Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. November 1948 (Tübingen)


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Tübingen, den 25. November 48.
Meine einzige Freundin!
Hier hat sich sehr Merkwürdiges ereignet, ungefähr von der Art: "Mir war so, als hätte ich ...... Mir war so, als wäre ich ......"
Der einfache objektive Tatbestand ist der: ich habe eine regelrechte Angina gehabt, habe 3 Tage im Bett gelegen, 2 Vorlesungen ausfallen lassen und erst heute früh wieder gelesen. Aber so einfach verlaufen solche Dinge in Schwaben nicht.
Höre also: Am 18. Nov. abends rauchte ich eine kleine Zigarre, die mich kratzte. In der Nacht hatte ich in den Bronchien eine Kitzelstelle, die mich sehr lange husten ließ. Ich nahm allerhand Hustenmedizin. Die Sache ging zurück. Am 19. abends wurde mir das Seminar in einem überheizten Raum rechts schwer. Um gute Luft zu haben, gingen wir am Sonnabend Nachm. zu Fuß nach Kirchentellinsfurt. Jedoch meldete sich bei der Rückkehr schon die Angina; ich kaufte noch Thyangol und Alaun zum Gurgeln. Sonntag
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| früh blieb ich aus Vorsicht im Bett. Eine Einladung zu Stadelmanns sagten wir ab; Besuch des Abendkonzertes fo von Elly Ney, zu dem wir Karten hatten, kam nicht in Betracht. Die 2. Karte ging also an eine Ärztin, Freundin v. Frl. Schaal, die uns oft Freundlichkeiten erwiesen hatte und eben erst Frl. Schaal tagelang vertreten hatte. Bei dem Nebeneinandersitzen wurde besprochen, daß – falls ich den Wunsch hätte – Frl. Dr. M. mich am nächsten Tage besuchen sollte. Obwohl ich sonst für eine Halsentzündung keinen Arzt rufe, sagte ich mir: warum soll sich eine befreundete, allerdings nicht offiziell praktizierende Halsspezialistin sich die Sache nicht einmal ansehen? Die Schluckbeschwerden waren ungeheuer; an der Zungenwurzel, ebenfalls nur rechts, auch Schmerzen. Höchsttemperatur beim ganzen Prozeß 37,8.
Frl. Dr. M. erschien also am Montag Vorm. mit schönen neuen Instrumenten. Schon beim Auspacken hatte ich den Eindruck – so aus dem ganzen Gehaben heraus – es sollte hier ein schwerer Fall gefunden werden. Abstrichgläser waren gleich mitgebracht. Nun gut. Vormittags also 1. Abstrich. Nachmittags mit besonderen Instrumenten
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| Öffnung einer vertrackten Gaumenspalte und 2. Abstrich. Das war recht schmerzhaft. Als es aber heraus war, fühlte ich mich erleichtert. Die Schmerzen gingen a tempo zurück und ich fühlte mich sofort in der Besserung. (Montag 22. nachm.)
Die Abstriche gingen in das Hygienische Institut. Dort fand man keine Diphtheriebazillen. Aber in stundenlangem Brüten fand Frl. Dr. M., was sie – ohne jedes Interesse für mein sonstiges Befinden – suchte, nämlich Diphtheriebazillen, und nun mußten die anderen auf dem Institut es auch zugeben. (Triumphierend erzählt!)
Auf Grund eines Schlafmittels [unter der Zeile] von Frl. M., das leichter sein sollte als Bromural, in Wahrheit viel schwerer war, nämlich Phanodorm, schlief ich schon um 8 Uhr abends herrlich. Erst am nächsten Morgen erfuhr ich, daß Frl. Dr. M. um 8½ noch einmal da war mit der Diphtheriespritze. Sie hatte schon den Ordinarius für innere Medizin, Prof. Bennhold, verständigt und Vorbereitungen für meine Überführung in die Infektionsklinik getroffen, auch Bennhold selbst zur Mitbehandlung alarmiert.
Am Dienstag erwachte ich in bestem Befinden ohne Schmerzen, mit ca 36,8. Mit verstörtem
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| Gesicht teilte mir S. mit, ich müsse sofort isoliert werden. Ich erwiderte [über der Zeile] ebenfalls sofort: "I Gott bewahre" Und bei Frl. Dr. M. erkundigte ich mich nur nach der Rechtslage. Denn ich würde meine Wohnung nur unter staatshygienischem Zwang verlassen. Frl. Dr. M. machte noch einen Gaumenabstrich, diesmal ohne Schmerzen. Inzwischen erschien Bennhold. Schon beim Eintreten merkte ich, daß er den Fall psychologisch vollkommen durchschaut hatte. Er sah sich die noch schwach gerötete Stelle an; erzählte dann – wohl aus kollegialer Schonung – eine Mordsgeschichte, wie froh der Arzt sei, wenn die Angina D-bazillen auffresse, die übrigens sehr oft in kleiner Zahl gefunden wurden. Es fand noch eine längere Konsultation unter beiden Medizinern statt. Dann erklärte B, von jetzt an werde sein Oberarzt Höring die Behandlung übernehmen; der sei berechtigt, Hausbesuche zu machen.
Nach diesen Vormittagsemotionen ging es mir am Nachm. ausgezeichnet bei 36,3.
Gestern früh kam Herr Höring, ein sympathischer junger Mann, sehr vergnügt, sah noch einmal hinein [li. Rand] Temp. 35,9., und als ich ihm meine Absicht, heute früh zu lesen, mitteilte, sagte er: "das
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| können Sie ruhig machen." Ich habe sehr gut geschlafen, bin um ¾ 7 mit 36,2 aufgestanden und um 8 ins Kolleg gegangen. Auf der Straße traf ich die halbe Medizinische Fakultät mit Bennhold an der Spitze. Diese gingen zu Kretschmer in das überfüllte Maximum, ich in meinen vollbesetzten Festsaal, wo man allerdings im Mantel reden muß. Ich habe mit der Stimme nicht die geringsten Schwierigkeiten gehabt.
Außer meiner Diphtherie 1890 habe ich zahllose Anginas gehabt, die immer sehr prosaisch verlaufen sind. Diese war mir interessant unter psychol. Gesichtspunkten. Ich habe diese ca 40jähr. Medizinerin während der ganzen Sache sehr genau beobachtet. Es war nicht der mindeste Wille zur Behandlung, nicht die geringste Beachtung für mein subjektives Befinden da: nur der leidenschaftliche Drang, – etwas Schweres zu finden. Und das kommt aus einer stark psychopathischen Frauenklique, zu der außer Frl. M. u. Frl. Sch. auch Cilli und noch eine vierte gehören. Sie treiben den menschlichen Defaitismus in Reinkultur, wenn nicht Schlimmeres. Ich bin darauf längst aufmerksam geworden. Natürlich
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| bin ich nicht so töricht, anzunehmen, es hätte nicht auch D. sein können. Vielmehr bin ich dankbar, daß "es" wieder mal gnädig gegangen ist. Aber von der medizinischen Kunst habe ich ein schlechtes Bild empfangen: Jedes Wort u. jedes Tun waren psychologisch falsch.
Nun hoffe ich nur, daß unser telepatischer Gleichschritt sich auch dahin berührt, daß Dein vertretener Fuß ebenfalls schnell in Ordnung gekommen ist. Leider kann so etwas viel länger dauern, und das würde mich sehr aufregen. Daß man den Fuß fest binden muß, weißt Du besser als ich. Hermann wird ja nicht abgereist sein, ohne Dich in bestimmter Besserung zu wissen.
Euch beiden für die lieben Briefe vielen Dank!
Ich bin natürlich mit all meinen Sachen stark in Unordnung gekommen. Vor allem mit der Vorlesung selbst, von der schon 4 Stunden so oder so abgeknapst sind.x) [li. Rand] x) Die Doktorkosten betragen wohl wegen der bes. Umstände hier 100 M.
Sonnabend ist Hans R. G. Günther hier angesagt.
Ich muß abbrechen und tue es mit warmen Wünschen für gute Besserung samt 1000 Grüßen.
Dein

Eduard.