Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Oktober 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Okt. 1947.
Mein liebes Herz!
Neben mir sitzt Hermann bei der Lampe und schreibt, da denke ich, wird es mir auch gelingen, endlich einmal wieder einige Zeilen an Dich zu senden. Daß meine Gedanken bei allem was ich treibe nach Tübingen wandern, wirst Du auch ohne Worte wissen. Aber ich bin seit der Fieberattacke so mitgenommen, daß ich all meine Energie für den Tageskram verbrauche, und – wenn ich mal still im Lehnstuhl etwas ausruhen möchte, auf der Stelle einschlafe. Es ist so mancherlei, was mich bewegt. Vor allem wünsche ich so recht dringend, daß nicht mal wieder die übliche Gleichzeitigkeit unseres Erlebens stattfindet und Du auch unter dem nicht ausreichenden Befinden leidest. Dein lieber Brief und auch Susanne's mich herzlich erfreuende Zeilen lassen mich da etwas besorgt sein. Die ungewohnte Kühle legt sich schon lähmend auf den ungenügend ernährten Organismus. Dabei verwöhnt Ihr mich doch beständig mit stärkenden Unterstützungen. Ich bin sehr, sehr
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| dankbar für das üppige Päckchen, aber ebenso sehr erfreuten mich auch die begleitenden Zeilen. Wenn ich irgend kann, kommt nun aber auch endlich wieder Päckchen und Brief von mir zu Euch [über der Zeile] beiden. – Wie manches möchte ich fragen und erzählen z. B. Wie äußert sich denn die Bewegung, die von der Magie der Seele ausgelöst wird? In persönlichen Zuschriften? Zustimmend oder ablehnend? Der Schwiegersohn (Saß) von Hermann ist sehr dafür. Frl. Dr. Clauß äußerte sich begeistert dazu und s.w. Aber es ist wohl natürlich, daß die eigentlichen Männer der [über der Zeile] ev. Kirche davon beunruhigt sind, weil sie für den Kern halten, was doch nur Form ist, woran sie festhalten. – Abends lese ich langsam, mit immer wiederholenden Ansätzen die "Kulturpathologie". Es ist schwer für mich, aber im Lesen kann ich Deinem Gedankengang folgen. Nur läßt mich die große Müdigkeit nicht viel auf einmal fassen. Umso gründlicher befasse ich mich damit. – Es beschäftigt mich auch, wie wohl der Bruch mit Oest. erfolgt sein kann? Ist nun auch der Verkehr mit Cilly zu Ende? Kann ich ihr nicht mehr schreiben, wie ich gern gewollt habe? – Für heute laß Dir diese <li. Rand> kurzen Zeilen sagen, daß ich Dein gedenke wie immer und mich bemühe, wieder <li. Rand S. 1> neue Spannkraft zu gewinnen. Hermann grüßt mit mir sehr herzlich. Ich freue mich seiner Gegenwart.
Treu und innig  wie immer  Deine Käthe.