Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. September 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg-R. 22. Sept. 1947.
Mein liebes Herz,
wenn es auch kein richtiger Brief werden kann, möchte ich Dir doch wenigstens einen Gruß senden! Von dem Dielbacher Aufenthalt kam ich am Mittwoch sehr erfrischt zurück, und fand mich schwer wieder in den Alltag, der immer armseliger wird. Zu erzählen ist von Erlebnissen nichts, als daß sich Gretli Schwidtal für den Sonnabend über Sonntag ansagte. Ich bin eigentlich nicht mehr zu solchen Dingen fähig und graule mich etwas davor, so gern ich sie persönlich habe. Denn womit soll man einen Menschen ernähren, ohne Kartoffeln und Gemüse? Zum Trost ist wenigstens ein Zusatz an Fleisch aufgerufen. – So dreht sich das Dasein immer ums "tägliche Brot." Und das Brot
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| ist mir, wie es scheint, schlecht bekommen. Denn es widersteht mir und ich habe eine ernstliche Magenverstimmung. Gestern lag ich den ganzen Tag mit Kopfweh und Fieber, und wenn es auch heute besser ist, so bin ich doch etwas krank. Ich kann mich nicht einmal aufschwingen, die Ruhepause zum Lesen zu benutzen! Und das wäre doch so schön!
Vorgerstern, d. h. am Sonnabend war hier alles in Aufregung durch einen Alarm, der ganze Straßenzüge und die Brücke absperrte. Kurz danach fuhr ich wieder ganz ahnungslos nach Neuenheim und hielt die ängstlichen Fragen der Leute für Folgen eines falschen Gerüchts.
Auf meinem Tisch steht eine wundervolle Dalie, die ich nahe beim Weißen Haus auf der Straße fand. Sie wirkt in Farbe und Form wie ein großer Strauß Herbstzeitlosen. Die hätte ich Dir gern auf den Schreibtisch gezaubert.
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| In Dielbach waren leider keine mehr zu finden.
Es ist zeitgemäß, daß das dünne Briefpapier zusamme klebte, obgleich ich mehrfach vesuchte, es zu trennen. Nun gings auf einmal. Du weißt, es gibt so Tage, wo alles verkehrt geht. – Dazu gehört sicher auch, daß Du solch nichtssagenden Brief zu lesen bekommst. Aber aus einem hohlen Kopf kommt nichts Vernünftiges!
An dem Abstand der Ernährung sehe ich recht, wie gut sie es noch auf dem Lande haben, obgleich sie auch entsprechend klagen. Aber die Männer müssen tüchtig mitarbeiten. Wie gut, daß Otto so kräftig und geschickt ist zu allem. Rösel Hecht hielt mir anschließend einen Vortrag, daß dazu jetzt alle Männer verpflichtet wären. Sie scheint anzunehmen, daß geistige Arbeit ein unerlaubter Luxus sei. Sie ist ja überhaupt durch ihr Schicksal zu der Überzeugung gekommen, daß die berufstätige Hausfrau ein bedauernswertes Los hat.
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So, jetzt will ich zuerst noch meinen Haferbrei essen und dann diesen Wisch noch zur Post bringen, damit er Dir sagt, daß ich bei aller Misere doch immer an Dich denke, und daß die Erinnerung an die Sonne der Tübinger Tage auch diesen augenblicklichen Tiefstand überstrahlt. – Vielleicht hätte ich Dir garnicht davon schreiben sollen, aber wir hatten uns doch immer off'ne Mitteilung versprochen.
Sobald ich wieder kann, schreibe ich ausführlich. Wenn nur nicht auch so viel Arbeit liegen bliebe durch dies Mißbefinden!
Sei innig gegrüßt! Ich hoffe, Du hast von Dielbach den zusammengestoppelten Brief bekommen und ich höre bald mal von Dir. Meine guten Wünsche sind ständig bei Dir in den mir nun so wohlbekannten Räumen. An Susanne will ich auch längst gern schreiben, grüße sie einstweilen sehr herzlich, und auch an Ida beste Grüße.
Deine Käthe.