Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1947 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 24.XII.1947.
Mein geliebtes Herz!
Pünktlich wie immer ist Dein lieber Weihnachtsbrief eingetroffen! Das heißt, mein Vater hätte das nicht gesagt, denn der [über der Zeile] Brief kam schon einen Tag zu früh! Aber in großer Enthaltsamkeit hielt ich den Brief verschlossen und steckte ihn an den "sogenannten" Weihnachtsbaum. Ich konnte nämlich doch noch drei schöne, große Tannenzweige zum Anschein eines hübschen Bäumchens in der Ecke meines Zimmers aufbauen und sie mit den gewohnten goldenen Nüssen schmücken, und von der Spitze grüßt mich der goldene Stern. Habt Ihr auch einen Tannenbaum? Ich denke mir, Susanne wird gewiß einen erlangt haben. Wo mag er stehen? natürlich wohl in Deinem Zimmer, und wenn geheizt ist, verbreitet er seinen harzigen Duft. – Auch ich habe den ganzen Tag kräftig geheizt und es auf gut 12°R gebracht. Aber wenn ich das täglich fortsetzen wollte, wäre ich im Januar mit dem Brennmaterial fertig. Doch ich finde es recht behaglich warm, besonders mit der Decke um die Knie und der Wärmflasche unter den Füßen in der Pelzhülle.
[2]
|
Du schreibst so lieb eingehend über meine unerfreuliche Misere der letzten Zeit. Wie ein Kind über die Schulferien habe ich mich gefreut, als bei der letzten Besprechung mit dem hohen Chef die Fortsetzung der Arbeit bis nach Neujahr verschoben wurde. Da – kommt gestern am 23. eine Karte von Prof. Serr, (auch Augenarzt) der nächster Tage meinen Besuch wünscht für eine kleinere Sache, die er eigentlich schon am 1.I. abliefern soll! Für die unbequem knappe Anberaumung ist er nicht direkt schuldig, da er erst an meine alte Adresse schrieb, was eine längere Verzögerung gab. Aber es wäre ja auch nichts gewonnen, wenn ich die Nachricht früher gehabt hätte, da ich neben der Klinik nichts hätte annehmen können. Ich war wirklich mit den Nerven schon am Ende. So siehst Du, ist Dein Wunsch nach einem anderen Auftraggeber bereits erfüllt. Aber ich war zunächst willens abzulehnen, denn ich bedurfte wirklich einer Pause. Doch habe ich mich dann entschlossen, mich für Montag, d. 29.XII. anzumelden. Es ist mir dabei auch zu tun gewesen auch um innere Ruhe für die Bewältigung ungeheurer Briefschulden. Weder an Hermann noch an die Berliner ging ein Gruß von mir ab, und außerdem liegen mehrere Päckchen startbereit, sowie ein Berg von Post, die beantwortet sein will und mir wirklich ein Anliegen ist. Es ist doch heute mehr denn je ein Bedürfnis liebe menschliche Beziehungen nicht einschlafen zu lassen. Überhaupt ist es mir oft schmerzlich, daß
[3]
| ich all die treue Freundschaft, die mir erwiesen wird, gar nicht genug erwidern kann. Es bleibt alles bei der dankbaren Absicht.
Sehr hübsch war gestern ein Zusammensein mit Frau Buttmi bei mir, von 8–10 Uhr abends zu Kaffee von Euch, einem vorzüglichen Streuselkuchen von ihr und einem Pudding mit Himbeersoße von mir. In den Gesamtfragen verstehen wir uns recht gut und außerdem nimmt sie so verständnisvoll Anteil an meinen Familiensorgen, ganz zu schweigen von ihrem Interesse für Dich. Da sprachen wir denn auch von Hermann, der recht betrübend schrieb. Man merkt so, wie ihm die anfänglichen Illusionen schwinden und die Beschwerden des täglichen Lebens wachsen. Auch mit Dieter geht es nicht weiter. Er hat die Assistentenstelle in München nicht wieder erhalten, weil dort jetzt ein anderer Chef an der Nervenklinik ist. Nun sucht er vergeblich etwas Anderes. Glaubst Du wohl, daß hier Prof. Radbruch bei dem Prof. Schneider der Psychiatrischen etwas für ihn vermitteln würde? Er hat dem jüngeren Matussek die Studienzulassung verschafft. Ich müßte mich mal genauer erkundigen, wie die Möglichkeiten liegen. Du weißt ja, Hermann ist nicht sehr praktisch fürs äußere Leben und hat mir nur in Andeutungen geantwortet. Ich weiß garnicht, was eigentlich schon versucht ist. Aber mit Abwarten kommt man heutzutage nicht durch.
[4]
| – Oder doch bei einigen Sachen! Ich habe nämlich gestern nun endlich ½ Ctr. Kartoffeln bekommen, und heute den zweiten ½ Ctr., der erst Mitte Januar kommen sollte. So hatte ich zweimal das Vergnügen, mit dem Leiterwägelchen ins Dorf zu kutschieren und den Sack nach Hause zu ziehen. Es war aber zum Glück beidemale schon bald nach 8 Uhr morgens und noch kein Gedränge. Hier im Hause halfen mir dann beide Male Hausgenossen mit den 50 <altes Pfundzeichen> in den Keller. Nun ist also auch diese Frage gelöst.
Besonders erfreut bin ich, daß Du mir so treu von dem Ablauf der letzten Semestertage berichtest. In Gedanken war ich ja um Dich, aber alles ist doch mehr Vermutung als klares Bild. – Immer wieder beschäftigt mich auch Deine Äußerung im letzten Brief, daß unsere weltanschauliche Lage gründlich durchdacht werden müsse. "Weltanschaulich", das ist mir der Gesamtsinn. Ist der ein andrer geworden?
Nun ist es aber Zeit, schlafen zu gehen. Ich war heute doch nach zwei Tagen ohne die Quälerei mit der Elektrischen und der Klinik entschieden ausgeruhter. Auch daß die Kälte nachließ macht, daß ich wieder ohne Schmerzen gehen kann. So habe ich einen stillen, wohltuenden Weihnachtsabend gehabt. Möchtet auch Ihr im Frieden dieses Festes freudige Stunden erleben, und wir alle mit dem zunehmenden Licht der Tage auch einem besseren Jahr entgegen gehen. Und Du habe Dank für das Licht, das Du meinem Leben gibst und sei mit Deinem "Harem" gegrüßt von
Deiner Käthe.