Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Mai 1948 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

27.05.48.
Meine einzige Freundin!
Es ist schrecklich, daß ich garnicht mehr zum richtigen Schreiben an Dich komme. Schuld ist natürlich der nie abreißende Faden der Arbeit; in letzter Zeit aber auch ein längeres Mißbefinden, das nur sehr allmählich zu überwinden war. Ich hatte so nebenbei vor Pfingsten etwas Grippe. Am 1. Feiertag habe ich dann vormittags sehr scharf an Nemo contra Deum für Radbruch gearbeitet und nachm. eine zu lange Tour nach Kreßbach gemacht. Seitdem blieb etwas Herzaffektion. Die wurde durch "Verirren" auf dem Weg zum Bittelschießer Täle noch verstärkt. Erst am Ende der Pfingstferien habe ich mich etwas erholt. Diese Woche aber muß ich nun den Vortrag für Stuttgart übermorgen machen ("Universitätsfragen"), nachdem mir eine kinderpsych. Bibliographie für Paris den vorigen Sonntag ge
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|kostet hat. Auch bin ich immer müde; dagegen nützt das längste Schlafen nichts.
"Unser" Student, Herr Hagedorn, war zu Pfingsten 8 Tage in Überlingen, nahe beim Susohause. Er hat auch die Reichenau besucht und dem Mohrenwirt meine Grüße gebracht. Emmy hat er nicht gesehen. Man ist dort nicht sehr glücklich über die Kinderkolonie.
Sigmaringen hat mir nicht ungeteilt gefallen. Es bleibt ein verschiedener Stil, Ausflüge zu machen. Aber objektiv ist der Ort fast hübscher geworden: diesmal war alles saftig grün und viel stärker bewaldet, trotz Borkenkäfer, von dem wir nichts bemerkt haben. – Die Hauptsache ist wohl: ich bin für solche Unternehmungen nicht mehr leistungsfähig genug.
Susannes Tante in der Stiftsmühle ist von ihrem schweren Leiden erlöst worden.
An dem Plan des Herrn OSt.D. Durand ist, wie immer, das Schwierige nur die Terminfrage. Den Heidelberg lockt natürlich sehr: Ich halte aber von einem bloßen Einzelvortrag. [über der Zeile] nichts. An ihn müßte sich ein Zusammensein von 1 Tage anschließen, am besten im Kümmelbacher Hof oder einem ähnlichen Ort.
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| Jedoch: die Sommerferien sind ganz besetzt. Im W.S. wäre zur Not einmal Sonnabend, Sonntag, Montag frei. Nur geht ja ⅔ davon für die Reise drauf, und für uns bliebe dann garnichts. Wohne ich in der "Rose" – nachdem Dr. D. seine Sachen abgeholt hat – so kommen noch die weiten Wege zur Stadt etc. hinzu. In summa: Du siehst, wenn wir uns einmal sehen wollen, dann ist die Angelegenheit Durand mehr Hindernis als Förderung.
Gestern war der Assistent von Eurem Germanisten Böckmann, Dr. Müller-Seidel bei mir. Er behauptete, er könne mir ein Quartier beschaffen. Aber dann bin ich erst recht angebunden.
Vor längerer Zeit habe ich die Jugenderinnerungen von Wilh. v. Scholz gelesen (besser durchgeflogen.) Sie heißen: Berlin u. der Bodensee. Interessiert hat mich seine Kindheit am Kastanienwald und im Friedrich-Werder, dann seine Abiturientenzeit in Seeheim, via St. Jakob. Aber es ist nicht gut geschrieben. Anziehender war Isolde Kurz, Aus m. Jugendland, (Tüb.) beim zweiten Lesen. Jetzt bin ich bei "Stine" (Immer die letzte Viertelstunde am Tage, halb einschlafend.)
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Meine ersten Doktoren hier sind fertig geworden: der excellente Pädagoge Otto Dürr mit glatter I (äußerst selten) und Frau Mahn (geb. [über der Zeile] in Heilbronn, nahe verbunden mit Lulu Lampert) in Philosophie mit II. Da steckt natürlich auch viel Arbeit von mir drin. Ich brauchte Ferien, endlich einmal Ferien.
Hier breche ich ab, weil ich es gern sähe, wenn diese Zeilen noch am Samstag zu Dir kämen. Nur noch meine Freude über die neuen Schuhe! Hoffentlich kann ich das nächste Mal ruhiger schreiben.
Alle grüßen herzlich; ganz besonders innig
Dein
Eduard.

[] Die Stelle in der Univ. von Oe. hatte ich vor Deinem Hinweis garnicht bemerkt. Er ist nicht normal. – Zweimal habe ich jetzt Silvia, den kleinen Dragoner, zu ihrer Bearbeitung der Geige begleitet. Aber das greift meine Nerven an.
[] Schwierige Korrespondenz mit Hans R. G. Günther!