nicht eine dauernde Unsicherheit versetzt hätte. Deine Vorschläge für ein so ersehntes Wiedersehen stehen mir mit allen Bedenken und Schwierigkeiten vor mir. Der Wunsch, Dich hier im schönen Heidelberg einmal wieder "so wie in alter Zeit" bei mir zu haben, ist sehr groß. Aber es wäre Unsinn, Dich für 24 Std. hierher zu hetzen, noch dazu ist es ja mit einem Paß sehr aussichtslos. Warum das immer schwieriger wird, darüber gehen ja dunkle Gerüchte. Daß Du einen Paß für mich erwirken könntest, (vermutlich durch Vermittlung eines Auftrages?) ist ein tröstlicher Gedanke. Aber eine Begegnung in Ludwigsburg ist nicht, was uns befriedigen könnte. Es würde immer das Bewußtsein der Eile lähmend über mir liegen. Es ist nicht die Bahnfahrt, überhaupt nicht eine eventuelle körperliche Anstrengung, was ich fürchte, sondern der wirkliche innere Gewinn des endlichen Beisammenseins, was ich ersehne.
Am 1. Juni. – Sonntag nachmittag. Ein stiller Tag mit häuslicher Arbeit. Denn es gibt ja nichts, was nicht getan sein will, von
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| der Ordnung im Zimmer, die jetzt endlich einigermaßen geregelt ist, zum Einholen (Milch), zum Kochen, Essen, zum Ausbessern von geradezu jedem Kleidungsstück, das ich anziehen will und das alles bei einer überwältigenden Müdigkeit im Kopf. So bin ich z. B. heute um 10 Uhr früh, als ich mich nach dem "Anstehen" im Milchgeschäft einen Augenblick hingelegte, glatt eingeschlafen. Aber Du mußt nicht denken, daß ich irgendwie Mangel litte! Kartoffeln habe ich einige von M Frau Buttmi, 7 <altes Pfundzeichen> aus Kirchheim, 10 <altes Pfundzeichen> vom kleinen Matussek bekommen. Und nach Kirchheim kam ich diese Woche wieder mal. – Und was mir Susanne in ihrer fürsorglichen Güte geschickt hat, die herrliche Brotrinde, hat mich geradezu begeistert, ganz abgesehen von den anderen Herrlichkeiten. Ich schreibe ihr noch selbst. Auch Salat gibt es jetzt im Weißen Haus. Ich habe entschieden zu sehr geklagt, über ungewöhnliche Knappheit, daß ich so lebhafte Teilnahme erregte. Das tut mir leid. – Nur Gemüse, das zu schicken Du mal "gestattet" hast, bekommen wir bisher noch garnicht. Ich müßte mal wieder gehen und Brennesseln sammeln.
Statt dessen habe ich, nicht vom Lesen vieler Zeitschriften, aber überhaupt, Gemüse im Kopf. Das hast Du sicher schon lange mißfällig bemerkt. Wie gut ist es da, daß nun wirklich von Klotz aus Gotha Deine so lange erwartete "Magie der Seele" kam! Ich habe langsam mit dem Lesen angefangen und höre, wie Du fragst: Verstehst Du auch, was Du liest?! Die beiden ersten Abschnitte hatte ich erst kürzlich wieder gelesen, und so machte ich mich sehr begierig über III. die Schicksale d. Christentums" – her. – Du kannst Dir denken, wie sehr ich mit der klaren, gerechten Darstellung dieser vielfältigen Bemühungen um das Fortleben des Evangeliums einverstanden bin. Wie hinter all diesen Versuchen das Suchen sichtbar wird!
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| Ganz besonders freut mich auch Deine Hochschätzung für Troeltsch. Denn von ihm hatte auch ich wertvolle Förderung. Ich muß doch suchen, ob ich nicht noch Aufzeichnungen habe aus der Vorlesung über "Dogmenloses Christentum". – Etwas stark intellektuell empfand ich Deine Erklärung der "Vernunft". Mir war das Wort eigentlich mehr die Bezeichnung für ein intuitives Wissen ohne Worte. Aber vielleicht meine ich eben nur die pantheistische Wendung der Bedeutung, wie sie ja meiner Natur und meiner Zeitlage entspricht. Wie gespannt bin ich jetzt, mich weiterführen zu lassen! Ich habe bisher gelesen bis zur "Magie der Seele"! – Ob es mir den vollen Einklang bringen wird, wie ich ihn jedesmal bei der Weltfrömmigkeit fühle? –  –  –
Auf ein persönliches "Zusammenklingen" werden wir also wohl warten müssen bis Anfang August. Denn das Wort in Deinem lieben Brief, "die Menschen wollen immer so viel von mir", hält mich zurück, Deine Ich möchte nicht auch mit Ansprüchen kommen. Nicht um Deinetwillen und auch nicht meinetwegen. Denn es ist ein Fehler meiner Sensibilität, das ich jede geringste Unstimmigkeit als eine Hemmung empfinde, und ein so lange entbehrtes Zusammensein soll ungetrübt bleiben.
Besonders gefreut habe ich mich über dem Besuch von Theo. Von ihm mußt Du mir dann auch mehr erzählen. Ich kenne ihn bisher nur wie einen guten Geist, etwa wie die Engel, die frommen Menschen im Gefängnis erschienen. Sehr danke ich noch für den Zeitungsbericht über Deine Festrede. Aber so verständnisvoll er sein mag, es fehlt solchen kurzen Wiedergaben an den notwendigen Verknüpfungen der Gedankengänge.
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Ich hoffe, daß Deine Mühe für das Colleg durch die spürbare Teilnahme der Hörer sich für Dich recht erfreulich gestaltet. Es ist bei der geringeren Zahl doch jedenfalls eine Auswahl der Wertvolleren zu merken. – Vom entscheidenden Problempunkt unseres nationalen Elends hast Du gesprochen. Darüber wäre viel zu sagen, und die Aufgabe, es zu bessern, scheint beinah über alle Möglichkeit zu gehen. Denn bis in die höchsten Kreise hinein ist die Moral teils systematisch, teils jetzt durch die Not zersetzt. Am Pfingstsonntag sprach gerade darüber auch Hedwig Mathy in Bezug auf eine Mieterin in ihrem Haus, die völlig den Unterschied von mein und dein vergessen hat, und doch eine "Dame" sein will!
Bei alledem kommt immer wieder der Wunsch, Dich zu sehen und zu sprechen, in den Vordergrund. Züge nach Stuttgart gibt es 3 oder 4 am Tage; besonders der Eilzug W 6.42 hätte gewiß Anschluß, und er soll nicht überbesetzt sein. Aber das hat ja nun noch Zeit, und es kann sich ändern. Möge sich nur nichts Entscheidenderes ändern! – Vorläufig werde ich jetzt erst mal wieder für Dr. Cibis zu zeichnen haben. Wenn ich nur nicht immer so geplagt wäre mit den Augen! Es greift im Allgemeinbefinden an und hindert auch am scharfen Sehen. –

2.6. Der Bogen geht zu Ende, mein Schreibstoff nicht, aber ich muß nun in die Augenklinik. So laß Dir nur noch herzlich danken für den lieben Brief vom 17.V., für das so lange erwartete verheißungsvolle Buch – und überhaupt. Sage auch Susanne, daß ich bald danken werde. – Sonderbar war noch, die Sendung von Klotz, war in einen Druckbogen gewickelt: Vortrag von Kanokogi, der Geist Japans, das Problem: Untergang oder Überwindung einer Kultur. 1927 im Berlin Haus der Deutschen Gesellschaft.
– Doch ich muß die nächste Elektrische haben, also lebe wohl.
Innige Grüße von
Deiner Käthe.