Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Juni 1947 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 27. Juni 1947.
Mein liebes Herz!
Erst heute, am Geburtstage, wird nun das Päckchen fertig, das so lange schon auf meinem Tisch halbgepackt steht. Es waren heiße Tage, in doppeltem Sinne, die mich nicht zum Absenden kommen ließen. Der Beruf hat auf einmal eine ganz unerwartete Blüte entwickelt und das hat all meine verfügbare Zeit in Anspruch genommen. Dabei ist die Arbeit für Dr. Cibis noch halbfertig, aber das Aquarell nach der Geschwulst ist abgeschlossen, und von zwei großen Augenspiegelbildern ist das erste im Rohbau, wie mir scheint, recht gut. Ich habe mich sehr damit geplagt, und der Assistent, an dessen Patient die Zeichnung gemacht wird, kann nicht so gut wie der Oberarzt mit dem komplizierten Apparat umgehen und sachgemäß die Arbeit dirigieren. – Daneben hatte ich im Hause Wäsche und in Ziegelhausen welche zu holen und mit Frau Rehberger die Lieferung von Him- u. Joh-Beeren zu verabreden. Immer war der Tag um, und nur die Hälfte des Notwendigen geschehen. – Auch heute konnte ich keinen Festtag machen, nur ein gutes Mittagessen hat den Tag gefeiert, mit 6 guten Zwieback habe ich mir "arme Ritter" gebacken. Das war ein heimatliches Essen, wie es selten mehr vorkommt. Außerdem trinke ich literweise echten Tee auf Dein Wohl; immer von neuem gieße ich kochendes Wasser über dieselben Blätter, nur dann und wann kommen einige neue dazu. Der Topf ist schon allmälig halb voller Blätter. Ich finde es sehr wohltuend, viel zu trinken bei dieser "hanebüchenen Hitze". Alle Welt stöhnt, aber mir ist es weniger quälend, als die Kälte im Winter.
Vom frühen Morgen an habe ich in Gedanken an Deinem Geburtstag teilgenommen und hoffe, daß er Dir viel echte Freude gebracht hat. Du wirst so manches Zeichen der Dankbarkeit und Verehrung erhalten haben, das Dir ein Beweis Deiner tiefen, ganz persönlichen Wirkung ist. Hoffentlich ist auch mein Gruß rechtzeitig eingetroffen, der allerdings recht wenig von dem zum Ausdruck brachte, was mein Herz für Dich erfüllt. Und ebenso wenig können Dir die wertlosen Kleinigkeiten sagen, die ich immer in Gedanken an Dich sammelte. Wenn ich doch etwas Besseres zu schicken hätte! Nimm vorlieb, mein Einziger und laß uns hoffen, daß auch mal wieder andere Möglichkeiten für uns kommen. –
Von Anna Weise bekam ich das Berliner Kirchenblättchen mit
[2]
| der Besprechung Deiner "Magie der Seele", von Dibelius. Es war mir sehr interessant, wie ehrlich er zugibt, daß auch der kirchlich Gebundene nicht ohne Zugeständnis an Deiner Schrift vorüber kommt. Es wundert mich immer, wie wenig Leute von jener Richtung eine Vorstellung von der Fülle und Tiefe des Erlebens haben, die in Deiner "so sorgfältig geführten Gedankenfolge" verborgen ist. Woher kommt denn die Liebe zu Gott, ist sie überhaupt denkbar ohne die Offenbarung seiner Liebe, die wir an uns erfahren? Ist denn ein Glaube möglich auf Wunsch? Oder auf die Autorität einer Überlieferung hin? Ich kann mir nichts Echtes vorstellen, das nicht von innen gewachsen wäre an der Sonne und der Zucht des ernst und voll gelebten Lebens. Und dieses Leben hat uns gemeinsam geführt und läßt uns seinen geheimen und tiefen Sinn ahnen, der über das individuelle Dasein hinausreicht. Und so wollen wir auch im neuen Lebensjahr festhalten an diesem Sinn und an unsrer zeitlosen Gemeinsamkeit.
Mit treuen und innigen Wünschen grüßt Dich
Deine
Käthe.