Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Oktober 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg, 26. Okt. 1947.
Meine geliebtes Herz,
wenn auch meine Briefe das Porto nicht wert sind, will ich Dir doch gern heute wieder einen sichtbaren Gruß schicken. Eigentlich hatte ich gehofft, dazu ein etwas wärmeres Zimmer zu haben, denn seit gestern steht nun der kleine eiserne Ofen da, aber ich kann ihn noch nicht heizen, weil er erst auszementiert ist und noch etwas trocknen muß. Immerhin wärmt schon der Anblick etwas! Umso schmerzlicher empfinde ich, was mir der liebe "Schnupfenbrief" über Dein Befinden meldet. Wenn Du doch so einsichtig wärst, diesen Katarrh gleich zu Beginn ausheilen zu lassen und ihn nicht aus Gewissenhaftigkeit gegen den Beruf zu verschleppen. Es käme der Tätigkeit im ganzen Wintersemester zugute.
Es ist oft wie ein Versäumnis in letzter Zeit: wenn ich mich bewußt an etwas freue, wird es gerade zunichte. So schrieb ich beim letzten Brief, wie froh ich wäre, ohne direkte Sorge an Dich denken zu können, und nun ist doch schon wieder Grund zu Sorge. So ging es mit verschiedenen weniger wichtigen Dingen auch, überhaupt bin ich sehr ungeschickt und vergeßlich, sodaß ich manches verpatze. Da ist wohl ganz gut, daß ich noch nicht an die Ausarbeitung der begonnenen Zeichnung für Oberarzt Schreck gekommen bin. Es wäre wohl nichts daraus geworden. Statt dessen habe ich Hagebuttenmus eingekocht.
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| Kennst Du das? Ich habe es in Süddeutschland kennengelernt und mag es sehr gern. Aber es ist eine heillose Arbeit, mehr als ich dachte. Umso bequemer ist der Genuß der Äpfel, die mir nun auch von Dielbach zukamen und die augenblicklich meine Hauptnahrung sind – roh und gekocht. Hoffentlich seid Ihr auch reichlich damit versorgt.
Daß ich heute so besonders müde bin, schiebe ich auf die so stark gesunkene Temperatur. Schon gestern abend war lebhafter Nordwind, und der steht bekanntlich gerade auf meinen Fenstern, das spüre ich sehr. Und nun heute ein richtiger Schneefall! Dabei ist der Wald, soweit er nicht direkt von der Sonne versenkt war, noch grün. Es ist, als ob die Blätter durch die Hitze impregniert wären und sich nicht wie sonst in leuchtende Farben verwandelten.
Das Leben ist überhaupt ebenso sonderbar "gemischt". Der materielle Teil nimmt die Hauptzeit für sich in Anspruch, und doch ist er einem so wenig wichtig. Die innere Welt ist unser einziger fester Besitz, und doch kommt man so wenig zu stiller Einkehr. Freilich abends vor dem Einschlafen bin ich immer in irgendeine Deiner Schriften vertieft, so jetzt wieder in den Pestalozzi. Ist denn das Buch immer noch nicht im Handel. Ich habe es doch schon so lange bestellt!
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| Es ist doch seltsam, wie bei Pestalozzi die mühsam errungenen Resultate sich beim Umsetzen in die Praxis verhängnisvoll auswirken! Worin besteht nun eigentlich das, was so nachhaltig durch ihn wirkte? Ist es seine Menschenliebe für die Besitzlosen im Geiste? Hat er für die "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" Bahn gebrochen dadurch, daß er sie von der äußeren Welt in das Gebiet der inneren Menschenrechte übertrug? Auch heute ist wieder solch geistiger Umbruch vonnöten, denn alles Bisherige ist unterhöhlt. Wird Deine Einsicht da zu nachhaltiger Wirkung kommen? Es wäre begreiflich nach den in Berlin gemachten Erfahrungen wenn Du einen amtlichen Auftrag zu einer Schulreform scheutest. Aber wenn auch vielleicht die Möglichkeiten noch zweifelhaft sind – kann man auf günstigere Bedingungen warten? Hat man nicht schon immer gewartet, und die Bedingungen kamen nicht? – Ich fühle beim Lesen dieser liebevollen Darstellung der Gedanken Pestalozzis wieder so ganz die pädagogische Leidenschaft, die dich von jeher erfüllt. Und da freue ich mich so besonders der Anerkennung die Du einem großen Teil Deiner jetzigen Hörer zollst. Da spürst Du doch "fruchtbares Land."
Und hier ist Matussek, der voll Bewunderung Deinem Vorbild nacheifert. Er hat einen Vortrag gehalten und sich dabei bemüht, Deine wissenschaftliche
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| Strenge und sachliche Klarheit nachzuahmen. Er hatte damit einen guten Erfolg.
Und in ähnlichem Sinne schrieb mir kürzlich Annemarie Böttcher über die Lehrtätigkeit von Hermann, deren Nachwirkung ihr jetzt hilft, selbst erfolgreich zu unterrichten. – Wie schön ist es, solch Weiterwirken des "lebendigen Wortes" lieber Menschen mitzuerleben. Da tröstet man sich damit, wenn das eigne geistige Vermögen so unzulänglich ist. Mir erscheint das Dasein jetzt meist in der Form eines steten Abschiednehmens. Manchmal ist einem das recht, manchmal ist es auch schmerzlich. Nur von Dir, mein lieber, einziger Freund, würde ich es nicht ertragen. Vor einigen Tagen träumte ich, Du habest mit mir gebrochen aus einem falschen Verdacht heraus; ich war so außer mir, daß ich erwachte und der Traum war so lebhaft, daß ich garnicht in die Wirklichkeit zurückfinden konnte. Es war entsetzlich! Wie kann mir so etwas vorkommen! Es ist so undenkbar und wäre mir im Wachen nie in den Sinn gekommen.
Und so grüße ich Dich heute in der Gewißheit unsrer unlöslichen Verbundenheit in dankbarem Glücksgefühl, ob nah, ob fern in immer gleicher Liebe.
Deine Käthe.
Grüße auch Susanne und Ida, und sei selbst innigst gegrüßt!

[li. Rand] Kann Dir die Nichte von Ida was von der Apotheke gegen den Husten verschaffen?
[li. Rand S. 3] Ist die Fortsetzung des alten Oberseminars noch zusätzlich?!