Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. April 1948 (Tübingen)


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Tübingen, den 4. April 1948.
Meine einzige Freundin!
Morgen ist nominell Semesteranfang. Da will ich Dir vorher noch einmal schreiben. Für den Rest des April wird es schlecht aussehen. Denn vom 14.–24. sind "nebenher" die 50 Staatsprüfungen zu erledigen. Und 4 Gegenstände erst mal anzukurbeln, ist auch keine Kleinigkeit.
Ich danke für den lieben Osterbrief und die Ausschnitte betr. Jaspers. M. E. hat er sich durch seinen Schritt neben Thomas Mann gestellt. Man wird nicht aufhören, seine Leistung hochzuschätzen; aber das menschliche Bild hat verloren. Auch unser Blättchen äußerte sich kritisch.
Wir hatten am 1. Feiertag Besuch von Herres. Am 2. fuhren wir ⅔ Weges auf Sigmaringen zu, nach Gamertingen, das wir immer auf den Plakaten der Hohenzollernschen Landesbahn in Sigmaringen abgebildet gesehen haben. Der Ort selbst erwies sich als völlige Niete. Wir gingen dann aber über die im Frühling malerische Albhöhe, später
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| im Tal bis Burladingen zurück. Die stillen Landschaften und Orte (übrigens nicht alt) haben uns dann doch sehr befriedigt. Nach 3 Stunden aber pflegt mein Herz genug zu haben.
Seitdem ist der neue Student (aus Hamburg) für die Veranda aufgetaucht, hat sich aber sogleich mit Grippe hingelegt. Er scheint mir viel angenehmer als sein mir durchaus unsympathischer, angeblich "genialer" Vorgänger. Auch Wolfgang Herchenbach wird die Szene beleben.
Ich habe Dir schon geschrieben, daß mein ungeheurer Fleiß in den Ferien doch nicht die erhofften Früchte getragen hat. Von den 12 Bagatellen sind zwar 10 geschrieben (zuletzt noch ein kleiner Nachruf auf Franz Eulenburg). Aber mit einer Sache habe ich praktische Verlagsärgernisse, und der Stuttgarter Humanitätsvortrag muß noch einmal grundsätzlich umgearbeitet werden. Ich ziehe mein friedliches Angebot an die Lehre der Evangelischen Kirche von heute zurück und rede nun deutlich von den Kontrasten. Zum Ersatz für die betr. Zeitschrift habe ich in 2 Tagen einen sehr inhaltsreichen Aufsatz über die "Frage der Er
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|neuerung des Naturrechts" geschrieben, den ich für besser halte.
Für das Semester muß ich Dich – so ungern ich es tue – einmal um etwas fleddern. Ich habe kein Einzelexemplar mehr von der Akademieabhandlung "Schillers Geistesart". Könntest Du mir die zurückgeben? Sie soll im Anschluß an die Übungen dieses Semesters umgearbeitet, vor allem schärfer gefaßt werden. In der besseren Gestalt erhältst Du sie dann zurück. Mindestens aber leihe mir bitte das Heft für die Dauer des Semesters.
Matusseks Buch kann ich leider in absehbarer Zeit nicht lesen. Ich kenne es ja größtenteils aus dem Ms. Du mußt ihm freundlich beibringen, daß ich mit meinen Kräften ökonomisch verfahren muß, vor allem viele neue Doktoranden habe, um die ich mich jetzt so kümmern muß, wie ich mich s. Z. um ihn gekümmert habe. Ich möchte nämlich nicht, daß er in seiner Aufmerksamkeit für Dich lau wird. Aber kein Mensch kann sich vorstellen, wie viele etwas von mir wollen. Die Korrespondenz frißt mich buchstäblich auf.
Nieschling, immer Zeit habend, war einmal wieder eine Viertelstunde da. – Ich bin gespannt, ob der Brosius nun endlich etwas Tatkraft im
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| eigenen Interesse entfalten wird.
Einen vollwertigen Nachfolger für Jaspers werdet ihr kaum finden. Die erprobten Leute sind alle 60 Jahre oder darüber. Die mittlere Generation hat ein paar tüchtige Spezialisten; die jüngere fällt g anz aus. Der gegebene Mann wäre mein früherer "Schüler" – ich brauche das Wort ungern – Bollnow in Mainz. Aber der hat sich dort schon beinahe tot gearbeitet und paßt nicht auf eine "große Stelle".
Am 13.IV. beginne ich die Vorlesungen. Dazu muß ich mich völlig umstellen. Keiner der Gegenstände interessiert mich jetzt eigentlich.
Mit Frau Morgan habe ich einen philosophischen Gedankenaustausch. Sie will versuchen, eine Übersetzung der "Magie der Seele" in Amerika zu veranlassen, über die jetzt allerhand meist halb anerkennende Rezensionen erscheinen. Neulich war auch einer von der am. Militärreg. in München 2 Stunden bei mir – ein Kerschensteinerenthusiast. Kein großer Held, aber ein braver Mann.
Heute waren wir hinter Hagelloch im Walde; aber mein Herz streikte zum Schluß wieder.
Ich wünsche Dir eine gesunde und belebte Blütenzeit. Wir alle grüßen herzlichst.
In inniger Treue
Dein Eduard.