Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. März 1948 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

24. März 48.
Meine einzige Freundin!
Auch insofern sympathisiere ich mit Dir, als ich jetzt meistens zu müde bin, um so schreiben zu können, wie ich wünschte. Ein an sich sehr gemütlicher, ganz familiärer Besuch gestern Abend bei dem hiesigen Chef der "Education", Colonel Graff, hat mich "als Situation" sehr angegriffen. Heute vorm. habe ich eine von Hertz geschickte russische Zigarre geraucht, und davon ist mir so schlecht geworden, daß ich mich noch nicht wieder erholt habe. Besser also schriebe ich heute nicht. Aber dann wäre es unsicher, ob Du meinen Brief noch zu Ostern erhieltest. Also beginne ich ihn im Vertrauen auf Deine Nachsicht doch.
Zunächst bestätige ich den dankbaren Empfang Deiner Gemischtwarensendung: die beiden Notizbücher werden sehr sinnvolle Verwendung finden; ebenso die Zigarren. Der kl. Wachsstock ist schon nützlich gewesen, und im Auftrage Susannes danke ich für die Hefeflocken. Der Artikel aus Ortega
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| y Gasset
ist typisch romanisch: Ein übertriebener Gedanke elegant rhetorisch ausgewalzt.
Ob Du in Erfahrung bringen kannst, weshalb Jaspers mit seinen 65 Jahren noch von H. weggeht? Für die Universität ist das jedenfalls ein Minus, und Basel kann ihm auch kaum Ersatz bieten. Anscheinend hat Flitner eine Art von Ruf (auf den Krieckschen Lehrstuhl?); denn Frau Flitner sondiert jetzt dort und wird heute oder morgen hier erwartet, wo natürlich in den Feiertagen nichts zu sondieren ist.
Du hast ganz Recht, daß ich in H. aus vielen zusammen treffenden Gründen garnicht in der gewünschten Verfassung war. Die Pilzkrankheit ist etwas Harmloses, aber anscheinend durch die Salbe sehr schwer zu vertreiben. Ich bin wohl auch dauernd etwas überarbeitet, weil es eben doch niemals mehr zu eigentlichen Ferien kommt. Nun habe ich das Privatunternehmen über das Naturrecht und die wöchentliche Übung im Leibnizkolleg eingestellt; gestern habe ich noch einen Sondervortrag für Lehrerkollegium und "Oberklassen" (Durchschnitt anscheinend 30 Jahre) der Lehrerbildungsanstalt Künzelsau gehalten. Mit meinem literarischen Arbeiten sind allerhand Pannen passiert: Ärger mit
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| dem Furcheverlag bei der einen, Versagen eines jungen (35) Theologiekenners, von dem ich über die andere vor dem Abschluß ein Urteil haben wollte. Wenn ich einmal ein Ms. beurteilt haben will, hilft mir niemand; das ist eine typische Erfahrung.
Die Konfirmation des dafür noch völlig unreifen Patenkindes Silvia kostete ¾ des Tages. Am letzten Sonntag hatten wir 3 Gäste. Einen hübschen Weg, den wir beide hätten machen sollen, haben wir vor einigen Tagen entdeckt: von Rottenburg auf dem Höhenrande nach Bad Niedernau.
Der Graphiker Halbritter, der "mich" in Angriff genommen hatte, hat nach der 1. Sitzung aus persönl. Gründen zunächst abgebrochen. Der 70jähr. Maler Schüz, der ähnliche Absichten angedeutet hatte, will (als erster Kenner!) das Abendmahl v. Lenardo in einem Saal des hiesigen Schlosses an die Wand malen, den ich bisher allerdings nur gelegentlich einer – Hundeausstellung besucht habe. Er war mit den Reproduktionen bei uns.
Schmeil will sogleich die Jps. neu drucken. Die Am. wünschen nur, daß der Satz fortfällt: "So ist Dtschld mit den 14 Punkten v. Wilson betrogen worden" (!)
Wegen Caritas B. habe ich nur im Interesse v.
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| Idas Nichte Inge gefragt. Sie lernt in einer Apothekengroßhandlung. Es käme darauf an, ob in einem der Bücher das Pflanzensammeln der Eltern geschildert ist. (?)
Diesel habe ich nicht neu kennen gelernt, sondern nur wiedergesehen. Persönlich ist er ergiebiger als in seinen Büchern.
Frau Morgan verhandelt mit ihrem Verleger wegen Übersetzung der "Magie der Seele." Ich habe dafür ellenlange Briefe über ihr Buch zu schreiben.
Mein Patensohn Wolfgang Herchenbach ist hier zum Studium zugelassen und bereits aufgetaucht. Ein anderer, von dem Du nichts weißt, wie ich selbst weder die Eltern noch ihn [über der Zeile] je gesehen habe, hat als Ostflüchtling schwere Dinge gut bestanden und scheint ein braver Sohn.
Es ist mir wie verschleiert im Kopf. Ich mache besser Schluß. Mit der Konziliumterrasse muß ich Dir sehr Recht geben. Die "Klugen" bestreiten es; aber "es liegt drin".
Wie hast Du Dir die Ostertage gedacht? Wir erwarten nur am 1. Feiertage Herres. Wenn Dir die Schrift nicht gefallen sollte, halte bitte Umschau nach Federn von der früheren Art Bremer Börsen F. Die anderen von Dir waren zu spitz; diese ist zu stumpf. – Viel <li. Rand> herzliche Frühlings- und Ostergrüße von uns allen. Dein getreuester Eduard
[] Am 8.IV ist Rektoratsabgabe an m. Berliner Jur. Dekan Erbe.