Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. November/2. Dezember 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Nov. 1947.
Mein liebes Herz,
den Sonntagabend muß ich doch unbedingt mit einem kleinen Brief an Dich beschließen. Freilich viel zu berichten habe ich nicht, denn in der Hauptsache war die Woche von der Arbeit für die Augenklinik angefüllt. Aber zunächst will ich doch sehr herzlich danken für das wundervolle Paket, das Ihr mir wieder schicktet. Ich habe mich über jede Einzelheit ganz besonders gefreut, nicht zum wenigsten über Susannes lieben Brief dazu. Aber Ihr solltet wirklich nicht immer soviel verschenken, denn es geht mir durchaus normal und manches Versagen ist eben Alterserscheinung, die natürlich durch die Zeitumstände gesteigert wird. Susanne schreibt so lieb: "Ihr bedauertet, mir nicht mehr helfen zu können" und ich finde, Ihr helft mir schon zu viel. Wir machen uns gegenseitig aus der Ferne Sorge, aber über mich könnt Ihr beruhigt sein und umgekehrt ist es sicher mehr angebracht. Da ist mir Susannes Schreiben in ihrer sicheren, ruhigen Art immer ein Trost. So habe ich doch in der Zwischenzeit auch von Dir gehört, und Du brauchst Dir überhaupt keine Gedanken zu machen,
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| wenn Du nicht an mich schreiben kannst; denn so groß auch mein Verlangen immer danach ist, so verstehe ich das doch völlig und ich gönne Dir von Herzen, wenn Du statt dessen eine kleine Zeit der Ruhe hast. Denn es [über der Zeile] ist enorm, was Du Deinen Kräften zumutest und so sehr ich mich mit Dir des ungewöhnlichen Erfolges freue, so wollte ich doch von Herzen, daß Du im nächsten Semester das Tempo etwas mäßigtest. – Es ist lächerlich daneben auch von meiner Arbeit zu reden, denn wenn ich auch auf meine Art fleißig bin, so bringe ich doch recht wenig zustande und bin trotzdem recht angestrengt und müde. Nach mancher Zeit ohne jeden Auftrag kommen jetzt gleich mehrere Sachen zusammen. Eine Kopie für die Optonwerke (Zeiß) ist fertig, aber zwei Augenhintergründe nach der Natur sind eine große Mühe, denn das Beobachten am Apparat ist mir fast unmöglich. Es handelt sich um ein 4jähriges Kind, das keine Sekunde ruhig sein kann, so brav und geduldig das Kerlchen auch ist. Und meine Augen sind wieder nicht beweglich genug, um so schnell wie möglich zu folgen und aufzufassen. Der Assistent, Dr. Krista hilft aber tüchtig. Außerdem ist für
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| den Chef, Prof. Engelking, ein Schema in Tusche zu machen, und an einer Wandtafel etwas zu ändern. Alles eilt natürlich!! – Daneben muß doch auch das Nötigste für die Ernährung beschafft werden, von der dringendsten Sorge für die Reinlichkleit des Zimmers garnicht zu reden! Und dann die ganz schauderhaften Fahrten mit der Elektrischen! Sehr oft macht mir jemand freundlich Platz, wenn ich erst drin bin, aber der Kampf vorher, davor fürchte ich mich richtig. Ich habe auch vor einigen Tagen eine Muskelzerrung in der linken Schulter davongetragen, die recht schmerzhaft war. Zum Glück nur links! –
Über die Kartoffelfrage rege ich mich vorderhand nicht auf. Irgendwie wird da wohl Ersatz geschaffen. Vorläufig hat mir die gute Bauersfrau in Kirchheim, die (außer Kohlers) meine einzige ländliche Beziehung ist, und die mich mit der Einkellerung im Stich ließ, mir mal wieder mit 5 <altes Pfundzeichen> ausgeholfen. Sie versorgt mich überhaupt mit ein wenig Gemüse, nur kleine Mengen und selten, aber es ist doch ein Zusatz. Auf Karte bekamen wir Kohlrabi und Kohlrüben, kurz, ich leide nicht Mangel. Und was an Substanz durch die mangelnden Kartoffeln fehlt, ersetze ich durch unerlaubt reichliches Brotessen.
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Doch genug des Materiellen! Heute nachmittag bei einem gemütlichen Teestündchen mit Frau Buttmi (bei ihr) sprach sie von der Schulreform. Sie war bei einem Elternabend und stellte fest, daß nicht einer für die 6klassige Vorschule (Grundschule) gesprochen hätte. Sie selbst ist für die bisherige Form, aber strenge Aufnahmeprüfungen für die höheren Schulen, freien Unterricht und freie Lehrmittel, sodaß die äußeren Hindernisse fortfallen. Dann würden die Begabten schon ihren Weg finden. – Ich fühle mich erinnert an den Ehrgeiz des Volksschullehrerstandes, mit dem Du in Leipzig zu kämpfen hattest. Denn der Artikel in unserm Käseblättchen, der für die Sache eintrat, hatte ausgesprochen politischen Charakter.

2. Dez. Am Sonntagabend war es schon so spät, daß ich aufhören mußte, und gestern vormittag kam Dein lieber Brief, den ich nun gern gleich ein wenig beantworte. Vor allem innigen Dank, daß Du nach dem anstrengenden Tag noch soviel Zeit für mich geopferst hast. Ich habe zu solchem Entschluß jetzt oft nicht mehr die Kraft! Die Faulheit siegt! – Du fragst nach dem Grund, der mir den Krankenzusatz verschaffte, und da kann ich nur angeben, daß etwas Eiweiß und, wie ich glaube, Zucker bei mir festgestellt wurde. Das war bisher sonst nicht der Fall. Die Unter
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|suchung wurde von einer ungewandten Hülfe gemacht, die vor mir meldete: beides positiv, was offenbar nicht vorschriftmäßig war. Aber Frl. Dr. Clauß kontrollierte die Sache sogleich, weil sie das wohl nicht vermutet hatte. Es wurde dann als momentane Übermüdung erklärt. Die Nieren selbst spüre ich nicht, aber warm halten tu ich mich nach Möglichkeit. Auch jetzt sitze ich wieder in die Reisedecke gewickelt, die Dir bekannt ist, und die Du immer das "Kameel" nanntest. Die aus Amerika solltest Du aber nicht verschenken, denn die Wolle trägt sich ab an den alten Decken, und Du brauchst auch Wärme. – Wegen der paar Zigarren fragst Du nach der Herkunft! Die sind auf meine Raucherkarten, von zweimaliger Zuteilung. Heut bekam ich wieder eine neue Karte für 8 Stück, die dann folgen werden. Fein, daß sie gerade so zur rechten Zeit kamen. – Merkwürdig ist mir, daß Obstbranntwein gegen Husten hilft. Das wird wohl eine doppelte Wirkung sein, erstlich der Wärmereiz und dann die einschläfernde Wirkung. Hoffentlich ist da mal wieder was zu beziehen!
Du vermißt meine Anteilnahme an Deiner Mitgliedschaft in der hiesigen Akademie. Da muß ich halt sagen: ich finde, die können sich nur dazu gratulieren. Hoffentlich entstehen für Dich daraus nicht etwa Arbeitsverpflichtungen! Der bewußte
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| Kollege konnte sich wohl nicht gut als Einziger ausschließen. Daß Ernst Hoffmann den Anstoß gab, freut mich. Nach seinem Büchlein hatte ich einen sehr sympathischen Eindruck von ihm.
Warum ich mich so besonders mit der Arbeit eben plage, hat allerlei Gründe, nicht nur das Alter. Zu Hause habe ich leider keinen günstigen Arbeitsplatz, und dann wird das Zimmer trotz eifrigen Heizens nicht so richtig warm. Aber es fängt jetzt doch mit den beiden farbigen Bildern an sich zu gestalten.
– Wenn Deine Vorträge jetzt in einem andern Hörsaal mitgehört werden, dann sind wohl jetzt hoffentlich die Türen hinter Dir geschlossen?
Daß bei mir keine Briefe kommen hat seinen guten Grund darin, daß ich selbst seit Monaten nicht mehr geschrieben habe außer an Dich und die allernächste Familie. Nur die Frau von Heinrich Eggert schrieb, daß er viel schliefe, auch am Tage. Aber im ganzen sind sie mit ihrer Unterkunft zufrieden. Sie möchte von mir die Magie geliehen haben. Ich gebe sie aber nicht auf die Post. Die "Lebenserfahrung", die ich an Ännchen nach Berlin schickte, ist offenbar nicht angekommen, obgleich der Brief eingeschrieben war. –
Verstehst Du unter der weltanschaulichen Lage das innere oder das äußere gegenwärtige Bild? Das
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| äußere allerdings wird durch Nachdenken kaum zu ändern sein. Vor allem sieht man leider nirgends einen Lichtblick. Überall ist nur ein fieberhafter und rücksichtloser Kampf um den Platz unter der Sonne. Nur aus der stillen Innerlichkeit der Einzelnen kann die Gesundung kommen. Wird Dein Weckruf in der Kulturpathologie gehört werden?
Der Mediziner mit der Unterscheidung von Mißbildung und Krankheit rührt da an einen sehr kritischen Punkt. Eine Mißbildung liegt in der Anlage, eine Krankheit ist erworben. Eine Mißbildung kann unter Umständen kompensiert werden, aber nicht geheilt. Wir aber wollen doch auf Heilung hoffen! Noch wissen wir freilich nicht, wie der Umschwung kommen soll, aber wir glauben doch wohl noch an den gesunden Kern in unserm Volke. Du hast dort in Tübingen doch gerade besonders günstige Eindrücke. Ich freue mich, daß das Oberseminar Dir die Mühe so lohnt. Und ich werde am 12. noch besonders Eurer gedenken.
– Wie Susanne schrieb, werdet Ihr mal bei Weises zum Kaffee sein. Ich bin doch neugierig, was Du für Eindrücke hast von ihm und ihr. Ich kenne sie absolut nicht, weder, direkt noch durch Schilderung: sie scheint auch der Familie fern zu stehen.
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Die Feder will nicht mehr recht parieren und die Orthographie auch nicht. Es wird auch ganz empfindlich kalt und so will ich den Wisch nur noch in den nahen Briefkasten bringen, damit er morgen früh mit fortgeht.
Grüße Susanne vielmals. Wenn ich doch nur endlich das halbfertige Päckchen für sie abgeschickt hätte! Ich bin so viel unterwegs eben, daß ich nicht damit fertigwerde. Aber ich möchte noch einmal zurückkommen auf das, was ich auf der ersten Seite schrieb, daß Ihr nicht meinen sollt, es ginge mir nicht gut oder ich litte Not. Ich habe ausreichend zu essen, und durch Euch noch allerlei Gutes darüber hinaus. Grüße auch Ida herzlich, und Dir alles Liebe und stetes Gedenken von
Deiner Käthe.