Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12. Januar 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg, 11. Januar 1947.
Mein liebes Herz,
es ist schon wieder Sonntag abends und ich habe die ganze Woche nichts von Dir gehört. Der letzte liebe Brief vom 31.XII. meldete etwas von "Behandlung" und einer Methode, die Dir schlecht bekomme. Da mache ich mir natürlich Gedanken, ob Du auch nicht krank geworden wärst? Aber ich hoffe doch, daß nur der enorme Briefverkehr und etwa die Langsamkeit der Post Veranlassung sei. Denn das Paket, dessen Ankunft vor Weihnachten mit der Absendung am 5.XII. und auch der Inhaltsangabe mir als das erschien, nach dem Du fragtest, war ja nicht das unerhört reiche Geschenk für Weihnachten. Und Du meintest noch, Ihr hättet nichts zu schenken! Wenn ich nur nicht immer bei solch selbstlosen Gaben denken müßte, daß es nun Euch entgeht! Bei meinem sparsamen und möglichst zweckmäßigen Wirtschaften habe ich wirklich jetzt ein auskömmliches Dasein und entbehre nichts seit die Kartoffeln vorhanden sind. Auch mit der Heizung kann ich zufrieden sein, seit die Kälte nachließ. Heute zeigte mein Thermometer 13½°R und ich fühle mich behaglich dabei. Die Wand des Schornsteins, der durch mein Zimmer geht, zeigt an, daß unter mir geheizt wird.
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| Das hilft sicher mit. Und der zeitweise Mangel an Wärme kommt auch mit daher, daß ich viel außer Hause bin, und dann erst spät zum Heizen komme. Der Ofen aber braucht bei seiner Kleinheit häufige Behandlung, weil er zu schnell leer brennt. Aber ich lerne ihn immer besser ausnützen.
Es hat mir wohlgetan, daß sich die Berufsarbeit etwas verschleppte, und daß auch die nervenverbrauchenden Fahrten mit der Elektrischen seltener waren. Überhaupt bin ich gleichmütiger geworden und fühle mich dabei entschieden wohler, obwohl ich diese Einstellung eigentlich als sehr egoistisches Sichabschließen vor den Nöten der Zeit empfinde. Es ist wohl Notwehr, denn was hülfe es, wenn ich mich in Mitgefühl verzehre! Aber so viel ich kann, trotzdem für andere da zu sein und zu helfen, das möchte ich. Und es ist schlimm, daß ich noch immer mit der Sorge für den eigenen Bedarf nicht in der Ordnung bin, die mich frei macht für manches längst Geplante und z. T. auch Begonnene. Denn "unser Leben führet schnell dahin als flögen wir davon!" Überhaupt liegt mir der 90. Psalm viel im Sinn: "Herr kehre Dich doch wieder zu uns" – so war es also auch damals! Aber doch meinen wir, das irdische Geschehen, das wir erleben, sei verzweifelter als jemals. Wie fieberhaft erregend ist es, mit den Aufzeichnungen von Ulrich von Hassell jene Zeit der rapi
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|den Zerstörung noch einmal in allen Einzelheiten mit zu erleben. Und man fragt sich immer wieder: wie konnte das nur kommen, und wie konnte doch trotz vieler einsichtiger Menschen dieser vernichtende Absturz nicht gehemmt werden?!

12.I. Ich lese sehr langsam, um die Zusammenhänge möglichst zu verstehen. Schon jetzt (April 40) taucht bei der Verhandlung in Arosa der Zweifel bei der Gegenseite auf, ob auch bei einem Systemwechsel mit Deutschland zu einem Frieden zu kommen wäre. – Es sind garzu <unleserliches Wort>, deren man sich im Voraus versichern will. Wahrscheinlich soll dadurch das Ganze möglichst geordneten, legalen Charakter haben. Und woran alles scheitern mußte, ist doch die Entschlußlosigkeit und mangelnde Einsicht des hohen Militärs. – Erschütternd ist der Moment, wo Goerdeler und Beck den englischen General im Sender sprechen hören. Ja, das ist ein Nachklang jenes Staates, den wir kannten und liebten, und den preußischen Könige geschaffen haben. Das ist Deutschland, auf dessen Auferstehen wir sehnlichst hoffen, und dessen Reste Du bemüht bist, lebendig zu erhalten. – Und von den Männern, die damals im Geheimen gegen die verbrecherische Regierung arbeiteten, stehen heute welche unter Anklage wegen Planung eines Angriffskrieges etc.! (W.)
– Aber es ist spät, und ich will diesen Brief noch zur Post bringen, damit er morgen früh mit fortgeht. Darum nur noch viele, viele Grüße an Dich und Susanne und Ida. Mit innigen Wünschen für Dein Ergehen
Deine Käthe.