Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. Oktober 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19.X.1947
Mein liebes Herz!
Auf einem Bogen, den ich in der Augenklinik profitiert habe, will ich Dir heut abend noch schreiben, wenn mir auch ein Besuch, der sich unnötig in die Länge zog, die beste Zeit wegnahm. Es war der Onkel meiner beiden Mitbewohner, Dr. Hoffmann, der Gatte der geb. Drechsler, die mit 4 Kindern in der Nähe wohnen. Er war offenbar froh, seine Ansichten jemand mitzuteilen, was ja ganz interessant war, aber mich fast ¾ Stunden kostete. Seine Beurteilung der Lage, in die er durch kaufmännische Beziehungen im Bankfach ziemlichen Einblick hat, ist alles andere als rosig.
Aber woher sollte das auch anders sein! Wir wollen dankbar jeden Tag wahrnehmen, der uns ungestört geschenkt ist. Daß meine Tage mit Hermann rascher zu Ende waren, als ich erwartete, schrieb ich wohl auf der Karte vom Schloß. Nun wird er wohl über EssenOeynhausen und Bielefeld wieder in Tutzing gelandet sein. Es war übrigens ein Irrtum von mir, der durch eine Nachricht von Mechthild an mich entstand, daß Hermann und Hete den offiziellen Weg der Rückkehr verlassen hätten; sie wurden dazu aufgefordert, falls sie die Möglichkeit hatten, zu Verwandten zu gehen. Nun ist es nur, trotz guter Zeugnisse, die er beibringen kann, aus der
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| Ferne die Entnazifizierung zu betreiben, sehr schwierig.
Inzwischen bekam ich nun auch noch einen Brief von dem Dir genügsam bekannten Vetter Rudi, der als SS-Arzt noch übler dran ist, als die andern Betroffenen. Er war den Krieg über an der Front und dann 2 Jahre in Gefangenschaft. Seit 7 Monaten zu Hause darf er den Beruf fast garnicht ausüben, wurde als Schwerversehrter aus dem Internierungslager entlassen, konnte 4 Wochen eine Vertretung übernehmen und ist nun arbeitslos mit Frau und 2 Kindern. Vielleicht hoffte er durch mich eine Vermittlung zu erlangen, aber ich weiß ja nicht einmal Hermanns Sohn Dieter zu helfen. Der Chefarzt in München hat ihn nicht wieder eingestellt, weil er seine eignen Leute hat. Es ist ein andrer als bisher dort. Dies alles gibt die Illustration zu der Unterhaltung des Dr. H. aus meinem persönlichen Kreise.
Wie dankbar kehren dann immer meine Gedanken in Tübingen ein, wo sie doch ohne eigentliche Sorge ausruhen können. Freilich fürchte ich auch da allerlei, z. B. die frühe Kälte! Wie bewährt sich denn die Heizung mit dem mühsam erlangten Holz? Ist es nicht naß, da es so spät geschlagen wurde? Bei mir brennt heute den ganzen Tag das Sparöfchen im Zimmer, während der eigentliche Zimmerofen, ein sogenanntes Kanonenöfchen, noch in Reparatur ist. Trotzdem ist es unangenehm fußkalt, denn drunter ist ja der Hauseingang, und auch sonst ist keine einzige warme Wand.
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| Aber ich bin doch ziemlich abgehärtet und will mir nur Mühe geben, nicht wieder so erfrorene Glieder zu bekommen.
Abends im Bett ist es dann sehr gemütlich. Ich habe immer irgend etwas von Deinen Schriften zur Hand, jetzt z. B. den Rousseau wieder gelesen und mit Staunen, wie anders und tiefer ich ihn jetzt verstehe. Es hat doch damals schon genau so viel darin gestanden!
Inzwischen habe ich nun auch wieder einen Zeichenauftrag, den ich aber zuhause erledigen kann, falls es mir doch nicht zweckmäßiger scheint, die Arbeit doch [über der Zeile] dort unter der ständigen Controlle des Oberarztes zu machen. Es handelt sich um eine Operation am Augapfel, die nach einer Skizze und mit Hülfe einer anderen Darstellung abgebildet werden soll. Ich bin immer froh, wenn ich nicht nach den Patienten selbst zu arbeiten habe, wie beim Augenspiegelbild.
Liest Du Zeitung? Ich begnüge mich da mit unserem Lokalblättchen, hauptsächlich wegen der "Zuteilungen". Aber die Gesamtsituation spürt man doch auch aus dem Andern, nicht nur aus den immer knapper werdenden Rationen. Mit Kartoffeln bin ich noch nicht beliefert. Und die Äpfel, die mir von Dielbach zugesagt waren, haben Kohlers ungeschickterweise bei Rösel Hecht abgeliefert. Sie kamen mit dem Auto auch zu mir, um mit den übrigen Möbeln, die Ursel für ihr leeres Zimmer in Karlsruhe braucht, einen Tisch und einen Stuhl abzuholen.
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| Jetzt muß nun wieder jemand die Äpfel weiter transportieren. So geht nie etwas glatt. Überhaupt mußte ich 1½ Tage auf der Lauer liegen, weil sie nicht so fahren konnten, wie sie angekündigt hatten, und ich war sehr beunruhigt, daß ich sie womöglich verfehlt hätte durch eine kurze Abwesenheit. Denn unsere Wohnung ist oft gänzlich leer, weil die beiden anderen meist fort sind.
Hast Du die maßgebliche Äußerung von Jaspers zur Goethefrage gelesen? Kürzlich war auch in der Zeitung ein Bericht über "ein deutsches Pestalozzidorf" des Grafen Keyserlingk. Das erinnert mich an Geheb und seine Utopia und ich vermute, daß die Sache keine lange Dauer haben wird. Denn nur aus Idealismus wird man auf längere Zeit nichts aufbauen können.

20.X. Ist der ständig heitere Himmel nicht wie grausamer Hohn? Und doch sucht man jeden Sonnenstrahl dankbar auf. Wenn ich doch nur wüßte, ob Du dich jetzt gut in das Semester eingelebt hast? Überhaupt wie es bei Euch geht? Ich werde am Freitag zu Mittag bei Hedwig Mathy sein, sonst ist außer dem Zeichnen nichts los; und doch bin ich ständig beschäftigt, ohne doch einen Erfolg zu sehen. Lange dauert das Kochen, und schnell ist das Essen vorbei. Jetzt geht es in die Stadt! – So laß Dich nur noch sehr herzlich grüßen und grüße auch die Andern.
In stetem treuem Gedenken
Deine Käthe.