Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Januar 1948 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Januar 1948.
Mein liebes Herz,
wie schnell ist der Sonntag wieder herbei gekommen! Und so ist doppelte Veranlassung zu einem Briefe an Dich, denn Du wünschst schnelle Antwort auf die Lederfrage, die ich nur gleich als erstes erledigen will: Einen guten Schuhmacher habe ich nicht, sondern nur einen Flickschuster, der zusehends schlechter in der Arbeit und tüchtiger im Trinken wird. Die Verwendung von Eurem amerikanischen Leder kommt also für mich überhaupt nicht in Frage, ganz abgesehen davon, daß sicher Susanne oder Du ebenso notwendigen Ersatz braucht, wie ich. Außerdem kann ich seit der milderen Temperatur überraschender Weise die festen Kalblederstiefel wieder anziehen. Meine Füße wechseln eben sehr an Umfang und damit auch an Schmerzhaftigkeit. Ich schmeichle mir mal wieder mit der Hoffnung, daß die Anlage zum Frost bei erprobter Behandlung nicht wiederkehren werde. Für Dein liebes Angebot herzlichsten Dank. Vielleicht bietet sich mal ein weniger üppiger Ersatz.
Daß Du den Genuß hattest, über Heidelberger Lümmelei kräftig zu schimpfen, habe ich natürlich
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| mit Befriedigung vernommen, wenn ich auch nicht von der alleinigen Schuld unsrer Post an der Verzögerung des Pakets überzeugt bin. Und was das Heft Credo betrifft, so weiß ich, daß ich s. Z. Dir dafür gedankt und geschrieben habe, es sei mir dieser Aufsatz gerade wie die Weltfrömmigkeit ganz besonders nach dem Herzen. Aber Deine Nachfrage kürzlich versäumte ich zu beantworten, wie man ja überhaupt immer nur teilweise schreibt, was man vorhatte. Da mir dies Credo so besonders gefiel, habe ich mehrfach hier versucht, es zu kaufen, aber natürlich vergeblich.
Noch bin ich ganz gefesselt von den Aufzeichnungen Hassell's. Wie konnte es nur kommen, daß unser Volk einen so jähen Absturz bis in die führenden Schichten hinein erlebte? War die preußische Erziehung eine zu völlige Entmündigung, oder sind wir von Natur zu autoritätsgläubig? Werden wir aus den Erfahrungen lernen, uns sammeln von innen heraus zu neuem Wert, im Sinne Deiner Kulturpathologie-rede? – Immer wieder muß ich daran denken, wie Beck und Goerdeler im Sender die Ehrung des deutschen Militärs durch den englischen General erlebten. So war es doch einmal vor garnicht langer Zeit! Sind denn alle die Gutgesinnten gefallen oder gemordet? Bleibt uns nur das Bewahren? O, daß das Vorbild lebendig bleibe und neues Leben wecke!
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Wie sehr mich Dein Gedanke am 24.II. nach Heidelberg zu fahren beschäftigt, wirst Du Dir denken. Aber es steht noch vor mir als ein großes Fragezeichen, sodaß ich nicht recht den Mut habe, daran zu glauben. Aber doch wäre ich dankbar, etwas mehr von den eventuellen Möglichkeiten zu erfahren, wie Du Dir etwa die Sache denkst? Wie lange könntest Du bleiben? Wäre es Dir recht, so wie Hermann hier zu übernachten? Es wäre gut, wenn ich mir ein ungefähres Bild von den äußeren Bedingungen machen könnte, das würde unter den heutigen Verhältnissen die Sache erleichtern und möglichst bequem machen für Dich und mich. Du mußt bedenken, daß ich sehr langsam geworden bin, auch im Disponieren.
Mit Lebensmitteln bin ich seit einigen Wochen unverhältnismäßig gut daran, sowohl durch die Zulage, als durch gute Beziehung. Sogar geschenkt bekomme ich, eigentlich gegen meinen Willen, alle Augenblicke etwas; so von Elsbeth Wille-Gunzert Kaffee, ebenso von Paula Seitz. Und die Bauersfrau in Kirchheim, wohin ich von dem geschenkten Kaffee mitnahm, hat mir ein paar Kohlköpfchen, Sellerie, Lauch und Zwiebeln, lauter Raritäten, gegeben! So schnorrt man sich jetzt halt durch!
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Du mahnst mich so lieb, langsam zu tun mit dem Zeichnen und tüchtig zu heizen. Es scheint mir das garnicht nötig zu sein, denn ich bin geradezu faul und verschwenderisch. Aber ich empfinde dabei wohltuend Dein Einverständnis! Mit der Arbeit für die beiden großen Probleme für die Klinik gedeiht es jetzt zu einem befriedigenden Abschluß. Das ist mir eine rechte Erleichterung, physisch und psychisch.
Im allgemeinen ist hier nichts zu melden. Und so nimm mit diesem nüchternen Bericht für heute vorlieb und laß Dich nur noch aufs Innigste grüßen. – Daß es lästig wäre, interessante Briefe mitzuschicken, stimmt übrigens nicht. Ich bin mir auch nicht bewußt, eine Rücksendung versäumt zu haben. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn Du welche mitschicktest! Schwierig sind mir nur die beabsichtigten Päckchen wegen der Verpackung!
Grüße Susanne und Ida, die mir so vorbildlich im Verpacken sind und denen ich so viel Dank schulde. –  – Wie schön, daß Ihr Ausflüge machen konntet, das hat Dich hoffentlich erfrischt und erholt! Möge es Dir weiter gut gehen!
Immer
Deine Käthe.