Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25./26. April 1948 (Tübingen)


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Tübingen, den 25. April 48.
Meine einzige Freundin!
Die letzten 10 Tage waren keine Kleinigkeit. Ich habe bisher 49 Leute geprüft, oder dabei protokolliert. 10 folgen noch in der morgen beginnenden Woche. Nebenher habe ich die 4 Semesterveranstaltungen in Gang gesetzt:
1) Phil. d. Gesch. als Selbstkritik der Kultur Di. Mi. 8–9
2) Philos. Grundlegung der Pädagogik Frei 8 pünktl. bis 9.
3) Üb. Fortgeschr: Schillers philos. Schriften Dienst. 17–19.
4) Anfängerübungen zur Einf. in die Päd. Freitag 17–19.
Mit 1) und 2) mußte ich von der 2. Stunde an ins Maximum übersiedeln, das voll besetzt ist. Nr. 3 leider fast 30, Nr. 4 ca 100–120! Der Eifer ist groß. – Das Wochenende wurde noch durch den Besuch des Psychologen Wellek aus Mainz kompliziert, der 2 Nächte auf der Chaiselongue kampierte.
Das wichtigste Ereignis ist aber wohl dies: Heidelberg hat als Nachfolger für Jaspers meinen hiesigen Kollegen Krüger berufen; als zweiten Gadamer (Frkft M.) Da beide nahe befreundet
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| sind, besteht Gefahr, daß Krüger annimmt. Der hiesige Extraordinarius Weischedel hat große Chancen, als Nachfolger von Wenke nach Erlangen zu kommen. Es droht also die Situation, daß ich am Ende des Semesters hier als Philosoph allein auf weiter Flur stehe. Flitner – der Pädagog – tut fast nichts, um der erfolgten Berufung wirklich zu entsprechen. Es ist also wieder einmal alles unsicher geworden.
Von der stark einsetzenden Blüte habe ich daher wenig. Der Tag dauerte am Freitag für mich mit Fakultätssitzung 17 Stunden. Vorbereiten muß man sich am Anfang des Semesters doch auch ganz besonders.
Vor 8 Tagen hatten wir aber ein paar Stunden auf einem sonnigen Panoramaweg über Reutlingen (wo ich außerdem jetzt immer hinfahre, um mir die Haare schneiden zu lassen!)
Gestorben sind Holzhausen (Sonneberg von Coburg aus), Prof. HeckerWeimar, Felix Krüger in Basel, früher Leipzig.
Es tut mir sehr leid, daß ich Dich mit der Frage nach dem "Schiller" nervös gemacht habe. Suche nun bitte nicht weiter danach.
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| Eigentlich müßtest Du doch einen ganzen Stoß von Akademieabhandlungen von mir haben, die sich schon ihres großen Formats wegen nur schwer verbergen können.
Lore habe ich in einem Nest in Vorarlberg nun endlich wieder aufgespürt. Mein Patensohn Wolfgang Herchenbach ist ein angenehmer Zuwachs in meinem nicht ganz kleinen Kreise. Hier ist eine gute Ausstellung von japanischen Holzschnitten etc. eröffnet worden, die manche Erinnerung weckt.
Eine Einladung zu Ferienkursen an der T.H. Charlottenburg habe ich abgelehnt. Ebenso einen Vortrag auf der Comburg und die Teilnahme an einem Internation. Philosophenkongreß in Amsterdam. Aber der in Mainz (1.VIII.) bleibt.
Es ist sehr ärgerlich, daß sich noch immer Feuchtigkeit in Deinem Zimmer zeigt. Eigentlich muß doch Dein Hauswirt im eignen Interesse für Reparatur sorgen oder darauf dringen. Kannst Du nicht einen der Matusseks zu ihm schicken? Sonst hoffe ich, daß Du nun bald nicht mehr zu heizen brauchst und daß auch der sog. Balkon manchmal bei Sonne für Dich frei ist. Kommt die östl. Frau noch?
Habe Nachsicht, wenn ich wegen der Müdigkeit heute nur dies wenige schreiben kann, und fühle auch darin immer gleich Liebe. Alle grüßen.
<Re. Rand>
Innigst
Dein Eduard.

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26.4.
Die Briefe von Onkel Ernst hättest Du jederzeit lesen können. Wenn es geschehen ist, schickst Du sie vielleicht her – auch etwaiges andere, was noch aus der Verlagerungszeit bei Dir ist.