Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20./21. Juli 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Juli 1947.
Mein liebes Herz,
Der Sonntag-abend kann mir nicht schöner vergehen, als in einem Plauderstündchen mit Dir. Ob es zu einem wirklichen Sprechen demnächst kommen wird? Wer weiß! – Den ganzen Tag habe ich mich mit dem Eselkinnbacken, d. h. mit der Schädelbasis für Dr. Siebeck, herumgeschlagen, und dann noch zwei Briefe geschrieben: Frl. Dr. Clauß, zur Begleitung für die "Magie der Seele", und an Otto Kohler zum Geburtstag. – Dies aber ist nun die Fortsetzung meines letzten eiligen Schreibens. Inzwischen habe ich einen Tag "blau gemacht". Ich hatte mich wohl mit den berüchtigten frühen Pflaumen verdorben, und das macht gleich den Menschen völlig unfähig; besonders heutzutage. So lebte ich von Kamillentee und Zwieback, und blieb im Bett, um Kalorien zu sparen, und – schlief fast den ganzen Tag. Das hat mir gründlich aufgeholfen. Ich war eben etwas überanstrengt. Aber auch in Alkohol habe ich gesündigt, und als Medizin die
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| einzige Rotweinflasche aus dem Keller heraufgeholt. Die ist Dir nun entgangen und Du mußt mit dem Weißwein vorlieb nehmen. Wenn er nur bei Dir wäre! Übrigens: der Tabak ist mein Erwerb, sowohl auf meine Raucherkarte, als auch von Kirchheim geschenkt. Aber Du hast ja nun Besseres zum Geburtstag bekommen.
Der Ruhetag hat mir auch zeitweise mal wieder die Möglichkeit stillen Nachdenkens gegeben und ich merkte recht, wie sehr ich das oft entbehre. Aus dem Pestalozzi lese ich "portionsweise", wie die Nahrung auf Karten! Es fügt sich da so manches mit der Magie und der Aussprache mit Dibelius zusammen. Ob er Dich versteht und auch antwortet? Er war schon nicht von den ganz hartgesottenen, wie etwa Deine alten Württemberger Theologen. War nach Deinem Vortrag etwas Diskussion; Hörtest Du, wie es wirkte? Ob Dibelius für die Aufgabe des Absolutheitsstandpunkts sein kann? Eine Veränderung der alten Form hat selbst Harnack gescheut, und Troeltsch ging zur Philosophie. Wir beide haben jeder im Religionsunterricht freieren Geit kennengelernt, und deshalb doch zur Kirche gehalten, bis mich in Kassel einer hinaustrieb, weil ich nicht an die Gottheit Christi glaubte.
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| Kann die Kirche auf das Dogma nicht verzichten, gibt es da eine Möglichkeit der Reform? Es heißt doch im Katechismus: – ist wahrhaftiger Mensch, – und wahrhaftiger Gott. Und überhaupt: ist das alles nicht ein Streit um Worte? Auf "Wahrheit und Freiheit", wie Pestalozzi es nennt, kommt es an!
Und die Freiheit scheint auch bei der kathol. Kirche möglich, in der bei einer Predigt ein Wort von Dir erwähnt wird, und ein Jesuitenpater zu Duldsamkeit und Verständnis Andersdenkender rät. Die können sich das leisten, aber die Evangelischen fürchten für ihren Bestand. Zu Unrecht, wie Du schreibst, denn gerade die Weite wäre neue Lebensmöglichkeit. "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen".

21.VII. Wie seltsam ist überhaupt dieses Eifern von D. wegen der Liebe. Ist sie denn ein Rechtsanspruch: erst Du, dann ich! Ist sie nicht gerade in ihrem Wesen der Durchbruch der Offenbarung?
Hoffentlich können wir von alledem noch reden! Den Artikel von Wenke möchte ich auch noch etwas behalten. Ich lese ihn gern noch öfter und freue mich daran. Er ist so lebhaft und unmittelbar voll echter Wärme, wie ich es seinem Wesen garnicht
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| zugetraut hätte.
Schrieb ich Dir wohl neulich vor oder nach dem kurzen Zusammentreffen mit Hermann? Es war mir doch lieb, daß es glückte und das tat es nur durch die immer bereite Hilfe des jüngeren Matussek. Jetzt nun kündigt sich Hermann für die Rückreise auf 1½ Tage an, von Mittwoch, d. 23. nachmittag, bis zum 24. nachts. Er kommt da über Mannheim. Das ist eine frohe Aussicht! Und wie steht es mit Euren Ferienplänen? Ich hoffe und wünsche dringend, daß Du mal wirklich Ruhe einschaltest und nicht etwa in Pflichtfanatismus die Ferienkurse für Frl. Geppert. Sammle wieder Deine Kraft für eigne Linien und Ziele; da ist noch so viel Möglichkeit für Dich!
An dem lebhaften Echo, auch aus Heidelberg, habe ich große Freude. Hartlaub ist mir schon mehrmals als wünschenswerte Anregung aufgefallen. Aber ich konnte noch keinen Kontakt gewinnen. Die Zeit reicht ja nicht zur Erfüllung der dringendsten Pflicht!
Auch jetzt muß ich aufhören und in den Alltag einlenken. Bleibe gesund, und halte Maß mit der Arbeit, soviel es geht. Grüße Susanne und Ida herzlich.
In stetem Gedenken lebt mit Dir
Deine
Käthe.

[li. Rand] An Susanne schreibe ich in den nächsten Tagen; sie soll noch Geduld haben!
[Kopf] Maria Buttmi ist zu Hause und erholt sich nach und nach ganz gut. Es war doch eine ernste Sache.