Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. August 1947 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 26. Aug. 1947.
Mein geliebtes Herz!
Es ist jetzt seit Jahren üblich, daß wir den 31. nicht gemeinsam verleben, aber ich möchte doch gern, daß wenigstens ein Lebenszeichen von mir Dich an diesem bedeutungsvollen Tage erreicht. Seit ich von Tübingen wieder hier bin, gehen meine Gedanken viel rückschauend in die nächste und fernste Vergangenheit. Wie seltsam verschlungen waren unsere Wege schon ehe wir uns kannten, und wie selbstverständlich klingt unser Wesen auch heute noch zusammen! Es war so schön, wenn ich Dir am Schreibtisch still gegenüber sitzen konnte und Du mir allerlei aus Deinen Briefen mitteiltest! Von der inneren Ruhe dieser Tage ist mir für meinen armen Alltag neue Kraft des Ertragens gewachsen. Wie dankbar bin ich dafür!
Jetzt suchen meine Gedanken Euch in dem
[2]
| schönen Freudenstadt, das für mich, trotz aller gegenteiligen Berichte eben doch nur das blieb, das ich kenne. Hoffentlich ist die Pension so gut, wie man sie rühmte, und ihr könnt Euch darin wohl fühlen. Das Wetter jedenfalls läßt nichts zu wünschen übrig – für Eure Zwecke. Sonst freilich ist es verhängnisvoll. – Ich bin ja so gespannt, was ich über Eure Erlebnisse hören werde. Es ist jetzt schon mehr als eine Woche, daß der schöne ständige Verkehr abriß. Zuerst klingt dann immer das Erlebte fast wie gegenwärtig nach, aber allmälig wird der Abstand doch leicht schmerzlich fühlbar. Überhaupt bin ich wie von der Welt abgeschnitten, es kommt keine Post und ich sehe niemand. Nur dem Einkauf muß ich nachlaufen, heute über 2 Stunden für die 10 <altes Pfundzeichen> Winteräpfel Schlangestehen. Aber die angekündigten 50 <altes Pfundzeichen> sind bereits auf 30 herabgesetzt, und Kartoffeln wird es nur 1 Ctr. geben – wenn er vorhanden ist! Ich habe fast Bedenken, daß ich bei Euch so harmlos drauf los gegessen habe, daß ich Euch womöglich schädigte.
[3]
| Nachdem, wie ich Euren Haushalt miterlebte, geht es Euch noch besonders gut. Ich denke, Du wirst das auch wohl bewußt empfinden. – Aber nicht nur dieser äußere Rahmen war es, was mir so wohlgetan hat, sondern das ganze Leben mit und um Euch. Und ich genoß es ganz im Sinne der Bergpredigt: Darum sorget nicht für den anderen Morgen –  –
Es fügt sich immer alles auf die rechte Art. Ich habe, veranlaßt durch Deine Aufzeichnungen über die Berufung nach Leipzig, die mir Susanne schenkte, jetzt auch die anderen Blätter der Erinnerungen wieder gelesen und von neuem mitgelebt. Es ist, als ob so manches erst in der Zusammenschau zu seiner rechten Bedeutung käme. Und etwas wirkt da auch die Willkür des Gedächtnisses mit, von der Du sprichst. Man ist ja niemals ganz objektiv, auch wo man ganz wahr sein will.
Immer wieder fällt mir eine Bemerkung ein aus einem Deiner Briefe, den Du mir zu lesen gabst. Es sei Dir fast unheimlich, "wie man immer wieder auf die gleichen Gedankengänge zurück
[4]
|komme". Ist das nicht gerade eine Bestätigung ihres Wertes, ihrer Echtheit? "So mußt Du sein, Dir kannst Du nicht entfliehn", aber immer voller und vertiefter kann sich das Ich entfalten. Ich meine, aus solchen Erfahrungen kommt uns das Glück, unsere Bestimmung zu erfüllen. Und dieses Glück wird doch Dir, mein liebstes Herz, in vollem Maße zuteil.
Noch habe ich die Freude vor mir, das Geleitwort zur "Bestimmung des Menschen" zu lesen. Ich war bisher immer abends schon zu müde, um "auch zu verstehen, was ich lese." Aber das bessert sich. Hast Du für die kurzen Ferien auch Lektüre mitgenommen? Oder war die Vorbereitung zur Entspannung schon durch die Wanderstunden mit mir erreicht? Mir haben sie tiefen Herzensfrieden gegeben und dafür danke ich Dir und jener Lenkung von oben, die uns am Weißenstein so unvermutet tief verband.
Grüße Susanne sehr herzlich und sei Du von den liebevollen Gedanken umgeben
Deiner
Käthe.