Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. November 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg, 2. Nov. 1947
Meine liebes Herz,
seit Deinem lieben Brief vom 19.X. bin ich recht in Unruhe wegen Deiner Gesundheit. Hoffentlich ohne ernstlichen Grund! Die schädlichen Nebenumstände der Diesvorlesung haben Dir sicher den erfreuenden Eindruck des großen Erfolgs gemindert, ganz abgesehen von dem unnötigen Kräfteverbrauchs eines solchen Katarrhs. – Ich bekam nun inzwischen das echt russisch ausgestattete Credo mit seinem edlen Inhalt. So habe ich auch meinen Anteil am "altgriechischen Menschen" und seiner Stellung in der religiösen Gesamtentwicklung. Ich habe wieder so stark den Eindruck einer "naturnotwendigen" Menschenentwicklung im Ganzen, einer Entfaltung die sich auf gleiche Art in den verschiedensten Gestaltungen äußert, : "wie Himmelskräfte auf und nieder steigen und sich die goldenen Eimer reichen –" da ist keine Willkür Einzelner, da ist Notwendigkeit! Solch Blick aufs Ganze ist für mich Berührung mit dem Ewigen. Habe Dank für diesen schönen Aufsatz, der den Weg vom Christentum zum Humanismus zeigt, wie die
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| Magie der Seele vom Humanismus zum Christentum. – Gestern abend bin ich endlich mit der Lektüre des Pestalozzi fertiggeworden. Ich war abends immer so müde, daß ich nur langsam vorwärts kam. Jetzt will ich das Credo nochmals gründlicher vornehmen.
Glücklicherweise ist der starke Kälteeinbruch nur kurz gewesen und mein Zimmer hat ganz erträgliche Temperaturen. Trotzdem sitze ich am Tisch mit der Reisedecke um die Knie und einer Wärmflasche unter den Füßen, denn es ist abscheulich fußkalt über dem Hauseingang. Aber der kleine eiserne Ofen strahlt ganz anders Wärme aus als der Füllofen im vorigen Jahr. Hoffentlich schafft er es auch wenn die richtige Kälte kommt. Etwa 6 Ctr. Preßkohlen sind da, wie lange werden sie reichen? Ich muß immer an die Hauswand in Pankow denken, worauf unser Wirt das Brennmaterial ankündigte und ich mit Ausdauer der Reihe nach mit dem Ball auf jeden Buchstaben warf. Das war damals eine wichtige Angelegenheit! – Auch 1 Ctr. Holz bekommen wir wieder, aber Kartoffeln sind nicht im Keller. Es fängt an allgemeine Entrüstung laut zu werden. In der Zeitung steht im gleichen Blatt von der Kartoffel
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|not und daß Oberst Hester versichert, die Ernährung sei gesichert, auch könne sich jeder Durchschnittsdeutsche noch 300 Kalorien [über der Zeile] täglich zusätzlich auf dem Schwarzen Markt verschaffen.
Mit der Arbeit für die Augenklinik geht es weiter, nachdem ich damit viel Zeit durch Besprechungen und neue Änderungen verlor. Heute war ich mal etwas verzweifelt, als in kritischem Moment der Untermalung Dr. Drechsler mit Frau und Töchterchen kam. Aber es ging trotzdem noch vonstatten. Auch Dr. Cibis hat wieder einen Auftrag, aber nur eine Copie.
In Ziegelhausen war ich gestern. Das Tal war in der Abenddämmerung und zarte Nebel von großem Reiz in sanften Pastellfarben. Und die Waschfrau kündigte für Mittwoch Äpfel an. So kommt immer wieder ein kleiner Zuschuß auch ohne schwarzen Markt; denn die Preise kann und will ich nicht bezahlen.
Daß ich garnicht mehr Herr werde über meine Briefschulden quält mich. Du bist der Einzige, dem zu schreiben ich mich aufraffe. Auch an Susanne ging mal ein Brief ab in einem eingeschriebenen Päckchen, ich glaube am 17. Oktober.
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Jetzt ist es schon 11 Uhr und ich sollte eigentlich noch eine ½ Stunde "kniebeln", wie Du sagst. Denn wenn es unter Null mit der Temperatur geht, brauche ich den Gegenstand, der natürlich ausgebessert werden muß, abgetragen und dünn ist. Aber ich werde statt dessen schlafen. Es kommt mir überhaupt vor, als täte ich nichts als einkaufen, kochen, essen und schlafen in stetem Wechsel den ganzen Tag. Essen kann ich überhaupt immerzu! Die Äpfel nehmen sehr ab, so etwa 4–5 täglich!
Doch nun: gute Nacht! Grüße Susanne und Ida herzlich und Du sei in stetem Gedenken innig gegrüßt von
Deiner Käthe.