Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./6. Januar 1948 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 4. Januar 1948.
Mein liebes Herz!
Wenn es auch vielleicht richtiger wäre, ich ginge schlafen, anstatt einen schläfrigen Brief zu schreiben, möchte ich doch gern noch den Sonntagabend benutzen, um auf den lieben Sylvesterbrief zu antworten und Dank zu sagen. Und auf das schöne Paket vom 5.XII. habe ich doch an Susanne ausführlich Dank gesagt. Oder kam der Brief nicht an? Die "Dänische Butter " war ein besonders erfreulicher Ersatz für die lange ausbleibende Krankenbutter, die ich aber jetzt voll beliefert bekam. Überhaupt habe ich Dir heut nur allerlei Gutes zu berichten. Seit kein Frost mehr ist, sind all die verschiedenen Frostschmerzen verschwunden. Auch die aufgeplatzte Fingerkuppe habe ich zum Verheilen gebracht. Für mich war also dieses Tauwetter eine Wohltat. Was es im Übrigen angerichtet hat, ersiehst Du aus dem Zeitungsausschnitt. Ich ging an dem Tag über die Holzbrücke zu Hedwig Mathy und hatte einen tiefen Eindruck von der Gewalt des reißenden Stromes. Und dann dachte ich: das kommt alles von Tübingen, und sah das malerische Bild des Ufers dort vor mir! Wie hat sich denn die Ammer benommen?
Lächeln mußte ich über die erneute Gleichzeitig[über der Zeile] keit bei uns, zunächst in Bezug auf den heroischen Entschluß nicht zu klagen! Bei mir hat es noch keine nachteilige Wirkung gehabt. Aber von Dir weiß ich, daß es kein gutes Zeichen
[2]
| war, wenn Du zu sanftmütig warst, und wenn Du aufhörtest zu rauchen! – Aber vielleicht ist es aus gewissen Gründen klug, Mißstimmung nur an verständnisvoller Adresse zu äußern; wie ich es nicht für ratsam halte, die zunehmenden Hindernisse, die Alter und Nachlassen der Augen für die Arbeit [über der Zeile] bedeuten, zu betonen.
Dann das Buch von Hassell! Einen Tag ehe Dein lieber Brief kam, hat es mir Frau Prof. Serr geliehen! Ist das nicht schön? Ich werde es nun noch begieriger lesen, als ich es ohnehin täte. – Und wenn Du mir ein Exemplar der Sonette leihen würdest, die Du doppelt besitzt, würde ich sie auch gern kennen lernen.
Den Tag heute habe ich recht prosaisch zugebracht. Die Sonntage sind mir überhaupt immer besonders dafür willkommen, liegengebliebene Arbeit ein wenig aufzuarbeiten. Am Nachmittag habe ich nun die Schemata für Prof. Serr, an denen ich schon 3 Tage gezeichnet hatte, vollends fertig gemacht. Mit einigen kleinen Mißgeschicken sind sie nun doch, wie ich hoffe, ganz gut ausgefallen.
Was Du über eine Unterbringung in einem Heim schreibst, klingt sehr gut, aber –  – im Landfriedstift wohnen die Damen jetzt zu zweit in einem Zimmer und in Zukunft sollen es wohlmöglich drei sein. Du wirst verstehen, daß ich so lange als möglich davon keinen Gebrauch machen möchte.
[3]
|
Du schreibst, Du seist in Behandlung? In welcher Beziehung? Ich war gestern bei Frl. Dr. Clauß, die ich bewundere und verehre. Es hängt von der chemischen Untersuchung ab, ob sie mir noch einmal Zulage verschreiben kann. Dienstag werde ich noch einmal das Objekt dazu hinbringen! Im ganzen aber habe ich mich durch den Zusatz entschieden erholt und fühle das auch, seit die ständigen, kleinen aber quälenden Schmerzen aufgehört haben. Auch die Nervosität ist geringer, seit die Augenspiegelarbeit in ein Stadium getreten ist, das ein mäßiges Ausarbeiten zuläßt. In dem Fall war es richtig, daß mir die Geduld riß und ich an den Chef selbst ging. Sobald ich bei Serr fertig bin, kommt das dann an die Reihe.
Wenn Ihr mal aus Amerika irgendwelche Schuhe bekommen solltet, die für Euch zu klein wären, dann wäre ich gern Abnehmer. Ich habe nur noch ein brauchbares Paar, abgesehen von Schnürstiefeln, die ich aber nur bei abgeschwollnen Füßen tragen und ertragen kann, wie eben. Die sind noch sehr gut!!
Sehr dankbar bin ich Dir für Dein Interesse an der Zukunft von Hermann und Dieter. Auch hier sind schon frühere Lehrer untergekommen an dem Englischen Institut, wie mir Frau Buttmi sagte. Eventuell wäre doch auch die frühere Tadden-Schule in Wieblingen zu erwägen; oder meinst Du nicht? Wenn Matusseks am Mittwoch kommen,
[4]
| wie ich annehme, werde ich Deinen Gruß ausrichten, und nochmals wegen Dieter fragen nach dem Chef der Psychiatrischen; ist das der Kurt Schneider? (Es gibt hier mehrere Professoren des seltenen Zunamens!)
– Heute habe ich mir mit dem Sparöfchen das Zimmer ganz erträglich heizen und zugleich darauf kochen können. Es sind jetzt noch 13°R, und ich finde es ganz behaglich. Allmälig sind doch die Wände von der häufigen Heizung etwas angewärmt. Hauptsächlich ist ja jeglicher Mangel an Sonne in diesem Kellerloch schwer zu ertragen. Meine Blumentöpfe am Fenster pressen sich förmlich an die Scheiben um etwas Licht zu bekommen. Das Heizmaterial kann bei andauernd mildem Winter aber ausreichen! –

Dienstag. 6.I. Nun kann ich Dir gleich noch das erfreuliche Resultat des Besuchs bei Frl. Dr. Clauß melden: ich bekomme wieder Zusatz! Die Arbeit bei Serr ist fertig und in der Klinik macht Prof. E. bis Ende der Woche noch Ferien. Da habe ich mehrere Tage für meine eigenen Sachen. Das ist fein. – Jetzt werde ich noch fürs Abendbrot sorgen; wie oft jetzt: Apfel in Eierkuchenteig (ohne Ei!) und dann soll ich noch zu Buttmis kommen. Das ist immer nett.
Der Winter scheint einen neuen Anlauf nehmen zu wollen, möge es mäßig ausfallen. Für heute nun Schluß und nur noch der Vorschlag, eventuelles Schimpfen, das Du gern los würdest, an mich zu richten. Ich verstehe das schon richtig! Und bleibe gesund, sei maßvoll im Arbeiten und sei mit den beiden Frauen vielmals gegrüßt.
<Kopf>
In stetem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand] Ist das Buch von U. v. H. nicht erschütternd? Es packt mich wie Dante’s Inferno.