Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. November 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Nov. 1947.
Mein geliebtes Herz!
Der Sonntagabend soll mir nun noch eine stille Stunde mit Dir schenken! Den ganzen Nachmittag habe ich mich mit dem noch immer nicht fertigen Augenhintergrund gequält, der mir durchaus nicht glücken will. Ich frage mich ernstlich, ob da jetzt eine Unfähigkeit bei mir vorliegt, oder ob die ungünstigen Arbeitsbedingungen schuld sind. Am Tage ist das Licht ungenügend und bei der Lampe ist die Farbe nicht die richtige. Kurz, ich plage mich und dazu kam nun noch ein größeres Schema für Prof. Engelking, das ich eigentlich für morgen versprochen hatte. –
Du findest es bestimmt unberechtigt, daß ich mich der Situation nicht gewachsen fühle, aber ich habe immer den Druck dessen auf mir, was ich an nötiger Arbeit nicht leiste. Der Tag geht mit so viel unfruchtbaren Dingen hin: Einkaufen mit oft vergeblichen Gängen, dann z. B. sind immer noch keine Kartoffeln im Keller und ich lebe hauptsächlich von Nährmitteln und Gemüse. Nur gut, daß ich den Krankenzusatz habe! Der Befund bei der Untersuchung vor 3 Wochen kam sehr zur rechten Zeit. Und einige Kartoffeln bekam ich auch bei der Bauersfrau in
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| Kirchheim, sowie von der guten Frau Buttmi. Aber damit geht man vorsichtig um! Gut ist nur, daß noch kein Frost einsetzte, sonst kämen die bestellten 100 <altes Pfundzeichen> noch erfroren an.
Immer steht neben meiner Bedrängnis mir vor Augen was Du leistest. Das verlohnt eben doch der Mühe und muß Dich befriedigen und froh machen. Wenn nur die Gesundheit nicht so darunter litte! Davon kann ich natürlich nicht ohne Sorge hören, und warte mit Ungeduld auf bessere Nachricht zu Deinem Befinden. – Daß Ihr daneben nicht noch Verkehr und sonstige Ablenkung brauchen könnt, ist ja klar. Nur gelegentliche Überfälle Auswärtiger bleiben nicht aus! Bei mir ist das seit meinem Aufenthalt in Rohrbach ausgeschlossen und einladen kann ich kaum jemand. Nur die Brüder Matussek kommen Mittwoch abends von 8–10 Uhr ziemlich regelmäßig. Aber da gibt es nur einen Apfel; und außerdem wird irgend etwas gelesen. Sie sorgen auch für alllerlei Nachricht von der Welt, der Dr. über Prof. J. und der andere über die Kriegssorge! Auch die Zeitung lese ich in Bezug darauf; aber das scheint das Barometer fortgesetzt
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| ungünstig. –
Einen sehr hübschen Mittag und Nachmittag erlebte ich in dieser Woche bei Frau Franz, der Schwester von Hedwig Mathy. Zum Essen gab es Apfelreis, aus einem Carepaket und nach der Mittagsruhe einen guten Kaffee und ein gemütliches Plauderstündchen. Das war ein richtiger Ferientag, der mir wohltat.
Hübsch ist es auch immer mit Frau Buttmi, die immer sehr freundschaftlich für mich bedacht ist. Sie erzählte von der Schwierigkeit, den Erstkläßlern die Schöpfungsgeschichte beizubringen, und hat das auf eine sehr anschauliche und lebendige Art gelöst im Anblick des schönen herbstlichen Waldes, den sie gerade vor den Fenstern sehen. Die Kinder haben lebhaft mit ausgemalt, wie da noch garnichts war als Dunkelheit und "Dreck" und wie dann die schöne Welt und alle Kreatur entstand, von Gott geschaffen. – Am Freitag hatte ich Näherei im Hause, eine Frau Neumann-Hoditz, deren Mann in Mannheim Schauspieler war, und die nun mit 2 Kindern hier lebt, daneben einige Tage in der Woche bei Rösel Hecht und sonstigen Bekannten aushilft. Das hat mir doch etwas an dringenden Ausbesserungen von der Seele geschafft.
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Abends im Bett kommt dann meist noch ein halbes Stündchen Lektüre, da habe ich die "Kulturanthropologie" wieder vorgenommen und mich hinein vertieft. Wie fein ist dies ungewisse Verhältnis zwischen Schuld und Verhängnis, = "Naturnotwendigkeit" dargestellt. Wie vorsichtig und doch wie deutlich die Wechsel der Worte in vielen Fällen. Erfreut hat mich auch Deine Erwähnung vom alten Virchow, den man eben doch zeitweise nur unterschätzte. Und wie schön ist die Anknüpfung an Pestalozzi. Wird es gelingen, seine Wirksamkeit aus dem oft dunklen Gewirr seiner Schriften zu neuem Leben zu erwecken? – Dein Büchlein über seine "Denkformen" habe ich jetzt 2x kaufen können, für Otto Kohler, (der nun wohl ganz bald wieder angestellt sein wird) und für Frau Buttmi zu Weihnachten. – – Ja, in 4 Wochen ist das schon und ich habe so garkeine hübschen Ideen für Geschenke, auch keine rechten Möglichkeiten! Denn für Handarbeiten fehlt die Zeit und für Anderes die Mittel! –
Nun aber ist es spät geworden und der Bogen ist zuende. So nimm nur noch innigste Grüße und grüße auch Susanne, sowie Ida.
In stetem, treuem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand] Nur zur Kontrolle: am 14.XI. ging ein eingeschriebenes Päckchen an Susanne.