Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. März 1948 (Tübingen)


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Tübingen, den 13. März 1948

(vor 50 Jahren fiel ich in den Neuen See:
Ich bin noch da; er nicht mehr!!)
Meine einzige Freundin!
Damit die Pause nicht zu groß wird, wenigstens einen kleinen Gruß. – Das Wiedersehen leuchtet noch nach. Es konnte nicht anders als tief beglückend sein. Aber die andere Art von Glück hatten wir leider nicht. Der grausame Wind hat uns gehindert, die vielen Themen zu berühren, die eigentlich zu erörtern waren. Denn sobald Du aus dem Hause bist, bist Du wie 1903. Auf Spaziergängen umflattern einen die Gedanken. Zu Hause lastet auf Dir zu sehr "Urväter Hausrat" und die Sorge um viele Dinge. Aber auch bei mir lag etwas Störendes vor. Ich hatte einige Zeit vorher eine Knotenbildung an mir bemerkt, die immerhin etwas Krebsartiges hätte sein können. Bald nach der Rückkehr habe ich den liebenswürdigen Vertreter unsres Bettmann hier befragt. "Ganz harmlose Talgzyste". Damit aber sei eine Pilzkrankheit der betr. Hautgegend zufällig verbunden. Die habe ich nur nach dem Aussehen mindestens schon 20 Jahre. Jedoch hatte sie zum ersten Mal zu gewissen lästigen Empfindungen geführt, die übrigens, trotz des Gebrauchs einer Salbe jetzt noch anhalten. Ich bin natürlich sehr befreit, daß es sich nur um harmlose Dinge handelt. Denn ich muß damit rechnen, daß eines Tages auch einmal die Diagnose
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| so lautet, daß man abschließen muß.
Vorläufig arbeite ich nach Kräften weiter, jedoch überwiegend durch Pflichten gesteuert, die Amt und Zeitlage stellen; das Hauptobjekt von innen her (Gewissenserziehung) kommt nur langsam vorwärts. 3 große fremde Opera mußte ich z. B. lesen, darunter aber eine Diss. von einem nicht mehr ganz jungen Volksschullehrer (Dürr). Das ist der Mann, wie wir ihn heute brauchen.
Am Mittwoch waren wir "draußen". Fahrt bis Eyach (vor Horb), zu Fuß über das nette Bad Imnau nach dem uralten Haigerloch, höchst malerisch (es sitzt dort auch ein sehr bedeutender Maler Schüz, der mich in seine Klauen haben will). Zurück im Dreieck mit Zuckelbahn über Hechingen.
Morgen ist die Einsegnung meines Patenkindes Silvia Wais (Tochter der Martha Holl) die den ganzen Tag kosten wird. Heute waren wir bei meinem Schulkameraden Hillgenberg. – Besuch war viel da, auch von Eugen Diesel, dem bedeutenden Sohn des Dieselmotors.
Schmeil hat die Licenz erhalten u. will nun die Jugendpsychologie wieder drucken.
Es ist sehr schade, daß du Frl. Dorer nicht sprechen konntest. Ich würde gern wissen, was der unselige Brosius macht. Ein Promotus von mir, Wegmann, schon verloren geglaubt, ist aus russ. Gefangenschaft zurückgekehrt.
Kannst Du sagen, ob die beiden freundlich angegebenen Färbereien auch Kleider annehmen, oder nur Stoffe?
An den Schicksalen der Familie Matussek nehme <li. Rand> ich sehr teil. Paul hat wieder ein Ms. geschickt. Aber das muß ein bißchen liegen bleiben. Sonst werde ich zum Reaktionsapparat für die tägliche anspruchsvolle Post.
<re. Rand> Ich habe doch nun eine Vorstellung, wie Du und wo Du lebst. So bald wie möglich komme ich wieder. Aber leider wohl ohne den grünen Wunderschein.
<Kopf>
Wir alle grüßen Dich herzlichst, an der Spitze Dein Eduard.

[li. Rand S. 1] An Seitz, Mannheim-Seckenheim, Hauptstr. 80, habe ich geschrieben.
[re. Rand S. 1] Die polit. Situation beurteile ich als äußerst übel u. gefährlich.