Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Oktober 1948 (Tübingen)


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Tübingen, den 9. Oktober 48.
Meine einzige Freundin!
Die Zeit ist so unvermerkt dahingeflogen. Obwohl nichts Besonderes vorlag außer der täglichen Arbeit, habe ich Dir länger nicht geschrieben, als mir bewußt geworden ist. Von Dir hingegen kam ein lieber ausführlicher Brief, und dann die Äpfel, Federn, Spielkarten (rührend, aber auch kaum besser erkennbar) und der "Freytag". Hast Du von diesem nur den einen Band? Nicht meinetwegen, sondern weil der ganze ein Verkaufsobjekt wäre. – Herzlichen Dank!!
Zunächst wäre von Calw zu berichten. Ich habe dort 3 Stunden in der Päd. Akademie gesprochen und 1 Stunde (um 14!) unten im Ort für die Lehrer des Oberamts. An keiner von beiden Stellen hatte ich den Eindruck, daß man für meine eigentlichen Intentionen Verständnis hatte, so nett die Leute alle waren. Oberst a.D. Schaal, der Vater meiner Assistentin, und Nieschling waren unter meinen Hörern. Mit
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| dem letzteren habe ich ein gutes Glas Niersteiner getrunken. Das Bild von Calw, tief eingeschnitten an der Nagold, war echt schwarzwaldmäßig und sehr anziehend; aber ich bin nicht einmal nach Hirsau, 2 km von dort, gekommen. Der Regierungsdirektor nahm mich auch zurück in seinem Auto via Herrenberg mit. Ich wäre auch ganz gern mit der Bahn über Nagold zurückgefahren, obwohl das 3 Stunden – statt so 1 – gedauert hätte.
Seitdem habe ich fast nur Dissertationen, meist gemischten Wertes, gelesen und Laufendes erledigt. Man beglückt mich auch sonst mit unverlangten Manuskripten, so ein Dr. Mittasch in Heidelberg (79 Jahre), der ein ganz angesehener Naturforscher sein muß. Ich weiß von ihm garnichts. Besuch hatten wir nur von Dr. Harnack und – ganz kurz – von Herre. Am 23./24. werde ich mit unsrem Rektor auf dem Lorenzhof bei Wolfach sein, worauf ich mich freue. Am 12.10 rede ich für die Junglehrer in Stuttgart. Vielleicht folgen ganz Ende Oktober noch Vorträge in Ulm
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| und Ehingen. Der Bodensee bleibt unerreichbar. Es ist hier morgens immer wenig mehr als 0°. Ich fange schon an zu frieren. Anscheinend ist dies mein Alterssymptom. Versäume ja nicht Gelegenheiten, um Heizung zu kaufen. Wenn Du mir den Stand Deiner Kasse mitteilst, dann bitte immer recht klar; z. B. nicht: ich habe jetzt noch 12 M, wenn eben 80 gekommen sind. Wie soll ich sonst den Stand verfolgen? Bisher habe ich immer noch fast garkeine Sondereinnahmen; aber das muß ja nun endlich einmal kommen. Zu erwarten habe ich schon jetzt vielerlei, und wenn Q. u. M. 10000 Exemplare drucken, dann verfällt das mir Zustehende vielleicht schon der 2. Währungsreform!!
Der Mainzer Vortrag wird nicht bloß an den Ohren, sondern am Horizont der Leute gescheitert sein. Ob er im Druck mehr Glück macht? Ich habe den Eindruck, daß man z. Z. viel zu viel hört und liest, um noch irgendetwas auch nur der Absicht nach zu verstehen, geschweige denn zu verarbeiten.
An der endlosen Krankheit des
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| netten Frl. Héraucourt nehme ich herzlichen Anteil. Es gibt doch jetzt so viele wunderwirkenden neuen Mittel. Aber dafür muß man wohl gerade ein widerstandsfähiges Herz haben.
Hat Hermann mal wieder etwas von sich hören lassen? Bleibt er für dies Jahr in Tutzing?
Soll ich Deine Frage wegen Hofgeismar ernst nehmen? Das wäre doch eine ganz fremde Umgebung. Und überhaupt! Natürlich – man ist vor dem Schicksal nicht sicher, daß man eines Tages nicht mehr selbst disponieren kann. Aber wir wollen darauf vertrauen, daß wir noch eine Weile standhalten. Und vor allem wollen wir hoffen, daß kein Krieg kommt. Dunkel genug sieht es aus.
Nun Schluß mit vielen herzlichen Wünschen und Grüßen! Es ist wohl bei Euch noch etwas sommerlicher als hier.
Innigst
Dein
Eduard.

[] Grüße Matusseks!