Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Oktober 1948 (Tübingen)


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Tübingen, den 22. Oktober 48.
15 Uhr.
Meine einzige Freundin!
In 1½ Stunden fahre ich mit unsrem Rektor und dem ekligen K. nach Oberwolfach. Es handelt sich um eine Besprechung von Universitätsfragen zwischen hiesigen und Freiburger Kollegen. Oberwolfach ist eine denkwürdige Stelle, wo Du Dich 1912 (?) weigertest, ohne Kaffee bis Wolfach durchzumarschieren. Ich bin neugierig, ob wir über Alpirsbach fahren oder über Zwieselberg. Aber eigentlich ist es gleichgiltig. Denn dann ist es schon dunkel.
Die Generalstabskarte, die Du mir nach dem Besuch von 9 (!) Läden erstanden hast, ist mir in der Tat ein willkommenes Geschenk. Allerdings werde ich von jetzt an nur Phantasiewanderungen auf ihr vornehmen können. Vorgestern RottenburgNiedernau (so wie wir) bedeutete den Schluß der Saison. Am nächsten Sonntag werde ich noch zu einer Apothekerweltanschauungstagung in Schloß Lindich bei Hechingen sein. 2 Tage danach beginnen die Vorlesungen. Ich bin in der letzten Zeit für meine Verhältnisse sehr untätig gewesen; es fehlt mir – sonst nichts – aber z. Z. die eigentliche Spannkraft.
Die Junglehrer in Stuttgart (wieder ein Vortrag vor 500) haben mich sehr nett behandelt, für jeden kleinen Weg ein Auto gestellt und mich sonst in Ruhe
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| gelassen. Ein Versuch bei L. Lampert wenigstens guten Tag zu sagen, scheiterte an Zeitmangel. Ich kam gerade bis zu ihrer Tür.
Von Hermann kam schon eine befriedigte Karte aus der Schweiz. Eine Schülerin von mir, die über Gotthelf arbeitet und auch dort ist, sandte ein ganzes Bündel von Grüßen. Man kennt so viele Menschen in aller Welt. Der Briefverkehr mit Buenos Aires ist gerade besonders lebhaft. Schlecht lauten die Nachrichten natürlich aus Berlin. Ein 2. Telegramm, das mich dort zu reden einlud, ist ebenso unberücksichtigt geblieben, wie das erste. Ein 3. Telegramm gestern besagte, das nun auch die letzte Philosophin die alte Universität verläßt. Sie ist seit vor 1933 Mitglied der KPD.
Unter dem frühen Kälteeinbruch habe ich schon recht gelitten. Heute ist ein goldener, auch warmer, Spätherbsttag. Es ist schön, daß Du auch einige Spaziergänge gemacht hast – auf den Spuren von ehedem. A la recherche du temps passé – ein frz. Roman.
Gestern war Cilli mit Frl. Dr. Schaal bei uns zum Kaffee. Hoffentlich führt es zu einem häufigeren Wiedersehn mit ihr.
Am 30.8.[über der Zeile, v. fremder Hand?] 10 ist Meineckes 86. Geburtstag [über der Zeile] Hirschsprung 13. Am gleichen Tage feiert ein anderer – in Marbach – gar den 90!
Ich habe heute vorm. 40 M abgeschickt. Ganz am Anfang November folgt dann weiteres. Du mußt sagen, ob Du so auskommst. – Die Jugendpsychologie ist fertig. Im Kontrakt von 1923 steht, daß ich dafür – 100 Millionen zu bekommen habe.
Ich muß jetzt mein Bündel schnüren. Sei innigst <li. Rand> gegrüßt mit 1000 guten Wünschen! Dein Eduard.
[re. Rand] Das Glasperlenspiel ist einfach langweilig.
[re. Rand S. 1] S. 414 ist kein Druckfehler: mediieren heißt bei Kierkegaard vermitteln. Und S. 407 ist alles in Ordnung.