Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Mai 1948 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

12. Mai 48.
Meine einzige Freundin!
Mein letzter Brief an Dich ist so lange her, daß ich garnicht mehr weiß, wie weit ich mit meinen Nachrichten vom Tage gekommen war. Auf die Prüfungs- und Semesteranfangszeit folgt eine große Müdigkeit, und seit Montag ist auch eine leichte Grippe dabei, die aber schon wieder im Verschwinden ist.
Dein lieber Brief vom 2. Mai klingt belebt wegen der Begegnung mit Herrn Direktor Durand. Mir wäre er, wenn er nichts mit der Lehrerbildung zu tun hätte, noch sympathischer. Und wie ist das mit der Hilfswerkküche? Nimmt man das mit nach Hause oder verzehrt man es an Ort und Stelle (und wo dann?) Wenn das Essen kräftig ist, wäre es ja eine erfreuliche Vereinfachung.
Wir beschäftigen uns hier viel indirekt mit Heidelberg, weil wir natürlich alle Hebel in Bewegung setzen, um Krüger zu halten.
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| Zu der objektiven Hochschätzung kommt noch der persönliche Grund, daß ich alle Arbeit hier allein machen müßte, wenn Krüger (u. ev. auch gleich Weischedel) ginge. Außerdem berate ich brieflich immer noch Ernst Hoffmann für den 2. Lehrstuhl, auf den nicht Gadamer berufen ist.
Wir haben hier eine – bisher nur flüchtig gesehene – Ausstellung von japanischen Holzschnitten; bald danach wurden die 9 Stiftzeichnungen gezeigt, die Hr. Halbritter von hiesigen Professoren, darunter auch mir, gemacht hat. Die Porträts sind durchweg von künstlerischem Belang; meines wird besonders gerühmt. Halbritter ist aber auch als Mensch eine sehr wertvolle Bekanntschaft. Wir hatten ihn eines Abends gebeten; dabei gab es sogar Champagner – nur weil dies die einzige Flasche war, die sich im Hause befand.
Am Himmelfahrtstag kamen nicht weniger als 5 Besuche – darunter auch (mit dem Kollegen Brinkmann) die Witwe Sombart, die in Neuenheim lebt. Immer noch von unerhörtem südlichen Temperament. Matussek kennt sie auch.
Vorlesungen und Übungen sind bisher bei gleich starkem Besuch normal verlaufen. Aber
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| ich brauchte eigentlich einmal eine kleine Erholung, und wenn es 5 Tage wären. Daran ist garnicht zu denken. Es wird ein Wunder sein, wenn in der Woche nach Pfingsten ein 1½tägiger Ausflug nach Sigmaringen glückt. Und dann wird natürlich schlechtes Wetter sein. Mit meiner literarischen Erzeugnissen geht es gar nicht weiter. Nur die Jugendpsychologie wird nun in – Heidelberg gedruckt. Alles Neue bleibt ins Ungewisse liegen.
Von der Berliner Universität kommen immer lautere Notrufe. Es wäre eigentlich gut, wenn ich einmal aufzeichnete, was ich mit meinen Bemühungen um sie eigentlich angestrebt habe; denn von dieser Entscheidungsperiode redet niemand mehr. Nun hat man die Bescherung, und die im Westen sollen helfen, wozu natürlich jede Handhabe fehlt. – Litt hat übrigens in Bonn immer noch keine Beamtenstellung.
An den von Dir offerierten Doubletten habe ich z. Z. kein Interesse, allenfalls an dem Aufsatz "Phantasie" (Propyläen). Die 40 M, die ich dafür bekommen habe, haben mir den ersten Besuch am Bodensee ermöglicht, vor 44 Jahren. Jetzt kann ich nicht so weit. Von dem Verschenken
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| einzelner Stücke würde ich abraten. Da sie ungeheuer selten geworden sind, repräsentieren sie – zusammengehalten – auch einen beträchtlichen Geldwert.
Was hast Du für Pfingsten vor? Ich muß 1) etwas für die Radbruchfestschrift schreiben 2) etwas für einen Professor an der Sorbonne. Damit sind die wenigen Tage dahin, und es geht im gewohnten Turnus weiter. Am 29.V. ist ein Vortrag in Stuttgart. Alle anderen auswärtigen Einladungen (auch Charlottenburg) lehne ich konstant ab.
Ida war auch einige Tage krank. Wir hatten es zeitweise recht kalt. Ich fahre neuerdings zum Haarschneiden nach Reutlingen, wo es ruhiger und sauberer ist. Das war für mich zugleich der einzige Anteil an der Blütezeit.
Gleich kommt der Siebenbürger Dr. Czell, der meine Schriften s. Z. nach Bad Kleinen verlagert hat. Von dort ist fast nichts zurückgekommen, so daß von jeder im günstigen Fall noch 1 Exemplar vorhanden ist.
Wir wünschen Dir ein möglichst wohltuendes Pfingstfest. Wenn ich einmal etwas frischer bin, werde ich Dir auch einen gescheiteren Brief schreiben.
In Liebe und Treue
Dein Eduard.

[li. Rand] Otto Dürr hat bei mir s. Doktor in Päd. mit I gemacht. Ungeheure Seltenheit!