Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Oktober 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Okt. 1947.
Mein liebes Herz!
Die beiden Mitteilungen während Hermanns Anwesenheit werden Dir gemeldet haben, daß ich die Fieberattacke rasch überwunden hatte, wenn auch die örtliche Störung ziemlich eine Woche anhielt. Vielleicht war es eine Art Grippe, denn es hat sich schließlich ein kräftiger Schnupfen entwickelt, der aber das Gesamtbefinden nicht störte. Die Tage in freier Luft mit Hermann waren sicher recht heilsam dafür. Überhaupt war es mit meinem Bruder sehr hübsch. Er war sehr hülfreich im Hause, kaufte ein und zeigte sich überraschend praktisch. An Lebensmittel lieferte er reichen Zuschuß, sodaß ich keine Sorge zu haben brauchte. Wenn man nur nicht um ihn und seine nächste Zukunft solche Sorge haben müßte! – Die Wolkenwand, die an der Schloßterrasse vor uns stand, hat wirklich über Nacht einen leichten Regen gebracht, aber es war schnell vorbei und hatte den Charakter eines Nachgewitters, das wohl in oder hinter der Pfalz niederging. Seitdem wechseln wieder warme Sommertage mit stark abgekühlten Nächten. Aber mir bekommen sie nicht schlecht.
Hermann ist nun Freitag nachts nach Essen weitergefahren, bei mir um 10 Uhr mit der
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| letzten Straßenbahn, um dann noch einige Stunden beim Bruder Matussek Station zu machen, der inzwischen auf dem Juristenball sein würde.
Hier im Hause sind augenblicklich Rudolf Nitsche und ich allein, während Trudel, an Grippe erkrankt, sich zu ihren Freunden flüchtete. Das ist mir in egoistischer Art eigentlich angenehm, obgleich es ja an sich ein Zeichen ist, wie locker es um unser Zusammenleben steht. Auch mit dem Bruder ist sie viel uneins.
Zum Lesen bin ich in den späten Abendstunden oft zu müde gewesen, aber ich habe doch den Vortrag über die Kulturpathologie aufmerksam zum erstenmal durchgelesen. Die Zusammenfassung am Schluß ist mit ihrer Wahrhaftigkeit und Ungebrochenheit erschütternd und tröstlich zugleich. Ob sie auf die Hörer auch so stark gewirkt hat, wie auf mich im Lesen? –  – Hoffentlich hat sich nach dem anstrengenden Semesterbeginn mit seiner Spannung und Erregung das Gleichgewicht der Kräfte bei Dir wieder eingefunden, wozu sicher der unerwartet günstige Anfang das Seine beigetragen hat. – Dann bin ich auch froh über Eure "Packete", die doch für die materielle Grundlage entscheidend beitragen und bin dankbar für den reichen Anteil, den Susanne
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| mir so freigebig davon schickte. Gerade der Kakao war in dem Augenblick besonders erwünscht bei meinem Befinden und dann konnte ich auch Hermann davon was Gutes kochen. Der große Vorrat reicht nun auf lange!
Unsre amtliche Versorgung ist im Ganzen sehr viel schlechter seit der Vereinheitlichung mit den andern Zonen. Auch diesmal ist die Zuteilung wieder zurück gegangen für Fleisch und Fett. Aber Brot ist noch reichlich. Die Winterkartoffeln habe ich noch nicht im Keller, aber Holz und Briketts sind da. Auch Aepfel habe ich noch in Sicht und überhaupt ist es noch auskömmlich, besonders da ich immer noch kleine Reserven habe. – Es tut mir so leid, daß es bei Euch mit Holz und Kartoffeln solche Schwierigkeiten gab.
Den Sonntag heute habe ich garnicht sonntäglich zugebracht. Hermann hatte mir geholfen, ein großes Wandgestell abzuräumen und zu säubern, das stand nun noch alles herum, um zweckmäßiger verteilt zu werden. Der Kartoffelsack mußte geflickt werden u.s.w. – Gestern brachte ich die Wäsche nach Ziegelhausen und besuchte dabei Frau Frobenius nebst Mutter, abends kam ich erst gegen 8 Uhr heim. Aber das Neckartal war wieder entzückend in
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| dem farbigen Duft der herbstlichen Stimmung, und überhaupt wirkt die Landschaft, bei der Seltenheit der Berührung, immer wohltuend und lösend auf mich. – Geistige Eindrücke suche ich schnöderweise garnicht auf; es ist mir bei dem schauderhaften Verkehr mit der Elektrischen zu mühsam. Thielicke hat hier gesprochen und Frau Buttmi war sehr angeregt davon. Hermann nannte aber einen anderen Theologen bei Euch, den er mehr schätzte. Wer war das wohl? Du suchst nach einem, der fruchtbare Predigten hält. Das kann wohl keiner jeden Sonntag! Und dann kommt es wohl auch beim Hörer auf den fruchtbaren Boden im geeigneten Moment an. Wirken tut wohl am tiefsten wenn echtes Leben dahinter steht, wie hier z. B. bei Pfarrer Maaß. – –
Dr. Matussek habe ich wenig gesehen. Er ist in der Klinik sehr angestrengt tätig. – Wie war Deine Reise nach Ludwigsburg? Die Diavorträge sind hier nur jeweils einer des Sonntags. Das ist doch bei Euch sehr anspruchsvoll für [über der Zeile] oder gegen! die Dozenten. – Ich denke auch oft an Cilly. Ist sie nun auch von Dir getrennt? Das wäre sehr bedauerlich für sie. Mit den Gedanken bin ich überhaupt immer in Zwiessprache mit Dir – auch wenn ich nicht schreibe. Und ich grüße Dich innig mit treuen Wünschen.
<Rand> An Susanne schicke ich nun endlich ein längst bereitstehendes Päckchen u. schreibe dazu. Ich lege dann auch einige Zeitungsausschnitte bei zu beliebiger Lektüre. Und auch an Ida einen Gruß von
Deiner Käthe.