Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. November 1948 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

18. Nov. 48.
Meine einzige Freundin!
Zunächst möchte ich Dir und Hermann gemeinsam einen herzlichen Gruß senden und Euch ein schönes Zusammensein wünschen. Die äußere Temperatur ist ja etwas milder geworden und hält hoffentlich so noch an. Vermeide aber Dich mit Haushaltsgeschäften zu sehr anzustrengen. – Kürzlich war Herr Ackerknecht aus Marbach/Neckar hier, der Hermann in der Schweiz getroffen hatte. Ich danke Hermann noch sehr für seinen Kartengruß aus Zürich.
Das Semester läuft nun schon fast 3 Wochen. In der ersten Stunde hatte ich den Hörsaal 9 mit 300 voll besetzt. In der zweiten mußte ich ins Maximum übersiedeln, das mit 500 voll besetzt ist, und seit der 3. Stunde sind regelmäßig 600 da, so daß ich mit Mühe aufs Katheder komm und immer erst einer vom Boden aufstehen muß, wenn ich etwas an die Tafel zeichnen will.
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| Am Donnerstag aber funktioniert auch dieses Vergnügen nicht. Da erhebt der "große" Mediziner Kretschmer Anspruch auf das Maximum. Für diesen Tag bin ich in den Festsaal ausquartiert, wo man im Mantel lesen muß, weil nicht geheizt ist, und wo die Studenten nicht schreiben können. Ein monotoner, stimmungsloser Raum, der bis ganz hinten voll ist; nur die Emporen bleiben geschlossen. Im Maximum bei K. ist es dann ebenfalls überfüllt. Das Lesen unter solchen Umständen ist sehr anstrengend, nicht etwa der Stimme wegen, sondern weil man das Gefühl hat, den überbesetzten Wagen nicht den Berg hinaufzubekommen. Für mindestens 1/6 wäre die Sache zu schwer; man läßt dann instinktiv manches fallen.
In den letzten Wochen habe ich auch mit der Augenklinik zu tun bekommen. Nach der 2. Vorlesung lag es wie eine Gardine vor meinen Augen (objektiv nur vor dem rechten.) Ich ging sogleich zu unsrem 74jährigen Stock, der genau untersuchte. Heraus kam: 1) Lassen Sie die Brille auf der Straße ganz weg. 2) Lassen Sie sich eine Brille mit halben Gläsern machen; so soll ich das Auditorium sehen u. zugleich lesen können.
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| 3) zu dem, was Anlaß meines Kommens war: machen Sie garnichts. Sonstige Auskünfte blieben unbestimmt. Ich habe aber privatim folgende Feststellung gemacht. Bei geschlossenem Auge sah ich links [über der zeile] rechts – jetzt pfusche ich Dir in das Handwerk – diese Figur <Zeichnung einer liegenden "Wurst">, die sich im Laufe einiger Tage so allmählich verlor, als wenn an ihr radiert wurde. Sie ist jetzt ganz weg; aber es bleibt noch etwas Flimmern rechts mit schwarzen Punkten. Heute war ich noch einmal bei Stock, der sich für diese Einzelheiten nicht interessierte und mir sagte: machen Sie garnichts, Ihre Augen sind ganz gut. Die Brille – beim 3. Optiker erhältlich – kostete 29 M. Ich werde sie vorläufig nicht benutzen.
4 Theorien habe ich meinerseits erwogen: 1) Folge eines ungeheueren Niesens? 2) Folgen von Blutarmut oder Vitaminmangel? 3) Folge von zu starkem Nikotin – Zigarrenstummel in der Pfeife? 4) Folge der heute häufigen allzu kleinen Druckbuchstaben? Jedenfalls war das mal wieder ein Choc, und ich habe die 3. Klinik bei uns kennen gelernt.
Nachdem Flitner hier abgelehnt hat, ist es nicht ausgeschlossen, daß Wenke den Ruf bekommt. In der Ostzone sind die Philosophen Leisegang und Menzer (73) fristlos und pensionslos entlassen. Hingegen ist Meinecke (86) Rektor der neuen freien Universität Berlin geworden, und der Edeljournalist Redslob dirigiert das kümmerliche
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| Gebilde.
In dem stud. jur. Rommel, dem Sohn des indirekt ermordeten Feldmarschalls, habe ich einen jungen Mann kennen gelernt, der einen hoffnungsvollen Eindruck macht. –
Die Vorlesung absorbiert mich ganz, so daß ich die sonstigen Zusagen nicht erfüllen kann; es bleibt zu viel liegen. Sonnabend – Sonntag gingen mal wieder gegen 20 Briefe hinaus. Eine freundliche Einladung nach Schweden werde ich ablehnen, wie ich die nach der Schweiz abgelehnt habe. Ganz vertraulich: mein Kollege Krüger wird wohl an Eure Universität übersiedeln. Dann gibt es hier wieder ein Vacuum.
Beiliegendes Bild ist von Inge Scholl während des Kongresses in Mainz aufgenommen.
Heute Nachmittag kommt Nieschling. Wir hörten – auf persönl. Einladung – Beethovensonaten sehr schon gespielt von Elly Ney. Sonntag Abend gehen wir in ein Symphoniekonzert mit ihr als Solistin.
Mein Nachruf auf Fritz Copei ist in einer Gedenkschrift erschienen. Ein recht gutes Buch über geisteswiss. Psychologie von Oelrich habe ich im Ms. gelesen.
Ich denke teilnehmend an das arme Frl. Héraucourt.
Ich wiederhole noch einmal meine herzlichen Wünsche zu Eurem Zusammensein und grüße <li. Rand> Euch wärmstens. Stets Dein
Eduard.

[re. Rand] Ein Vortrag von mir im Leibnitianum: Jugendgenerationen 1900–1948 hat sehr interessiert.