Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1948 (Tübingen)


[1]
|
<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

23.12.48.
Meine einzige Freundin!
Vor dem 25.XII wirst Du – im besten Falle – diesen Weihnachtsbrief leider nicht haben. Es geht vor dem Fest hier immer etwas wirr zu, und die Zeiteinteilung wird durch Überraschungen über den Haufen geworfen.
Eine sehr üble Überraschung war mir die Nachricht von Deinem neuen Unfall. Ich wünschte ja, daß Du auf der Straße die äußerste Vorsicht anwendetest. In unsrem Alter ist eben ein Hinfallen gleich mehr als ein Hinfallen. Wenn nur wirklich alles vorüber ist und nichts davon zurückbleibt als eine vermehrte Vorsicht!
Die Fahrt nach Ehingen war nicht berauschend, aber eine Abwechslung. Das Auto holte mich erst um 17 Uhr hier ab; am Neckar war Nebel, oben auf der Alb Mondschein. Die Fahrt ging über Urach, Seeburg (bis dahin lohnend) – dann aber bei Münsingen trostlose Öde. 67 km in
[2]
| 1¾ Stunde. Eine halbe Stunde nach Ankunft ging der Vortrag im Gymnasium, vor 150–200 Hörern schon los; er dauerte fast 1½ Stunden; aber bei dem Thema "Psychologie der Lebensalter" halten die Leute das immer aus. Nachher mit dem Manager 2 Glas Wein in der Krone. Von der Stadt habe ich nichts gesehen. Dann um 8 mit ½ Stunde Verspätung stand am Sonntag das Auto schon wieder da, und um 10¼ war ich schon zu Hause.
Am Donnerstag darauf fuhr ich um 12 nach Stuttgart zu einer wichtigen Begegnung mit Wenke. Wir haben über 4 Stunden unter der Erde im Bunker-Hotel konferiert. Es handelt sich, wie sich herausstellte, um übertriebene, ja üble Gerüchte, die Günther gegen W. aufgebracht hatte. Er fuhr am nächsten Tage zur Weiterverfolgung der Angelegenheit nach Erlangen. Ich war um 21½ zu Hause und hatte am nächsten Morgen 8 Uhr Vorlesung.
Diese Woche wollte ich noch bis gestern lesen. Aber obwohl es legal war, mußte ich schließlich dem Wunsch der Studenten nachgeben und schon Dienstag abbrechen. Dadurch
[3]
| konnte ich ein Zusammensein meines philosoph. Kreises bei Frau Dr. Mahn am Dienstag abend besser genießen. Das war wirklich sehr hübsch, und ich freue mich immer aufs neue, daß ich so starke Individualitäten um mich versammeln konnte. Denn mit den Kollegen geht es zwar gut; aber es kommt selten etwas Besonderes dabei heraus.
Zwei junge Schottinnen, die hier studieren und von Frl. Silber Grüße brachten, waren am Sonntag zum Kaffee bei uns.
Während dieses Briefes wurde ich von einem Kollegen unterbrochen, der an der Eröffnung der Freien Universität in Berlin teilgenommen hatte und mir Einzelheiten davon erzählte. Mindestens dies ging daraus hervor, daß ich die Anstrengungen und Zwischenfälle einer solchen Reise nicht ausgehalten hätte. Er war übrigens der einzige v. d. Westuniversitäten, der hingelangt war.
Ich habe sofort beim Nachlassen der Semesterarbeit begonnen, alte literarische Zusagen zu erfüllen. Das wird nun auch auf die Festtage drücken. Vom 2.–5.I. habe ich eine "Arbeitsgemeinschaft" mit den Köngenern in Stutt
[4]
|gart
und in Rohr bei Stuttgart. Am 14.I. spreche ich in Gießen. Ich hoffe, daß ich auf der Rückfahrt am 15.I. mindestens 2 Stunden in Heidelberg Station machen kann. Darüber hörst Du noch Näheres. Es ist teils eine Fahrplan, – teils eine Kraftfrage.
Am 29.XII. wird Frl. Geppert hierherkommen, vielleicht nachher auch nach Rohr. Ich muß mich nun eiligst auf diese religiösen Probleme einstellen.
Wende 50 Pf dran und kaufe Dir die Neujahrsnummer der "Wirtschaftszeitung".
Die neue "Jugendpsychologie" ist vorgestern an Dich abgegangen. Das ist das Einzige, was ich Dir auf den Weihnachtstisch legen kann. Meine Seele aber wird am 24.XII. bei Dir auf dem Sofa sitzen und mit Dir von alter Zeit reden. Ich weiß nicht, ob Du eingeladen bist. Für unsereinen ist ja auch ein ganz stilles Alleinsein nicht so schwer: "Ein getreues Herze wissen ......" Leider scheint es kalt zu werden. Spare nicht mit den Kohlen, am wenigsten in den Feiertagen. Du kannst doch wohl mindestens Holz frei kaufen. Schicke mir die Rechnung darüber. Das soll eine zweite kleine Weihnachtsgabe sein.
<li. Rand> Alles andere ohne Worte. Da mich der Koll. Ebeling unterbrochen hat, muß ich, ohne den Brief <Kopf> noch einmal durchzusehen, schleunig zum Briefkasten gehn.
<re. Rand>
Innigst Dein Eduard.