Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. September 1947 (Oberdielbach)


[1]
|
Oberdielbach, 15. Sept. 1947.
Mein liebes Herz!
Das Briefblatt ließ sich nicht zukleben, die Post ging sonntags nicht von hier ab, so blieb der Gruß in meiner Tasche, der Dir Nachricht von mir geben sollte. Jetzt sitze ich nun in der herrlichen Luft hier oben im Schatten eines Birnbaums auf der Wiese und lasse es mir wohl sein. Allenthalben ernten die Leute ihr Obst, das auch hier sehr gut ausgefallen ist. Otto Kohler ist nach Karlsruhe gefahren, um in den Ämtern seine Angelegenheit zu betreiben. Es ist damit wie überall, die Sachen bleiben irgendwo liegen. – Ursel ist für 2 Wochen in der Nähe von Traunstein, um eine Ruhepause vor dem abschließenden Apothekerstudium zu genießen, für das sie in Karlsruhe Zulassung bekam. –
Zu einem stillen Beisammensein kam es hier noch garnicht. Wie überall ist drängende Arbeit und dazwischen reichlich Besuche. Da handelt es sich darum, zwei junge Schweine in ein größeres auszuwechseln, das nicht mehr so lange gefüttert zu werden braucht. Da kommt die junge Lehrerin nach dem Abendbrot, die morgen früh in Urlaub reist. Da kommen Leute aus dem Dorf oder von Eberbach wegen Obst – kurz, es ist beinah wie bei Dir. Allein in diese 4 Tage fallen 2 Beerdigungen. Die drohende Knappheit wirft auch hier ihren Schatten voraus, vor allem durch die notorische Mißernte mit den Kartoffeln. Auch der Weizen ist bei Kohlers nicht wie sonst. Die Getreide sind ja längst geerntet. aber auf den Wiesen ist auch kein Hälmchen,
[2]
| sie liegen fahl und dürr da, und die Bauern lassen schon Kühe und Schafe die wenigen Blättchen absuchen, die sich noch hervorwagen, denn Heu hat es nur im Frühjahr gegeben, einen zweiten Schnitt gab es nicht.
Dabei spannt sich täglich ein strahlender Himmel über uns aus, und wenn auch ständig ein leichter Wind geht, kühlt es auch nachts niemals so ab wie damals in Tübingen. Für einen Nichtstuer, wie ich es eben bin, ist es da ideal und ich genieße diese wenigen Tage wie eine "Henkersmahlzeit".
Wiecherts "Wälder und Menschen" hatten Kohlers seit Jahren geliehen und ich verlangte es schon mehrmals vergeblich zurück. Jetzt lese ich es nun hier selbst und werde es auch mitnehmen. Es spricht mich doch diesmal sehr an. – Zu dem Fichte kam ich in Heidelberg auch noch und die beiden ersten Abschnitte, in die Du so wirksam einführst, waren mir absolut fremd, obgleich die Striche am Rand mir sagen, daß ich es gelesen haben muß und nicht einmal ganz ohne Verständnis. Erst bei dem dritten Abschnitt, den er "Glauben" nennt, begriff ich meine Begeisterung, die mit der Alpennatur damals zusammenklang. Ich habe diese Schrift offenbar in einem Zeitpunkt gelesen, wo sie für mich befreiend wirkte. Diesmal bin ich nun ein wenig kritischer – wohl aus eigner Einstellung heraus. Ich möchte sagen: mit etwas mehr Distanz. –
Doch wenn der kleine Brief heute noch fort soll, dann eilt es. Darum nur noch viele, viele Grüße, auch an Susanne und Ida. Von Heidelberg bald wieder! Von Hermann weiß ich noch nichts. –
Deine Käthe.