Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Juni 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Juni. 1947.
Mein geliebter Freund!
Du solltest gestern mal wieder einen Sonntagsbrief haben, aber die große Müdigkeit ließ es nicht zu. Ich werde unaufhaltsam fortschreitend fauler. Wo bleibt die ständig wachsende Tugend des Alters? Der hl. Augustin liegt mir viel im Sinn mit seinem ehrlichen Streben und ich muß an mir feststellen, daß von einer Besserung keine Rede ist, sondern eher ein Nachlassen. Ich nehme es mir z. B. nicht mehr übel, die kurze Fahrt über die Teilstrecke von der Markscheide an meine jetzige Haltestelle in der Elektrischen zu bleiben, ohne einen neuen Fahrschein zu lösen. Die Beförderung ist ja an sich schlecht genug, und mir kommt es jetzt wirklich auf jeden Schritt an, den ich selbst machen muß! Überhaupt denke ich nicht mehr wie sonst: was könnte ich noch tun? sondern: was ist unbedingt nötig zu tun?! – Das Schreiben an Dich, mein Liebstes, ist allerdings unbedingt nötig und mir Bedürfnis, aber da ist eine Reihe ganz alter Briefschulden, die eben auch mal erledigt werden müssen und
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| die ich nicht zu dauernder Rechnung werden lassen möchte. Ich führe jetzt Buch darüber, denn sonst weiß ich garnicht mehr, woran ich bin. Daß die Pause seit dem letzten Brief an Dich so groß war, wußte ich wirklich nicht. Ich trug mich nur mit der beständigen Absicht und darüber gingen die Tage ungezählt vorüber. Dabei nehmen die Dankesschulden auf meiner Seele ständig zu! So bekam ich z. B. heute 3 liebe Briefe, die ich gern gleich beantworten würde, und die ich Dir am liebsten mitschickte in ihrer persönlichen Eigenart. Aber dazu hast Du ja gar keine Zeit. – Auch liegt es mir noch näher, jetzt von Dir und Deinem Buch zu schreiben. Es bekümmert mich, daß Du immer von Überlastung schreibst, und ich nicht sehe, wie Du dem abhelfen kannst bei Deiner Arbeitsbereitschaft. Du solltest Dir wirklich an mir ein Vorbild nehmen. Ich lasse eben fünf – auf sieben! – gerade sein. Und die "Magie der Seele" ist mir belebende Kraft, soweit die physische Seite des Daseins nicht meine Gedanken in Anspruch nimmt.
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| Du weißt, wie Dein Einfluß von je klärend und festigend auf mich gewirkt hat. So sehr, daß eigentlich in diesen feinen, alles Wesentliche durchleuchtenden Darstellungen nichts persönlich Befreiendes [über der Zeile] für mich mehr liegt. Aber ich fühle, wie es denen helfen kann, die zweifeln und suchen. Und offen liegt ohne jede Bindung durch dogmatischen Zwang für jeden die Entscheidung. Wie schön und warm spricht dann im Schluß durch all die scheinbar kühlen Erwägungen die eigne gläubige Zuversicht!
Durch dieses Buch wirst Du einmal wieder die Weite der Wirksamkeit haben, die Du augenblicklich im Hörsaal entbehrst. Aber sei gewiß, sie ist auch da vorhanden, wo Du es nicht siehst. Vor ein paar Tagen erzählte mir Dr. Drechsler (der auf der Durchreise nach Kartoffeln hier war), daß er in einer kath. Predigt in Karlsruhe unter Namensnennung Ansichten von Dir erwähnen hörte. – Auch sonst kommt manchmal irgendwie ein Gruß von Dir, so z. B. schrieb mir Friedrun, die Tochter von Hans
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| in Minden, daß sie dort Deine frühere Assistentin Frl. Jung kennen lernte.
Gestern, als ich zum Schreiben zu müde war, denn ich hatte mich lange mit Tuschezeichnungen für Dr. Cibis gequält, fuhr ich noch zu Rösel, die ich sehr lange nicht gesehen hatte. Da fand ich ihre Schwester, die mir sagte, daß Rösel seit Pfingsten ernstlich krank war, und noch sehr schwach zu Bett läge: Angina. Ein Abstrich soll ihr zeigen, ob etwa Diphteri vorläge. So getrennt ist man jetzt selbst im gleichen Ort, daß man beinah sterben kann, ohne daß der Andere es merkt. – Mir selbst geht es nicht schlecht, wenn auch dürftig. Aber ich habe noch immer Zuschuß an Kartoffeln und überhaupt lassen meine Freunde mich nicht verhungern. Nach allem, was ich von der franz. Zone höre, bin ich da viel mehr in Sorge um Euch. Auch dürft Ihr nicht garso mitteilsam mit dem Inhalt der Pakete sein, denn es ist doch kein zuverlässiger Beitrag
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| zum offiziellen Hungertuch. Übrigens bekam ich im Weißen Haus 1½ <altes Pfundzeichen> Kirschen, eine unerhörte Menge! Denn das halbe Pfund, das mir auf Marken zusteht, habe ich noch nicht. Schade nur, daß ich sie nicht mit Euch essen konnte. Es ist übrigens unglaublich, wieviel gestohlen wird. Wie soll das alles mal wieder besser werden? Man merkt nicht, daß die Not erzieht. Es liegt freilich eine lange Vorschule hinter uns! – Und die Gegenwart? –
Mit den Beiden im Haus ist der Verkehr nun doch etwas freundlicher. Sie sind eben sehr wenig zugänglich und umgänglich, aber der Grundton ist etwas wärmer geworden.
Heut hat mir Trudel den Ctr. Brikett besorgt, der in Vorrat für den Winter ausgegeben ist.
Ich war statt dessen erst in der Augenklinik, dann zu Haus, um das Essen in die Kochkiste zu besorgen, dann wieder fort mit der Wäsche nach Ziegelhausen. In den übervollen Wagen mit
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| Gepäck ist es fast unmöglich!
Schrieb ich eigentlich, daß Matussek mir letzten Dienstag eine kleine (nachgelassene) Arbeit von Scheeler vorlas über das Verhältnis von Religion und Kunst? Ich konnte es ganz gut begreifen und fand es klar und scharf. Morgen abend kommen die beiden Brüder wieder zu mir. Da sollen sie noch von den Kirschen haben. Und ich hoffe, wir lesen Magie der Seelex [li. Rand] x die er auch bekam denn in Gemeinsamkeit kommt immer noch manche Einzelheit mehr zur Geltung.
Die Arbeit für Cibis ist langweilig: drei ganz gleiche Augenbilder mit Umgebung, an denen der Verlauf einer Operation gezeigt wird. Heute sprach mich vor der Klinik auch Prof. Serr an, der was zu zeichnen hat. Alles sehr erfreulich, nur hindern mich etwas die vielen Augenschmerzen. Berufskrankheit!
Ein Zettel v. 2.VI., abgestempelt 3.IV. Heidelberg, ist angekommen. Außerdem Briefe vom 17. u. 29.V. – Von mir gingen ab: Brief vom 1. Juni an Dich um 5. Juni an Susanne. – – Habe ich nun mit meinem langen Schrieb Deine Verzeihung erworben? Und wie sollen <li. Rand> sich unsere Pläne gestalten? Grüße Deine Hausgenossen, <Kopf> und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.