Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. September 1948 (Tübingen)


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Tübingen, den 25. September 48.
Meine einzige Freundin!
Es beruhigt mich, daß Du gut gereist bist, und ich hoffe, daß Du Dich jetzt wieder im gewohnten Tageslauf befindest, ohne besonderen Erregungen und Anstrengungen ausgesetzt zu sein. Hoffentlich nimmst Du von unsren bescheidenen Wegen eine freundliche Erinnerung mit. So interessante Sachen wie früher können wir nicht mehr unternehmen. Die Kräfte wollen geschont sein, und leider die Geldmittel auch. Aber es ist immer das Schönste, wenn wir still zusammen sein können, und das ist uns ja auch diesmal geschenkt worden. Habe Dank für die gemeinsamen Tagen.
Inzwischen hat sich hier wenig Bemerkenswertes ereignet. Mein Befinden war durchweg nicht ersten Ranges; vor allem friere ich mehr, als objektiv berechtigt ist (allerdings morgens ca 2°!), und ich bin von innen heraus müde, was bekanntlich eine
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| besonders unerfreuliche Art von Müdigkeit ist. Erst heute hat der Examenstermin mit Nr. 53 für mich sein Ende genommen. Das Ergebnis war so, daß man sehr froh sein darf. Bei mir sind nur zwei Gänschen durchgefallen; manches "sehr gut" konnte mit voller Überzeugung gegeben werden.
Daneben habe ich nur wenig getan: die Korrekturen etc. der Jug.psych. sind ganz erledigt. Schmeil denkt daran, gleich 10000 drucken zu lassen! Ich habe einen kleinen Aufsatz für meine Gönner in Habana geschrieben und noch einen Artikel für eine Zeitung.
Am Montag um 8 fahre ich mit dem Auto nach Calw und bleibe dort mindestens bis Mittwoch Abend. Ich werde wohl 5 Vortragsstunden zu halten haben, deren Vorbereitung nur schlecht glücken will. Von Calw sende ich eine kl. Postanweisung, die hoffentlich noch zurechtkommt. Wenn sie Dienstag abgeht, müßte sie Donnerstag bei Dir sein.
Hier war der Vorgeschichtler Kühn aus Mainz, der recht optimistische Bilder von der politischen Zukunft Deutschlands entwarf.
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| Aber ohne kriegerisches Zwischenstadium kann er sich diesen Aufschwung auch nicht denken. So liegt denn ein dunkles Tal vor dem erhofften Lande. Im Grunde ist doch all dies Geschehen so widervernünftig, so fern von jeder verstehbaren Balanze zwischen Schuld und Sühne, Verdienst und Gelingen, daß man seine Weltanschauung auf dieses große Geschehen, genannt Geschichte, nicht aufzubauen vermag. Die Offenbarungen des intimen Lebens sind viel aufschlußreicher. Aber auch da scheint wenig genug getan, um uns die Lösung der Chiffren zu erleichtern.
Der alte Herr Seitz schreibt munter und leserlich; er dankt auch Dir für Deine Glückwünsche. Ob ich im Oktober nach Baden-Baden zu Vorträgen fahre, womit ein Wiedersehn mit den Damen v. Glasenapp verbunden wäre, muß ich noch offen lassen. Es fehlt mir eben an Überschuß.
Vorgestern war ich tout seul in Stockach, [re. Rand] hin u. zurück 3 Stunden (hinter dem Galgenberg zur Alb hin), einem hübschen Dorf auf einer Terrasse über einer weiten Hochebene vor dem Gebirgszug. Ich konnte, trotz scharfen Ostwindes, auf einer
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| blumenumrankten Bank auf dem Kirchhof sitzen und an meinen Vorträgen meditieren. Das erinnerte ein wenig an den Kirchhof in Niederzell.
Ida soll, während ich in Calw bin, nach Alpirsbach, zur Abwechslung, mit Beeren- und Pilzsuchen, daß sie immer noch fortgesetzt hat.
Damit ist für heute mein spärliches Latein zu Ende, und das übrige mußt Du aus den innigen Wünschen herauslesen, mit denen ich an Dich denke und Dich grüße.
Dein
Eduard.