Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juli 1948 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

11. Juli 48.
Meine einzige Freundin!
Wie draußen der Himmel verhangen ist, so sind es auch schwere Wolken anderer Art, die diesen Brief beschatten. Ich rüstete mich, Hermann zum Geburtstag zu gratulieren. Da kam die Trauernachricht. Der Arme hätte durch nichts schwerer getroffen werden können. Denn Flucht und Heimatlosigkeit sind allenfalls zu tragen mit dem, der das ganze Leben sonst geteilt hat. Wenn dieser andere, der man selbst geworden ist, abgerufen wird, hat man hier eigentlich nichts mehr zu tun. Jene indische Sitte ist aus einer ganz tiefen Auffassung von der Ehe gerechtfertigt. Ich habe Frau Hedwig wohl nur 2mal gesehen: bei der Taufe in Stettin und um 1928 bei einer Tagung in Lübeck. –
Sodann: vor 2 Stunden haben wir gehört daß Berlin von den Weltmächten aufgegeben wird. Vorläufig hoffen wir noch, daß es nicht so wörtlich wahr ist. Vorauszusehen war es ja. Aber
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| man wird ja auch in Amerika wissen, was "Imponderabilien" sind. Dies erst eröffnet die moralische Katastrophe der Welt. Übrigens kamen schon vor 10 Tagen Andeutungen vom Hirschsprung über einen Wechsel des Wohnortes – die man nun versteht. – Vor welchem Gerichtshof wird nun einmal dieser Vorfall verhandelt werden?
Endlich: Dein lieber Brief vom 4. Juli ist so voll Unruhe und Sorge um Deine Situation, daß ich recht traurig bin. Du solltest nach meinem Wunsch doch gerade das Gefühl haben, daß Du Dich um Finanzielles nicht zu sorgen brauchst, solange ich lebe und verdiene. Natürlich hast Du recht: für die schuldlosen alten Menschen ist es eine Katastrophe. (Die zweite nach 1923; für mich wäre es die vierte – mit 1909 und 1945.) Aber bei sich selbst eine Schuld zu suchen, ist doch – verzeih! – ganz unlogisch. Wo ein Krieg verloren ist, leiden die Unschuldigen und gedeihen die Schieber. Also natürlich: der Tatbestand ist da. Aber wenn Du ihn an Dein Gemüt herankommen läßt, wenn Du deswegen mehr als bequeme Nebenarbeit in den Kliniken annimmst, wenn Du die östliche
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| Frau
nur alle 14 Tage kommen läßt, dann arbeitest Du meinen Absichten entgegen und bist also höchst ungehorsam. (Wir hier nehmen auch die Pakete der Amis [über der Zeile] gern an, wenn sie aus christlichen Herzen kommen; die anderen werden nur "quittiert". Fachgenossen in Cuba, die 2 Pakete schickten, müssen doch wohl ein Gefühl für mich haben. Kennen "tue" ich sie nicht. – Sonst hätten sie es ja unterlassen können.) Ende diese Monats bekommst Du noch eine Kleinigkeit. Aber dann mußt Du auch diese Dinge mit aller Ruhe betrachten. Kommt es zum Kriege (der eigentlich nun doch schon moralisches Postulat ist), dann werden wir Alten "vielleicht" von der Welt sagen: "Davon haben wir nun genug." Aber auch der könnte noch eine Wendung aufwärts bringen!
Im Interesse einer unbekannten Mutter mit 2 schwer tuberkulösen Kindern (Erblindungsgefahr), die Mittelschullehrerin ist, möchte ich Dich heute folgendes fragen: Wo ist Herr Häbler? Ist das eine staatliche, kirchliche oder Privatanstalt? Sind da kranke Kinder, blinde Kinder oder was sonst? – Zu jenem Fall kommt es auf mildes südbadisches Klima an.
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Hier wenig Neues, außer ungeheurem Regen (Siebenschläfer) und Kälte. Im Universitätsbetrieb bisher kaum merklicher Verlust an Besuchen. Aber es ist doch gut, daß das Semester in 14 Tagen zu Ende ist.
Ich möchte noch einmal auf die finanzielle Frage zurückkommen. Sieh Dir mal später Deine Bücher an, ob Du darunter alte, selten gewordene Sachen hast. [li. Rand] bes. Gesamtwerke! Das meiste hast Du natürlich schon mir geschenkt, z. B. den Kugler. Mache davon eine kleine Liste. Dann werde ich hier Preise schätzen lassen. Wenn Du solche Sachen dann in Heidelberg anbietest, weißt Du 1) unter welchen Preis Du nicht heruntergehen darfst und hast 2) eine Extraeinnahme für Bonbons, Pralinés oder sonst Nötiges.
Ich habe gestern und heute Stöße von Briefen schreiben müssen, und die Buchstaben wollen nicht mehr heraus. Es ist daher besser, wenn ich für heute schließe. Denn was ist zwischen uns "heute"?
Von allen hier herzliche Grüße. Ich bin in dem von Dir richtig angesprochenem Sinne
Dein
Eduard.

[li. Rand] Die Briefe von "Onkel Ernst" sind längst eingetroffen.
[re. Rand] Was war das für eine Vorzugsrente von alten Staatspapieren? Hast Du die jetzt angemeldet?