Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. Juni 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Juni 1947.
Mein lieber, einziger Freund!
Endlich habe ich eine ruhige, ausgeruhte Stunde vor mir, um Dir zu schreiben. Mögest Du doch fühlen, mit welcher Freude und Dankbarkeit am 27. meine Gedanken bei Dir sind – In Dankbarkeit für Dein Dasein und in Freude, daß dies Dasein sich wieder so reich mit Befriedigung erfüllt hat. Du schreibst mit einer gewissen Wehmut von Alterserscheinungen, die Dich in letzter Zeit etwas plagten. Das gehört nun wohl auch zu den "Lebenserfahrungen", an denen man reifen muß! Ich hoffe sehr, daß die Tatsache, daß keine Erkrankung vorliegt, Dir dabei hilft. Aber zu den Annehmlichkeiten gehört die Sache nicht, das kann ich bestätigen, denn ich bin schon länger damit behaftet, mehr oder weniger, je nach der Möglichkeit des Ausruhens und je nach der Witterung. Denn wir sind ja leider sehr für den Barometerstand empfindlich. Ich habe dies sonderbare Schwindelgefühl immer "wie leicht angetrunken" genannt und man
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| bewegt sich dabei "wie ein Schiff auf hoher See". Der Arzt nennt das sehr schön: Kreislaufstörungen und nimmt es nicht tragisch, weil er nichts dagegen zu verordnen weiß. Trotz allem war ich aber froh, daß Du mir gleich per Karte Nachricht gabst und danke Dir extra dafür. Meine Wünsche für das neue Lebensjahr sind nun natürlich vor allem darauf gerichtet, daß Du nicht mehr so rücksichtslos auf Deine Kräfte haust, wie in diesem ersten Jahr der neuen Lehrfreiheit, und daß Du vielleicht auch zugänglich bist für kleine Unterstützungen des Befindens, wie ich sie gebrauche an Vitaminen und vor allem durch Arsenferratose. Kannst Du Dir die nicht verschreiben lassen? Sie nimmt sich angenehm wie ein Schnaps und man hat das Gefühl, daß der wenige Alkohol stärkt. Aber ich will nicht fachsimpeln, sondern lieber mit Dir in Gedanken bei alledem sein, woran keine Zeit etwas ändert oder abnutzt. – Deine beiden letzten Bilder stehen vor mir auf dem Tisch und reden mir von allem gemeinsamen Erlebten und Durchkämpften.
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| Wieviele Bilder aus den langen Jahren steigen da vor mir auf! Und das Wunderbarste von allem ist doch die freudige Gewißheit immer gleicher, unzerstörbarer Liebe! Die "Magie" meiner Seele greift da immer hinaus über das Reich des Erfahrbaren zu der festen Überzeugung [über der Zeile] von einer höheren, sinnvollen Bestimmung und Lenkung. Und je älter man wird, desto fester schließt sich alles zu einem Ganzen zusammen, das sich frühe schon ahnungsvoll ankündigte. Darin findet das heute so hart bedrohte Dasein immer von neuem Halt und Trost.
Irgend etwas zu schicken, was Dir von solchen Gedanken redete, fand ich leider keine Möglichkeit. Vielleicht fehlte es am rechten Besinnen und es bot sich nichts von selbst! Ein kleines Päckchen mit lauter Minderwertigkeiten soll heute noch gepackt werden. Das Beste darin ist ein Flaschenkork, der mich an ein Mittagessen an der Bastei erinnert, bei dem Du eine Flasche Wein spendetest. Jetzt können wir nur noch am "Korken riechen". Und die 5 Flaschen im Keller warten vergeblich auf Dich! – Hoffentlich nimmst Du das kleine Stück Seife nicht als Kränkung auf! Es ist nur die Hälfte von einem, das mir meine Schwester
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| schenkte. Das gelbe Stanniolpapier, das festgeklebt ist, schont beim Verbrauch. – Der kleine Notizblock neulich war eigentlich für Susanne gedacht. Vielleicht gibst Du ihr diesen zweiten. Ich bekam mehrere von einem Buchbinder, der sehr erfreut war über die Bücherpresse, die ich ihm verkaufte. Na, – und das Übrige erklärt sich ja selbst. Die runde Schachtel enthielt einen kleinen Blumenstrauß vom Verlobungstag meines Vaters. Nach mir hat das ja für niemand mehr Interesse, drum ist es besser, ich habs vernichtet. Hast Du für derartige Symbole durch all Eure Fährnisse behalten? Hast Du z. B. unter Deinen Büchern noch die Hafis-Lieder von Daumer? Ich wäre Dir dankbar, wenn Du mir die schicken könntest! –  –
Meine geringe Leistungsfähigkeit ist eben sehr in Anspruch genommen. Die Vorsorge im Haushalt ist leider so wichtig, daß sie allem vorgeht. Ich habe 8 <altes Pfundzeichen> Schoten zu 2 <altes Pfundzeichen> getrockneten Erbsen verwandelt, habe 10 <altes Pfundzeichen> Kirschen in 8 Gläsern sterilisiert, und daneben will der tägliche Haushalt versorgt sein. In der Augenklinik hatte ich ein dick geschwollenes Auge zu malen, und heute will Dr. Siebeck noch eine Skizze sehen von der Schädelbasis, die ich noch nicht angefangen habe!
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| Dabei habe ich Dir doch noch so viel zu schreiben! Da kam vorgestern z. B. ein Brief von Frl. Krogner, die von einem eigenen Garten träumt und den Ertrag mit mir teilen möchte. Ich bin erstaunt, daß sie noch gern an mich denkt, denn ich war doch ziemlich erschöpft von ihrem Hiersein. Sie sucht nach einer angenehmen Stellung, um von Ehrenstein fortzukommen, das wirst Du ausführlich wissen. – Gleichzeitig kam – sehr erfreulich eine Karte von Hermann, schon von der Rückreise, abgestempelt bereits aus Tutzing. Er hofft, zum 16. Juli der Hochzeit seiner Tochter Irmgard in Essen beiwohnen zu können. Sie sind dort dann bei dem Ehepaar Saß, der jüngsten von Hermanns Kindern. Auf der Hin- oder Rückfahrt hoffe ich dann bestimmt auf seinen Besuch für ein paar Tage. – Zu Kohlers werde ich wohl zunächst noch nicht kommen, denn am 1. Juli tritt Trudel Nitsche eine Stelle als Tippfräulein an, die sie von morgens 7–18 Uhr von Hause fernhält. Da werde ich wohl etwas helfend eingreifen müssen. Dieser Tage macht sie Examen als höhere Handelsschülerin.
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| Dr. Drechsler war dieser Tage hier und erzählte mir, daß es mit Mainz nichts für ihn würde. Er hat sich nun in Stuttgart beworben und an Deine Hülfe gewendet. So kommen immer die Anliegen an Dich! Und nun wieder die vielen Geburtstagsbriefe! Du solltest Dir eine vorläufige Danksagung drucken lassen!
Damit auch der Schatten nicht fehle, muß ich noch mitteilen, daß vor 8 Tagen Buttmis am Abend die telefonische Mitteilung bekamen, daß ihre Tochter Maria nach einem Autounfall im Darmstädter Krankenhaus läge. Der Vater konnte am nächsten Tag hinfahren, sie sehen und vom Arzt hören, daß sie mehrere Wunden am Kopf und eine am Bein hat, eine mittelschwere Gehirnerschütterung, aber in drei Wochen wohl nach Haus kommen könne. So ist es also noch gnädig abgelaufen.
Ich aber muß mich leider jetzt ans Zeichnen machen und darum für heut von Dir Abschied nehmen. Grüße an Deine beiden Hausgenossen, Dir aber sende ich viele, viele gute Wünsche, der Himmel behüte Dich! Innige Grüße in alter Treue von
Deiner
Käthe.