Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Juli 1948 (Tübingen)


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3. Juli 48.
Meine einzige Freundin!
Für einen eigentlichen Brief ist es heute schon zu spät am Tage, geschweige denn dafür, angemessen für Deine lieben Geburtstagsworte zu danken. Du weißt, daß mir die immer die liebste Begrüßung sind und daß sie das tiefste Echo in mir wecken. Ich will heute nur noch ein bißchen erzählen.
Zuvor aber möchte ich sagen, daß ich Deinen Kampf um die berufliche Beschäftigung an der Klinik zwar verstehe als Wahrung eines voll verdienten Rechtes; daß es mir aber nicht lieb ist, wenn Du Dich durch die WR. veranlaßt findest, über Deine Kräfte hinaus Aufträge anzunehmen. Wenn für den Nachwuchs und Dich zusammen genug Arbeit vorliegt, so solltet ihr auch teilen. Schon die Fahrten bei schlechtem Wetter dürften keine Pflicht sein. Also bitte: alles mir Maßen, und zwar wirklich!
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Um den Geburtstag herum war diesmal eher mehr Unruhe als sonst, weil allerhand hineintraf, was ebenso gut an anderen Tagen hätte sein können. Am 26 gingen wir nach Bühl zu Herres. Bald nach unsrer Heimkehr sammelte sich die sog. Kurrende, die um ½ 8 in Stärke von ungefähr 23 Männlein und Weiblein auf der Treppe ein paar Lieder sangen. Die mußten dann mit Kaffee bewirtet, freundlich angesprochen und mit alten Separaten beschenkt werden. Am Sonntag vorm. waren da: das Ehepaar Wais mit Silvia, Weichert (Berliner), eine Assistentin von ci-devant Oesterreich, Frl. Dr. Schaal, der Neffe des Generals v. Rabenau. Mittags hatten wir "unsren" Wohnstudenten Hagedorn u. Wolfgang Herchenbach, den Patensohn, zu Tisch. Dann etablierte sich eine Kaffeetafel mit den Genannten, Frl. Schaal, Idas Nichte Tierok. Als aber eben das Vergnügen losgegangen war, wurde der erst für den nächsten Tag erwartete Prof. Lömcker aus USA gemeldet, der für uns ungeheuer viel getan hat und sich auch persönlich als angenehmer Mann zeigte. Ihn nahmen wir dann
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| zu dem Konzert [über der Zeile] 4 Uhr der Stiftler im Stiftshof mit. Mittendrin mußte ich ihn an die Bahn bringen;, ich kehrte aber noch einmal zurück. Um ½ 7 war eine französ. Journalistin angemeldet, und als die nach 1 Stunde wegging, war der Rektor Erbe mit Frau und Adlatus Schwarz (Berlin) da, die auch wider Erwarten 1 Stunde blieben. Als auch sie gegangen waren, entlud sich das gefürchtete Siebenschläfergewitter.
Montag von 12–3 war Lömcker noch einmal da. Dienstag hielt ich bei schlechter Organisation einen gehaltvollen Vortrag für die Teilnehmer des Internationalen Jugendtreffens über "Sichverstehen unter Völkern." Anwesend ca 80. Abends sprach mein früherer Schüler Dr. Groß, jüd. Emigrant aus Stockholm, in der Univ. recht mäßig. Dann lief die Vorlesungswoche mit ihren Ansprüchen u. Sitzungen; gestern Vortrag von Romano Guardini. Heute Enthüllung des wiederhergestellten Neptunbrunnens. Kundgebung "Rettet Berlin" wurde nicht besucht, weil zu viel Arbeit vorliegt.
Aus Berlin ist nur wenig Post rechtzeitig [re. Rand] } sonst ca 70 Sachen. durchgekommen; Blumen auch diesmal sehr schön. Geschenk von dem philosophischen Leibseminar und – sehr angenehm: Messer von Malthan, 3 Flaschen Wein v. verschiedenen, allerhand Rauchbares
Wegen der W.R. haben wir jetzt ziemlich
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| alle Tage Wolfgang u. die hier exponierte Nichte von Leisegang zu Mittag bei uns, was ganz belebend wirkt. Susanne übernimmt in der nächsten Woche die Leitung einer Suppenausgabe für Studenten. Es geschieht fast mehr als das Menschenmögliche, um die jungen Leute wenigstens bis zum Schluß des Semesters zu versorgen (24.7.) In der Tat bemerke ich in m. sehr durchgeformten Vorlesungen eher eine Zunahme als Abnahme.
Zur Vermehrung der Arbeit trägt das Eintreffen von Korrekturen der Jugendpsychologie bei, die anstrengend sind, schon wegen des kleinen Drucks. Sonst schweigen die Verleger; die Eisenbahnen sind leer. Der Markt bringt einiges, was es sonst nicht gab. Ich glaube aber, daß die W.R. ein Schlag ins Wasser war, und leider auch ein Spiel mit dem Feuer. Denn was soll in Berlin eigentlich werden??
Um davon noch zu reden, ist es zu spät. Ich lasse morgen diesen "Bericht" mal erst abgehn. Es ist ähnlich nur eine Abschlagszahlung wie die PA., die hoffentlich längst eingetroffen ist.
2 Pakete aus Habana von Verehrern (aber kein Tabak.) Ein dickes spanisches Buch über meine Philos. u. ein kleines Buch über Dilthey mit Geleitwort von mir (Prof. Roura) sind eingetroffen.
Schleunigst Schluß, zumal das Licht ausgehn will, mit innigen Grüßen u. wärmsten Dank!
Dein Eduard.