Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Dezember 1948 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

7.XII.48.
Meine einzige Freundin!
Ich wünschte lebhaft, zu wissen, wie es mit Deinen Fuß geht. Die Einlagen pflegen nie ganz das zu sein, was man braucht. Mögest Du an einen "denkenden" Schuster kommen. Es gibt auch solche.
Mit diesem kurzen Zettel werde ich für einige Zeit brieflich Urlaub nehmen müssen. Da ich am Samstag in Ehingen – nicht weit v. Blaubeuren – reden soll, fällt ein Wochenende für die Posterledigung aus, und vor Weihnachten pflegt sonst tausenderlei zu kommen. Heute muß ich zum 1. Mal die gewöhnliche Post allein erledigen. Meine sehr tüchtige, allerdings auch sehr teure Schreibhilfe (1 Stunde 2,50 M) ist plötzlich von hier nach Göttingen übersiedelt. Das vorletzte Wochenende ist durch den Besuch v. Hans Günther und das, was mit ihm zusammenhängt, auch völlig draufgegangen. Sein Konflikt mit Wenke hat seinen Gipfel erreicht. An der Erlanger Universität sind große Untersuchungen im Gange: Ministerium, Militarregierung und zur äußersten Verschlimmerung der Oberstaatsanwalt – sind dabei auf dem Plan. Ich habe mich schriftlich äußern müssen. W. ist natürlich nur "verwickelt". Ich nahm an,
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| W. von all diesen Dingen wußte. Aber gestern kam ein Brief von ihm, wonach er keine Ahnung hat. Sehr schlimm ist, daß nun die Berufung hierher, die eben an ihm abgehen sollte, auf m. eignen Rat zunächst unterbleiben mußte. G. hat sich hier ganz freundschaftlich gezeigt, und es kam zu keinem Mißton. Aber er bleibt nun einmal, wie Du früher zu sagen pflegtest, "profitlich", und indem er sich gegen den Vorwurf der "Selbstbewerbung" energisch verwahrt, übt er sie unablässig vor jedermanns sehenden Augen aus. Für meine gewissenhafte schriftl. Äußerung in dieser Sache habe ich mit dem Studium der Korrespondenz einen ganzen Tag gebraucht.
Der mir sehr sympathische Oberschulrat Merck, auch ein Freund Wenkes, war hier und unterstrich mündlich die Einladung des Hamburger Senats zur Goethe-Festrede am 14.I.49. Ich habe dankend abgelehnt.
Dieses Wochenende habe ich einen großen Aufsatz zur Schulreform für die Wirtsch.-Zeit (100000 Exemplare) in Windeseile fertig gemacht. Sonntag waren Stadelmanns (Historiker) bei uns. Die Vorlesung kostet mir nach wie vor viel Mühe u. Zeit. Ich komme noch immer kaum zur Tür hinein und kaum an die Tafel. Der Vortrag glückt aber so einigermaßen.
Berlin! Meinecke Rektor! Seltsame Zeiten! Ich habe nicht mehr die Kraft, da mitzumachen. Meine Ärzte haben mich alle gratis behandelt – was sehr teuer wird. – Krüger wird wohl zu Euch <re. Rand> gehen. Es konnte sein, daß ich im S.S. hier der einzige Hinterbliebene bin für – Philosophie, Pädagogik u. Psychologie! Das ist nun der 2. Akt in Tübingen.
<li. Rand> Wir hatten hier himmlisch klare Tage. Das ist doch Süddeutschland!
Viele herzliche Wünsche u. Grüße Dein Eduard.

[] Frl. Héraucourt?