Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. Dezember 1947 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19.XII.1947.
Mein liebes Herz!
Es schneit und schneit unaufhörlich, als ob es diese böse Welt ganz zudecken wollte! Und am Außenthermometer waren heut früh um 8½ noch –4°R. Es ist das richtige Weihnachtswetter, aber mir ist garnicht weihnachtlich. Das hat wohl hauptsächlich seinen Grund darin, daß ich absolut nichts zu schenken habe. Die Zeit war so ganz ausgefüllt mit der täglichen Arbeit, daß nicht einmal die Gedanken frei werden konnten für irgend welche Pläne, geschweige denn zu einer Handarbeit, oder für das gewohnte Weihnachtsgebäck. – Statt dessen denke ich seit gestern immerfort daran, daß nun das Semester abgeschlossen ist, und male mir aus, wie Du und Ihr alle aufatmet – und wie befriedigt Du auf die ungewöhnliche Leistung zurückblicken kannst! Wie mögen die Hörer vom Dies ihren Dank ausgesprochen haben? Um das Glück dieser Stunden könnte ich sie ernstlich beneiden! Wäre doch die Übertragung nicht nur in den andern Hörsaal, sondern per Radio gewesen! –
Meine einzige geistige Beschäftigung fand nur abends im Bett statt, und eigentlich waren es nur die Gedanken, die sich im Anschluß an die Kulturpathologie weiter spannen. Aber wie problematisch und dunkel ist das alles und wird es von Tag zu Tag mehr! Denn die bescheidenste
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| Basis im realen Leben muß doch das geistige Leben noch behalten. Und die wird immer knapper. Da handelt es sich schon lange nicht mehr um Wohlleben, sondern tatsächlich um das nackte Leben! Die allgemeine Stimmung ist derartig deprimiert, daß man sich dem schwer entziehen kann. Dabei geht es mir doch immer noch sehr gut. Auch gesundheitlich habe ich nicht zu klagen. Aber doch ist das Alter eine ununterbrochene Kette von kleinen Schmerzen und das nimmt so mit. Bei der einsetzenden Kälte fingen all die Frostschäden vom vorigen Jahr wieder an zu schmerzen und teilweise anzuschwellen. So kann ich des morgens fast nicht gehen und dadurch bin ich in der Bewegung so gehemmt, daß alles noch mehr Zeit kostet als ohnehin. Wenn ich nicht allmälig eine Art Gleichgültigkeit bekommen hätte für all das, was nicht mehr so gehen will wie früher, dann wäre ich beständig in Hetze und in Aufregung. Aber das will ich nicht, denn dann klappt garnichts mehr. – Die Arbeit für die Klinik, die auch nicht so glatt lief wie früher, ist dadurch, daß sie nun in Ruhe fertig gemacht werden kann auch in ein gesundes Stadium gekommen. – Allerlei Zusammensein mit Menschen steht mir in erfreulicher Aussicht. Am Sonntag soll ich bei Herancourt's sein, am 2. Feiertag bei Heinrich's, am 27.XII. bei Frau Frobenius. Und mit Buttmi's steht der Tag noch nicht fest.
Aber dabei ist mirs dann immer auch schmerzlich, daß
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| ich nicht auch Gäste bei mir haben kann. Aber der Umstand der Bewirtung war mir immer garzu beschwerlich und jetzt kann ich nicht einmal ein warmes Zimmer bieten. Denn dazu reicht der Ofen trotz fortwährendem Heizen nicht aus. Trotzdem kommt morgen abend der jüngere Matussek mal zu mir, der es als Student doch bedeutend schwerer hat als der Bruder, der im Krankenhaus verpflegt wird. Es ist ein sehr angehmer und guter Mensch. Ich hatte viel Mühe, ihn zum Kommen zu bereden, denn er wollte in seiner Bescheidenheit durchaus keine Einladung annehmen, und für mich ist es doch ein Bedürfnis, nicht immer nur von andern beschenkt zu werden. Der Dr. M. ist durch die Arbeit in der "Inneren Klinik" recht angestrengt und ganz davon hingenommen. Er erzählt hauptsächlich von den "Fällen", die ihn meist psychiatrisch interessieren. Zu anderen Fällen kamen wir am Mittwoch garnicht. Ich hätte gern von ihm gehört, ob er mit Radbruch bekannt ist? Es stand eine sehr anziehende Kritik zweier Schriften von ihm in der Zeitung, von einem Otto Jacobsen. Ob das der J. ist, den Du mir einmal zuschicktest? Er war mir damals garnicht so angenehm, wie mir der Verfasser dieser Besprechung zu sein scheint.
Morgen wird Trudel Nitsche für eine Woche verreisen, und am Montag der Bruder für einige Tage zum Skilaufen. Da bin ich Alleinherrscher in der Wohnung, das hat auch sein Angenehmes. Vielleicht bewohne ich dann mal die Küche,
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| die mit dem Herd leicht warm zu machen ist. Vor allem ist es dort auch hell, während es in meinem Zimmer immer halbdunkel ist. Du glaubst ja nicht, wieviel ich immer Zeit mit Suchen verliere, woran ja außerdem auch die große Enge schuld ist.
Dieser Brief ist kein Weihnachtsbrief, der soll noch kommen. Aber wenn durch den Schnee Verzögerungen eintreten, dann laß ihn als Vorboten gelten, und sei gewiß, daß ich in Gedanken – wie immer – bei Euch bin, wenn ich still in meiner Klause sitze. Ich wünsche Euch in Eurem lichten, geordneten Heim einige schöne Ruhetage und viel liebe Zeichen des Gedenkens. Möget Ihr es warm und behaglich haben, innig und außen!

20.XII. Nur einige Zeilen noch, um dann den Brief gleich zur Post zu bringen. Gestern hinderte mich das Schneegestöber, die fertige Tuschzeichnung gleich in die Klinik zu bringen. Heute geht überhaupt keine Elektrische mehr und gehen kann ich mit den schmerzenden Füßen nicht. So bin ich nur auf die Nähe angewiesen. Es gibt doch immer neue überraschende Situationen! Nicht einmal einen Weihnachtszweig habe ich in diesem Jahr, immer paßte es nicht mit dem Holen vom Gärtner. Nun ich werde trotzdem eine stille weihnachtliche Stunde in meiner Einsiedelei verbringen und lieber Menschen, einer reichen Vergangenheit und Deiner immer gleichen Nähe verbringen.
Von ganzem Herzen
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße auch Susanne und Ida herzlich wie immer! Direkte Grüße kommen noch.
[li. Rand S. 3] Hoffentlich ist mein kleines Packet, in dem auch Stumpen von Z. waren, angekommen.