Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Oktober 1948 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 30.X.48.
Meine einzige Freundin!
Die Einzelheiten der Fahrt nach Oberwolfach werden Dich interessieren. Unser Rektor setzte sich vorn ins Auto, weil er die Richtung angeben mußte. Aber in Freudenstadt endete schon sein Latein. Ein Schutzmann mußte erst bestätigen, daß meine Direktive richtig war. Wir fuhren also, leider schon in der Dunkelheit, über Zwieselberg Klösterle, Schapbach und fanden durch Fragen die Brücke (ca 7 km vor Wolfach) wo wir links abbiegen mußten. Der Lorenzenhof ist kein Hof, sondern ein schloßartiges modernes Gebäude, das jetzt ein mathemat. Forschungsinstitut beherbergt.
Wir waren 15 Leute: v. Tübingen, Freiburg (v. Dietze, auch "Moabit"), T.H. Karlsruhe u. Stuttgart, Heidelberg (der sehr angenehme u. kluge Kunkel), H.H. Mannheim. Die Beratungen dauerten 1½ Tage. Samstag war es trübe, Sonntag ein strahlender Herbsttag wie selten. Der Laubwald rostrot. Wir fuhren gegen 3 ab. Nun sah ich das Gasthaus, wo wir auf der Brücke Eier gegessen haben (jetzt Gasthaus Valeri). In Zwieselberg, nun frei von frz. Ferienkolonien, machten wir eine Kaffeestation. Die weitere Fahrt über Freudenstadt nach Horb
[2]
| war einer der großartigsten Landschaftseindrücke, die ich je gehabt habe. Besonders oben bei Bittelbronn, wo man das ganze Neckarvorland und die Alb bis weit nach Südwesten sah.
Die Woche sonst war etwas bunt mit Besuchen (u. a. Schadewaldt aus Berlin.) Gestern Abend war mein philos. Privatkreis. Der Vortragende war natürlich erkrankt und ich mußte ein Referat über Sartre improvisieren, an das sich eine sehr lebhafte Diskussion anschloß.
Morgen geht es für den ganzen Tag nach dem Hohenzollernschen Schloß Lindich, wo ich die Diskussion leiten soll. Am Dienstag 8 Uhr soll die Vorlesung "Einleitung in die Philos." beginnen. –
Du solltest mit dem Heizen nicht länger warten. Wenn Du morgens, spätestens 11 Uhr etwas einlegst, ist es doch eine andere Luft. Das Frieren macht auch inaktiv.
Hier beginnt man sich für die neue Berliner Universität zu interessieren; manche sind geneigt, als Gastprofessoren hinzugehen; ich nicht.
Ich habe wieder einmal die ganze Apostelgeschichte gelesen. Man tut das doch mit anderen Augen als in der Schule. Allmählich will ich durch den ganzen Paulus durch.
Die Jugendpsychologie ist erschienen, kommt aber erst später. Aussehen wegen des Papiers mäßig.
Es kommt jetzt eine unruhige Zeit. Die Briefpause wird vielleicht etwas größer. Ich hoffe, daß <li. Rand> Du recht vernünftig lebst und nicht nur auf Sparsamkeit. Die Studenten Hagedorn (im Glashause) u. Wolfgang Herchenbach sind schon eingetroffen. Innigste Grüße Dein
Eduard.

[re. Rand] Grüße Matusseks.
[li. Rand S. 1] Von Zwieselberg bis Tüb. 1½ Stunden Fahrt.