Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12. Dezember 1947 (Heidelberg)


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<z. T. scan sehr schlecht lesbar; zudem ist S. 3 am re. Rand abgeschnitten – daher bedingt korrigiert>
Heidelberg. 11. Dez. 1947
Mein liebes Herz,
heute kam der Weihnachtsmann, als ich auf dem üblichen Einkaufsweg ins Dorf war, in Gestalt des Briefträgers: "Frl. H, warten Sie mal da einen Augenblick, ich komme gleich" und er verschwand um die Ecke. Ich konnte inzwischen eine Bekannte begrüßen und da kam er wieder heraus und brachte mir 50 M von Dir, Du Lieber. Habe herzlichen Dank, ich werde mir irgend einen Extrawunsch dafür erfüllen! Aber erst zu Weihnachten natürlich! Vielleicht mal einen Besuch bei Kohlers!? –  – Die Methode des Briefträgers erinnert mich lebhaft an meine Jugend. Da hat der alte Briefträger bei Broses gesagt: "Ich hatte eine Karte für Sie, habe sie aber wohl verloren; doch ich kann Ihnen sagen, was draufstand!" Auch sonst mahnt mich das Dasein eben oft an die Spiraltendenz des Lebens. In Pankow brannten keine Straßenlaternen, wenn Mondschein im Kalender stand. Jetzt brennen überhaupt keine mehr! Aber es wird wohl kaum zu meinen Lebzeiten wieder anders werden. Wenn nur die Erleuchtung in meinem Kopf wieder etwas heller würde! Das wäre sehr nötig, und ebenso fehlt jetzt im Winter das Licht in meinem Zimmer in erhöhtem Maße.
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| Da bin ich froh, daß eine Art von Pause in der Zeichnerei eingetreten ist. Als ich mich freute, daß nun die Arbeit an dem kleinen Patienten beendet sein würde, fand der Professor, daß am Grundton des Ganzen etwas andres sein müsse!! Ich gab schon alle Hoffnung auf, als der mir Assistent das mitteilte und ein Vorbild dafür zeigte. Das hätte eine Zerstörung der ganzen mühseligen Sache bedeutet. – Da ging ich gestern zum Professor selbst und fand ihn sehr einsichtig. So wird sich wohl die Abänderung in mäßigen Grenzen halten. Es handelt sich bei solchen Abbildungen immer um eine Auswahl dessen, was man sehen und betonen will, und bei der Schwierigkeit, im Apparat überhaupt das Ganze sichtbar zu machen, bin ich eben vielfach auf die Vermittlung des jeweiligen Arztes angewiesen. Denn je nachdem das Licht einfällt, ist das Bild ein anderes; und in diesem Fall hatte ich nur im Vorüberhuschen Eindrücke erforschen können, die mir der Assistent für unwesentlich erklärte, und die nun der Professor gezeigt haben will. Sehr hinderlich ist mir allmälig die mangelnde Accomodationsfähigkeit meiner Augen, und ich mache mir dann Sorge, wie lange ich noch diese Art Arbeit machen kann. –
Doch Dir wird gewiß dieser Nachklang aus der letzten Woche "reichlich über" sein und ich kehre auch viel lieber mit meinen Gedanken zu Deinem letzten Briefe
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| zurück, in dem noch mancherlei mich beschäftigt. Als lockende Fata morgana steht natürlich Deine Andeutung von der Vermittlung einer Schülerin aus Überlingen vor mir. Etwas, womit man mit Gewißheit rechnen kann, ist das ja freilich nicht, aber es ist schön zu denken. Und realiter hat es mir damals gleich im Traum ein Zusammensein mit Dir vorgetäuscht. – Auch mit dem Fortfallen der Zonengrenze rückt es nicht vor. Ich lese wohl die Zeitung, aber etwas Neues bringt sie nicht, und das Stagnieren hat das Drückende einer Gewitterstimmung. Ich empfinde es als Wohltat, daß jeder Tag eigentlich mehr Arbeit hat, als ich leisten kann, und daß ich meine Gedanken möglichst zusammenhalten muß, um nichts zu versäumen. – Du meintest im August, das könne bei richtiger Einteilung nicht so viel sein, aber daran fehlt es gerade. Es ist alles räumlich und zeitlich so eng, daß ich wie bei einem Geduldspiel immer erst dreierlei forträumen muß, um das vierte tun zu können. Und was das Schlimmste ist, ich vergesse oft eins über das andere. Nimm das nicht als eine Klage! Ich konstatiere es nur und möchte mich entschuldigen. Die Leute sagen oft: daß Sie das noch können, z. B. zeichnen oder Kohlen tragen, oder das Fahren in der Elektrischen! Aber es geht doch noch, wenn auch langsam und manchmal ungeschickt.
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Heute habe ich den ganzen Tag das Sparöfchen geheizt, und damit das Zimmer genauso erwärmt wie mit dem andern Ofen, der viel mehr Brand schluckt. Und auf diesem kleinen kann ich doch außerdem noch kochen. –
In dem abgespannten Zustand, in den mich die unerfreuliche Zeichnerei versetzte, war ich abends nicht mehr zu ernsterer Lektüre fähig und da habe ich mir mal wieder Fritz Reuter vorgeholt. "Franzosetid" – das war auch hart damals für Einzelne, aber wieviel hoffnungsloser ist es heut! –  – Ich wäre so unendlich gern zu Deinen Diesvorlesungen in Tübingen gewesen! Wie mag nun das Ganze in seiner wunderbaren Gesamtwirkung ausklingen! Ach, wenn Du es doch als Ganzes festhalten wolltest, daß es auch in die Ferne wirken kann! –  – Gestern haben wir, d. h. Matusseks und ich, wieder mal Deine Jugendpsychologie vorgehabt, und sie verglichen damit eigne Erinnerungen. Mit der Erotik sind sie nicht ganz einverstanden; sie meinten weniger von der ästhetischen Seite der schönen Form beeindruckt gewesen zu sein, als von der Sportleistung.

2.XII. Heute nur noch einen sehr herzlichen Gruß im Gedenken an den Seminar-Kaffee. Möge es eine rechte Freude sein! Was Susanne von dem Schüler schreibt, der Dich zum Vorbild nehmen will, das sagt mir hier Matussek auch! Ich aber will den Brief nun schließen mit der immer wiederholten Bitte, Deine Kräfte jetzt wirklich zu schonen. Denn Du weißt doch, daß die Sonne in meinem Dasein Dein Wohlbefinden ist!
<Kopf>
Viele Grüße an Susanne u. auch Ida. Immer
Deine Käthe.