Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. August 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. August 1947.
Mein liebes Herz!
Mit meinen Gedanken bin ich noch ganz bei Euch und sehe die Bilder vor mir, die ich mit stiller, freudiger Seele aufnehmen konnte. Es ist mein inniger Wunsch, daß Euch diese gnädige Gestaltung des so bedrohten Schicksals erhalten bleiben möge! Wie dankbar bin ich, daß Ihr mich unter so günstigen Bedingungen am Ablauf Eurer Tage teilnehmen ließet, sodaß ich nicht das Gefühl haben mußte, zu stören. Ich kann mich nun doch noch anders zu Euch versetzen, als es bisher durch Deine lieben, eingehenden Briefe der Fall war.
Nun bin ich wieder in der engen Welt, die doch den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Schon die Reise war derart, daß ich mich freute, bei Euch so frische Kräfte gesammelt zu haben. In Stuttgart gab es ein Gedränge beim Umsteigen, wie ich es noch nicht erlebt hatte, und ich bin doch hier an der Elektrischen etwas gewöhnt. Nachträglich erfuhr ich, daß dieser Zug zum letzten Mal ohne Zulassung fuhr. Von jetzt an brauchen alle Schnellzüge solche Genehmigung. Ich stürzte mich aber unerschrocken in den Strom und wurde auch davon bis in ein Abteil getrieben, in dem liebenwürdige junge Menschen mir zwischen sich noch ein Plätzchen einräumten. Allerlei Zeitgemäßes
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| erfuhr ich auch aus den Gesprächen, was Schlaglichter auf die gegenwärtige Situation warf. Auch hier ist das allgemeine Gefühl der Unsicherheit überwiegend und die meisten leben nach der Weisheit: Pflücke den Tag! – Möget doch Ihr jetzt dazu recht günstige Gelegenheit haben! Die Pension ist ja so gerühmt, daß ich hoffe, Ihr könnt Euch darin wohlfühlen und es bleibt mir das Bedenken mit dem Wetter. Hier war am ersten Tag der gewohnte, wolkenlose Himmel, am zweiten war es morgens bewölkt, aber stürmisch verweht, am dritten blieb den ganzen Tag lockeres Gewölk und heute ist alles grau in grau, aber gewitterschwül, und dann und wann fallen einige Regentropfen. Ich wollte, es käme zu einem regelrechten Entschluß und regnete mal 24 Stunden, um dann für Euch wieder schön zu werden. Das hiesige Klima hat sich gleich wieder mit Zentnerlast auf mich gelegt, aber ich habe mich doch so erholt bei Euch, daß ich dem Druck besser Widerstand leisten kann. Aber das Schlafbedürfnis ist sehr groß, und die Arbeit geht recht langsam. Viel Zeit habe ich auch auf dem Lebensmittelamt zugebracht, wo man immer von einem Schalter zum anderen geschickt wird. Das ist die Sache für die Karten, aber auch für das
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| [li. Ecke] (Verzeihung!) Eßbare war ich unterwegs, habe Tomaten und Falläpfel erlangt, und außerdem etwa 2 <altes Pfundzeichen> Kartoffeln; da ich noch einige im Keller hatte, ist damit keine Not. Sonst aber ist es jetzt hier recht dürftig. Die Klage über die große Trockenheit hört man beständig, Obst und Gemüse bleiben aus. Sogar über die Traubenernte spricht man ungünstig. Sie hatten so enorm angesetzt und das konnte nicht voll auswachsen, da ist innerlich viel verkümmert, voll Ungeziefer und vertrocknet. Nun, den Wein hätten wir doch nicht bekommen!
Bei Buttmis ist die Schwester der Frau aus Sachsen zu Besuch und hat viel von erlebten Schrecknissen zu berichten. Ich bin jetzt in Sorge, ob der Pfarrer Saß, der Mann von Hermanns jüngster Tochter, von der Reise zu seinen Eltern im Russischen gut zurückkam. Auch an Cilli denke ich oft. Hoffentlich geht es ihr allmälig besser! So wandern die Gedanken viel mit Sorge zu lieben Menschen. Da ist es ein ganz besonderes Glück, wenn man an den liebsten Menschen mal ohne Sorge denken kann. Ich habe es doch bei Euch über Erwarten günstig gefunden und das ist heute eine Seltenheit. Schön, das Ihr nun beide eine wirkliche Arbeitspause macht! Wie wird der Eindruck von Freudenstadt sein? Ich weiß, daß Du dort auch bei vielen Wegen an mich denken wirst. Wir haben dort auch
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| viel Gutes erlebt.
Ich bin froh, daß ich jetzt nicht zu zeichnen habe. So hoffe ich doch, mit mancher Arbeit, die im Rückstand war, durchzukommen. Ich möchte endlich mal zu einem Dauerzustand zu gelangen, bei dem ich mich wohl fühlen kann.
Den jungen Matussek habe ich auf der Straße getroffen und der andere kommt am Montag zurück, geht aber noch nach Marbach. –
Von Dielbach habe ich noch keine Nachricht. Ich wollte, ich könnte Herrmann bald Bescheid geben. Wenn er doch wenigstens in Tutzing Aufenthaltgenehmigung bekäme! –
Eine Bitte habe ich auch! Nämlich daß Ihr mir den vollen Namen von Ida mitteilt, damit ich ihr einen Gruß schicken kann. Ich wollte noch danach fragen und vergaß es leider.
So schicke ich jetzt diesen dürftigen Zettel ab, der so garnichts von dem ausdrückt, was mich eigentlich bewegt. Möge er wenigstens sagen, wie von Herzen ich dankbar bin für diese in jeder Beziehung wolkenlosen Tage.
Seid alle beide innig gegrüßt und laßt es Euch gut gehen! Schüttle mal alle Bedenklichkeiten ab für einige Tage und sammle neue Kraft für Dein segensreiches Schaffen, mein liebes Herz!
Deine
Käthe.