Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Juli 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Juli 1947.
Mein liebes, liebes Herz,
es scheint mir nur noch bestimmt zu sein, Dir Karten zu schreiben, denn seit Sonntag strebe ich vergeblich, Zeit für einen Brief zu gewinnen. Durch mein Schreiben an Susanne weißt Du ja, daß ich, daß ich zwischen Sonntag und Montag in der Nacht um 3.24 Hermann am Bahnhof treffen sollte. Erst wußte ich garnicht, wie das möglich werden sollte, dann aber fiel mir als rettender Engel der jüngere Matussek ein, der in der Gaisbergstraße wohnt und der von einer beispiellosen Gefälligkeit ist. Er nahm mich von 10–3 Uhr in seiner Bude auf. Erst unterhielten wir uns eine Weile, dann ging er in irgend einer Angelegenheit noch aus, und ich schlief 2 Stunden ganz tief; wir tranken einen echten Kaffee (aus Tübingen), den er rasch kochte, und er begleitete mich zur Bahn. Der Zug lief auf die Minute pünktlich ein und da Matussek den Namen rief, fanden wir Hermann schnell. Er sieht eigentlich unverändert aus und war – als lägen nicht Jahre dazwischen. Gesprochen
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| haben wir wenig, denn er überlegte recht lange, wann und wie er einen Aufenthalt hier in seiner Rückreise einschieben könne. Auf alle Fälle aber fällt dies noch in den Juli, sodaß es unsere Pläne keinesfalls stört. Wie aber lassen die sich nun an? Ich bin da keineswegs für Verschieben, aber ich habe immer gehört, daß die Paßbesorgung nicht rasch geht. Das dazu nötige Papier ist bei mir bisher nicht eingetroffen. –
Montag war ich etwas erschöpftx [li. Rand] x und mußte mein graues Kostüm waschen und bügeln! von der mangelhaften Nachtruhe, am Dienstag hatte ich den lange ersehnten Vorzug einer sehr angenehmen Näherin, die meiner Garderobe etwas aufhalf, und das heißt: den ganzen Tag für's Essen sorgen. Heute, Mittwoch, war ich den Vormittag über zu Besorgungen in der Stadt und am Nachmittag in Ziegelhausen bei Fr. Frobenius, deren Mutter aus Erfurt zu Besuch da ist. Jetzt, am Abend, habe ich auf dem Balkon geschrieben, bis ich nicht mehr sehen konnte, und will jetzt in meinem Zimmer den Schluß machen. Vormittags habe ich den Rundgang durch die Heidelberger Buchläden auf der Suche nach Spranger's Schriften wiederholt und überall die gleiche Auskunft erhalten: sehr gesucht
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| und ausverkauft. – Vielleicht – kommt noch eine Nachlieferung. Bei Braun, wo ich die "Lebenserfahrung" oder die "Goetheaufsätze" bestellte, bekam ich nach einer ärgerlichen Beschwerde meinerseits das hübsche Büchlein von der Brunnenbücherei No 2., nachdem es erst hieß, es sei nicht vorhanden. Das ist jetzt so die Methode, es wird alles nur an Bekannte abgegeben. Diesen Vorzug habe ich bei Wolf, früher Peffers, an der Anlage. Aber der hatte wirklich diesmal nichts, will mir aber nächstes mal was reservieren. –
Meine Hauptarbeit hat dabei garkeine Fortschritte gemacht und muß jetzt energisch in Angriff genommen werden. Vor allem der Schädelknochen für Dr. Siebeck, denn der Dr. geht nächstens nach Darmstadt. Auch Dr. Cibis wartet, und auch die beiden Augenhintergründe brauchen einen letzten Schliff, doch ist da der behandelnde Arzt zum Glück gerade krank, sodaß er nicht drängelt.
Nach einer langen Ebbe bekommen wir eben allerlei Gemüse, besonders Mohrrüben. Würde es lohnen solche zu schicken, oder habt Ihr die jetzt selbst? Ich glaube immer, wir haben es materiell viel besser als Ihr, und würde Euch so gern davon mitteilen.
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Geistig freilich ist hier Mangel und es kommt mir aus Tübingen ein reicher Überfluß. Habe Dank für den Pestalozzi; von dem ich die Hamburger Rede am 13. bei Matussek mit wahrhaftem Genuß las. (Auch dies Buch ist hier bereits vergriffen.) Wie schön, daß diese so menschlich warme und nahe Schilderung des seltenen Mannes auf diese Weise der Öffentlichkeit erhalten blieb. Mir klingt immer, wenn ich hier von der Wirkung Deines Namens und Deiner Schriften höre, im Ohr: "Ausgestreuet ist der Samen – Über alles deutsche Land". In allen Zonen ist jetzt Dein Werk vertreten und die – lieben Collegen können es nicht hindern, auch hier nicht. Übrigens: Hellpach! Nun, ein Geistesverwandter ist er wohl nicht. Aber es ist hübsch von ihm, daß er Dich sucht. Vielleicht hat er hier kein rechtes Glück gefunden.
Lieber, erinnerst Du Dich an den Aufsatz: Von den Grenzen der Seele? Und weißt Du noch, wie und wann Du ihn schriebst? Ich schickte Dir damals Dein Exemplar mit einem "Trauermantel" verziert zurück, und auf meiner Abschrift steht, von Deiner Hand, der 6. Okt. 06. – das ist der Todestag meines Vaters, aber nicht der Tag der Entstehung. Es ist ein wunderbarer Einklang darin mit den Gedanken der M.d.S. – und ich <li. Rand> fühlte einmal wieder tief das Goethewort von der Spiraltendenz des Lebens, <li. Rand S. 3> immer höher, weiter und tiefer, in gleichem Sinn und gleicher Bahn!
<li. Rand S. 1> Jetzt, 11 Uhr, bringe ich dies noch zur Post, damit es morgen früh mit fortgeht, und ich gebe ihm viel innige Grüße und Wünsche mit. Deine Käthe